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Leipheim

26.02.2019

Kasperltheater für Erwachsene: Das ist keine ganz leichte Kost

Kasperltheater für Erwachsene wurde im Leipheimer Zehntstadel geboten. Eine nicht ganz leichte Kost.
Bild: Kaiser

Doctor Döblingers geschmackvolles Theater weckt Erinnerungen an die Kindheit. Und es wirkt auf dem Heimweg nach.

Erinnerungen an die eigene Kindheit werden wach. Noch ist der Vorhang am herrlich altmodischen Kasperltheater geschlossen. Doch bald geht es los, die Spannung steigt. Was wird die rund 100 Besucher im nahezu ausverkauften Zehntstadel erwarten? Nicht Kinder sind in froher Erwartung, sondern Erwachsene. Kasperltheater für die reiferen Jahrgänge? Geht das? Es geht, wie „Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater“ am Freitagabend in Leipheim unter Beweis stellte. Wenn auch anders als aus jungen Jahren gewohnt. Ein bisschen derber und deutlich anspruchsvoller.

Das ist ja das Merkwürdige. Der Kasperl hat keine Eltern. Die von Graf Franz von Pocci (1760-1844) erdachte Figur des Kasperls „Larifari“ kennt als Verwandte nur die etwas dusselige Oma. Ansonsten umgeben ihn die bekannten Gestalten – der Räuber, der Wachtmeister, der Seppl, der Zauberer und die Hexe, die Gretel oder das böse Krokodil. Wo also kommt der elternlose Kasperl her? Hat er etwa doch Vater und Mutter, einen Schöpfer, oder ist er nur das Werkzeug eines Schauspielers? Das ist der ebenso verworrene wie vielschichtige rote Faden, der sich durch das Stück „Das Verschellen der Fernbedienung oder The Roots of Larifari“ zieht.

Im Stück sind jede Menge Anspielungen versteckt

Der Beginn der Inszenierung ist aus Kindertagen noch bekannt. Seid ihr alle da, schreit „Obacht“, wenn dem Kasperl Gefahr droht oder wenn er etwas Dummes anstellen will. Das Publikum folgt den Regieanweisungen des Wachtmeisters Wirsing stimmkräftig, amüsiert und willig. Das Kind im Mann und in der Frau. In den folgenden zwei Stunden wird es anspruchsvoller. In dem Stück sind jede Menge Anspielungen auf literarische Vorlagen versteckt. Gemäß Goethes „Faust“ verkauft der Kasperl seine Seele und damit die Aufführungsrechte an seinen Geschichten an den Teufel. Doch ist dieser Teufelspakt rechtswirksam? Wo doch niemand weiß, wer die Rechte am Kasperl besitzt. Er, der einst wie Moses in einem Weidenkörbchen lag, oder andere?

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Zur Klärung dieser Fragen betritt Richter Adam aus Kleists „Der zerbrochene Krug“ die Szene. Nicht als Puppe, sondern als leibhaftiger Schauspieler vor der Theaterkulisse. Der Richter ruft alle denkbaren Zeugen und potenziellen Väter in den Zeugenstand – neben Räuber und Oma, König und Prinzessin auch den Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry oder den schniefenden Darth Vader. Klärende Erkenntnisse werden nicht gewonnen. Alle erzählen in der Rückblende eine andere, Richter und die Zuschauer verwirrende Geschichte.

Manch Derbes und Unflätiges ist hier zu hören

„Das sagt man nicht“, tadeln Eltern ihre Kinder. Im Kasperltheater für Erwachsene darf man es sagen. Manch Unflätiges ist zu hören, manch Derbes und die eine oder andere sexuelle Anspielung. Ob es „subversiv und anarchisch“ ist, wie im Werbetext zu lesen, die Pfarrers-puppe mit einem Hintern als Kopf erscheinen zu lassen, den Landfrauen Drogen zu verkaufen oder über die Montessori-Leistungsträger in der FDP zu spotten, das mag im Auge des Betrachters liegen. Manche Längen der Texte sei den Autoren verziehen, die handwerkliche und sprachliche Virtuosität der Puppenspieler hat das mehr als ausgeglichen.

Und wie geht die Geschichte aus? Der Richter hatte einst das Kasperl-Theater und die Figuren erschaffen, darunter auch Kasperls Mutter Marie Larifari. In der irrigen Annahme, sie habe die Fernbedienung verschlampt, mit der das Theater nur zu steuern ist, hat er sie umgebracht. Vater und Tochtermörder zugleich. Das Stück hat dennoch ein halbwegs gutes Ende. Richter Adam übergibt die zerfledderte Puppe der Mutter Marie dem Kasperl. Und da auch die Fernbedienung wieder da ist, kann das Licht ausgeknipst werden. Auf dem Heimweg darf noch nachgedacht und gegrübelt werden.

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