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Dorfserie

18.09.2016

Korsika, der Dom und dahinter die große Freiheit

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6 Bilder
Etwas abgelegen, aber doch nicht weg: Die Reichertsrieder fühlen sich in ihren Weiler wohl und nehmen so manches dafür in Kauf. Weggehen möchte keiner.
Bild: Peter Wieser

Plus Nur wenige Kilometer von Münsterhausen entfernt eröffnet sich ein kleines Paradies: der Weiler Reichertsried. Dort gibt es viel zu entdecken.

Das Ende der Welt? Immerhin: Die einzige Straße, die den kleinen Weiler mit Münsterhausen über die sanften, mit Wald und grünen Wiesen bedeckten Hügel verbindet, verläuft über den Nachbarort Häuserhof wieder in den Markt zurück. Das war’s. „Nein, dahinter kommt die große Freiheit“, sagt Reinhard Huber lachend und zeigt in die Richtung, wo nur noch ein Feldweg weiter in den Wald führt. Ein bisschen abseits ist Reichertsried schon, aber: „Man ist nicht weg voneinander“, fügt Münsterhausens zweiter Bürgermeister Erwin Haider hinzu.

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Warum Reichertsried auch noch den Namen „Korsika“ trägt, das weiß eigentlich keiner mehr so genau. Und einen FC Korsika gibt es auch, bekannt sogar in Österreich – Hobbyfußballer, die seit 30 Jahren regelmäßig über Pfingsten dorthin zum Hobbyfußballturnier bei Stockach fahren, wie „Präsident“ Werner Veit erzählt. Doch zurück nach Korsika, oder vielmehr nach Reichertsried: Der Weiler hat 20 Häuser, 63 Einwohner und einen Dom. Einen Dom? „Immerhin finden da 60 Prozent der Bewohner Platz“, verrät Reinhard Huber. Wie in einem Dom eben auch.

Gemeint ist natürlich die Kapelle „Zu unseres Herrgott’s Ruh“. Bilder zeigen, in welch erbärmlichen Zustand das Käppele vor seiner Renovierung im Jahr 1982 war. Anlässlich seines 50. Geburtstag hatte der damalige Landrat Dr. Georg Simnacher anstelle von Geschenken um finanzielle Unterstützung auf ein Spendenkonto gebeten. Er habe sogar persönlich Geldspenden gesammelt. Nicht umsonst steht auch eine Figur der Heiligen Georg darin. Pfarrer Mirko Cavar zeigt auf den Altar mit der mächtigen und wunderschönen Darstellung des ruhenden Herrgotts, umringt von in alle Richtungen blickenden Engel „Für mich strahlt sie eine unwahrscheinliche Ruhe aus“, sagt er.

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Einmal im Monat, immer an einem Dienstag, findet ein Gottesdienst statt, dann ist die kleine Kapelle fast immer voll. Schon allein auch deswegen wollen Pfarrer Cavar und Pfarrer Lozic auch weiterhin nach Reichertsried kommen. Früher gab es um das Käppele regelmäßig Kapellenfeste. „A bissle eingeschlafen sind sie schon“, meint Reinhard Huber. Dafür fand bereits zweimal ein großes Oldtimertreffen statt. Rund 500 Fahrzeuge, alles was Räder gehabt habe, sei nacheinander die schmale Straße in den Weiler eingefahren.

Im Ort gibt es auch viele Kinder

Ach ja, Kinder gibt es auch in Reichertsried, und zwar eine ganze Menge. Mit 15 an der Zahl machen sie immerhin fast 25 Prozent der Reichertsrieder Gesamtbevölkerung aus. Die Zukunft des kleinen Weilers dürfte somit gesichert sein. Luisa, Elias, Samuel und Benedikt sitzen auf der Bank um den großen Kastanienbaum. Dort, wo sie im Herbst die Kastanien sammeln, für die Rehe im Winter. „Es ist so schön ruhig bei uns. Wir können auf der Straße spielen und Fahrrad fahren“, sagen sie. Kein Wunder: Am „Mittleren Ring“, der einzigen Straße, die durch Reichertsried führt, kommt vielleicht, höchstens alle Stunde einmal ein Auto vorbei, kaum einmal ein Traktor. Denn von den acht Höfen, die es einmal in Reichertsried einmal gab, ist keiner mehr übrig. „Bei uns gibt es keine Kuh mehr“, bestätigt Peter Aichinger (83), der schon immer in Reichertsried lebt und selbst einmal eine Landwirtschaft betrieben hat.

