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Kabarett

28.01.2017

Kaufen Sie einen Fußballer!

Was René Sydow seinem Leipheimer Publikum sonst noch rät

„Der am lautesten geflüsterte Geheimtipp des deutschen Kabaretts“, so wurde René Sydow, der im Leipheimer Zehntstadel gastierte, von einem Journalisten bezeichnet. Ein Geheimtipp ist er wohl deshalb, weil er keine leichte Kost bietet. Laut geflüstert wird dieser Tipp deshalb, weil er sich gut darauf versteht, mit ernsten Themen gleichermaßen satirisch überzeichnend und erhellend umzugehen.

So ist er schon in der ersten Szene fertig mit der Welt. An zwei Beispielen zeigt er, wie brüchig diese ist: In Ägypten wurde eine Diktatur durch eine Herrschaft religiöser Fanatiker ersetzt, die wiederum von einer Militärdiktatur gestürzt wurde. In der deutschen Politik war früher die SPD gegen Angela Merkel, heute ist die SPD in Angela Merkel. Trotzdem bereitet es dem Publikum Vergnügen, ihm zuzusehen, da er sich immer wieder mit Witzen wie „Angela Merkel kann mich gern haben, aber lieben soll sie mich nicht“ selbst aus dem Dreck zieht.

Dass der Zustand des Fertigseins mit der Welt schon früh begann, wird deutlich, als Sydows Bühnenfigur mit allerlei Wortspielen aus seiner Kindheit erzählt. So wurde er geboren vom Vater des Gedankens, der an seine Frau aufgrund eines Ödipus-Komplexes geraten war. Seine große Schwester behandelte ihn wie einen Hund, da sie statt seiner lieber ein solches Haustier gehabt hätte. In der Pubertät suchten dann alle das Breite – beim Kiffen. In dieser Phase traf er auf eine, die sich auszog, um ihn das Fürchten zu lehren. Seine Frau wurde dann aber eine Bekanntschaft von einem Buchhalterball: „Sie war als Soll verkleidet, ich war zu haben.“

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In einer Reihe von Szenen des Programms ist der Krieg das bestimmende Thema. Sydow erklärt, warum sich die Deutschen darin besonders ertüchtigt haben: Das Etikett „Land der Dichter und Denker“ bekam Deutschland von Ausländern aufgeklebt, sagt der Kabarettist. „Diese wollten uns verspotten, weil wir zuviel philosophieren. Um zu zeigen, dass dem nicht so ist, haben wir zwei Weltkriege angezettelt.“ Immer wieder zitiert Sydow aus einem Buch des preußischen Feldherrn von Klausewitz. Zum Beispiel: „Je weniger Aufwand ich benötige, um dem anderen meinen Willen aufzuzwingen, desto erfolgreicher ist der Krieg.“ Über diese Effizienz unterhält sich Sydows Bühnenfigur im Aufenthaltsraum einer Schönheitsklinik mit einem Vertreter der Rüstungsfirma Kraus-Maffei. Demokratien seien für die Firma einfach unpraktisch – Panzer lassen sich viel besser an Diktatoren verkaufen. Und wenn das verboten ist, gibt es eine Gesetzeslücke, die den Verkauf von Landminen gestattet. Und was tun, um von deren Erfolg noch mehr zu profitieren? In Prothesentechnik investieren, natürlich.

Außerdem macht Sydow die große Kluft zwischen Arm und Reich zu seinem Thema, und zwar anhand von Überlegungen zum Wert von Menschen. So schicke zum Beispiel das Jobcenter Hamburg Arbeitslose ohne Lohn, aber mit Sanktionsandrohung zum Gärtnern in die städtischen Grünanlagen. Der Fußballer Ronaldo ist laut seinem Klub Real Madrid aber momentan eine Milliarde Euro wert. Deshalb lautet Sydows Tipp gegen die Null-Zins-Politik: Kaufen Sie einen Fußballer!

Das Leipheimer Publikum verabschiedet Sydow mit tosendem Applaus. (mgh)

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