Immer wieder halten Fahrradfahrer für eine kurze Rast an der Bank um den Kastanienbaum vor der Kapelle an und fragen nach einer Gastwirtschaft oder nach einem Biergarten. Fehlanzeige, leider. Auch die Reichertsrieder würden sich wieder einen solchen wünschen. „Mir gand zur Dora“ hatte man noch bis in die späten 80er Jahre hinein gesagt, als es noch eine Wirtschaft gab. Geöffnet hatte die Dora nach Bedarf und ganz früher wurde dort sogar getanzt. Und wenn die Meinungen der Gäste zu weit auseinander gingen, soll es schon einmal vorgekommen sein, dass sich der eine oder andere im Weiher gegenüber wiederfand. Einen Weiher hat Reichertsried nämlich auch. Mit Seerosen, ein paar Entenhäuschen und sogar Schildkröten leben darin. Um diesen kümmert sich Erich Veit. „Weil’s mi halt freut“, erklärt er kurz und knapp und zeigt zum Haus Nummer 6, wo er mit seiner Frau Anita wohnt.

Überall finden sich Sitzecken und Plätze zum Verweilen

Wie ein roter Faden ziehen sich dort kleine „Wegla“ durch den Garten rund um das Haus. Vorbei an dem Bildstock – ein Geburtstagsgeschenk an seine Frau – finden sich überall gemauerte Sitzecken und viele kleine Plätze zum verweilen. Umsäumt wird das Ganze von einem liebevoll gepflegten Sammelsurium an Dekorationen. So viel, dass es schon wieder gemütlich erscheint. Neben dem Waschbrett mit der Unterhose, dem alten Fahrrad und vielen anderen Kuriositäten begegnet man immer wieder allerhand aus Gummistiefeln und Wanderschuhen fröhlich herauswachsenden Blumen. Und unter den Gießkannen, die munter vom Baum vor dem Haus herabhängen, liegt sogar ein Ruderboot. „Es ist Entspannung. Einfach zum Runterfahren und Abschalten“, sagt Anita Veit.

Bis vor vier Jahren gab es in Reichertsried sogar noch einen Edeka-Markt, früher hieß er Spar. Tatsächlich konnte man dort alles kaufen und wenn die Münsterhausener Schulkinder Wandertag hatten, kamen sie oft in den Laden zu Theresia Veit. Jetzt ist sie 87 und lebt im Seniorenheim. Was nicht jeder weiß: Der kleine Weiler hat sogar einen heimlichen Bürgermeister, oder vielmer einen „Bier“germeister. Gemeint ist Anton Lachenmaier. „Ich bin der „Bier“germeister“, soll er einmal gesagt haben, und der Name ist ihm wohl geblieben. Er sieht es gemütlich und gelassen, seit er vor zwei Jahren in den Ruhestand ging. Am Vormittag geht er regelmäßig in den Wald und verrichtet verschiedene Arbeiten für die Gemeinde. Und am Nachmittag? „Dau dua i dahoim halt omanand arbada“, sagt er mit einem Schmunzeln. Und die Brombeeren und die Birnen, die aus seinem Garten auf die Straße hängen, die seien für die Kinder bestimmt.

Früher konnte man sogar die Berge sehen

„Schauen Sie sich um, es ist doch einfach schön bei uns“, sagt Steffi Atzkern und zeigt auf den Wald in Richtung Süden. Früher, als die Bäume noch nicht so hoch waren, habe man an manchen Tagen sogar die Berge gesehen. Dann gibt es noch das Reh Zilli, das einmal mit der Flasche aufgezogen wurde und auch heute noch regelmäßig hinter dem Weiher hervorkommt. A propos Rehe: Im Winter kämen sie manchmal bis zu den Häusern, dann wenn der Schnee liegen bleibt, erzählt Fanni Aichinger

Romantik, Ruhe und Beschaulichkeit: So ruhig, dass man auf der Terrasse die Burtenbacher Reaggie-Party oder den Frühschoppen mit der Musikkapelle Dinkelscherben mitverfolgen kann. „Sogar, welcher Schiedsrichter am Sonntagnachmittag das Fußballspiel des SV Münsterhausen pfeift“, fügt Reinhard Huber scherzend hinzu. Wenn auch kein Bus zur Schule oder zum Kindergarten fährt, wenn auch die Wege zum Bäcker oder zum Metzger ein gutes Stück weiter sind: Die Reichertsrieder nehmen das in Kauf. Auch Thomas Huber, der nach Münsterhausen geheiratet hat. Seine Schreinerei hat er nach wie vor in seinem Elternhaus in Reichertsried. Und das wird wohl auch so bleiben.

Den vorherigen Teil unserer Dorfserie lesen Sie hier - und Sie können sich zu den weiteren Teilen durchklicken.

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