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Landkreis Günzburg

13.02.2020

Lehrer protestieren gegen die Ministeriumspläne

Wie hier am 7. Februar in Nürnberg werden an diesem Freitag Lehrer in Augsburg gegen die Pläne des Ministers demonstrieren.
Bild: Nicolas Armer/dpa (Archiv)

Plus Warum rund 80 Lehrkräfte aus dem Kreis Günzburg am Freitag in Augsburg auf die Straße gehen. Und was ihnen alles missfällt.

Roland Grimm und Burkard Sterk haben in den vergangenen Tagen viele Telefongespräche geführt – führen müssen. Am anderen Ende waren Lehrerkollegen, die verärgert, verunsichert, verblüfft waren, dass nun ausgerechnet sie das ausbaden sollen, was ihnen die „seit Jahren falsche Personalpolitik der Staatsregierung“ eingebrockt hat. Noch zum Schuljahresbeginn habe der bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) davon gesprochen, dass es um die Unterrichtsversorgung im Freistaat gut bestellt sei, ruft Sterk, der Günzburger Kreisvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG) in Erinnerung.

Das aber scheint so nicht mehr zu gelten. Denn jetzt sollen nach den Plänen des Kultusministeriums Lehrer an Grundschulen ab dem kommenden Schuljahr eine Stunde mehr arbeiten: eine Vollzeitkraft dann 29 statt 28 Stunden – und das fünf Jahre lang. Danach gilt für drei Jahre wieder die alte Wochenstundenzahl und dann heißt es: nur noch 27 Stunden. Dieses „Arbeitszeitkonto“ gilt für die 50- bis 56-jährigen Pädagogen.

"Schule ändert sich permanent"

„Dazu kommt noch die wöchentliche Sprechstunde. Und dazu rechnen muss man auch die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts“, sagt Roland Grimm, der Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). 28 Stunden seien also, wenn man so wolle, allenfalls die wöchentliche Nettoarbeitszeit. Die Vorstellung, dass man nach einigen Jahren an gesammelter Erfahrung den Unterricht nur noch aus den angelegten Ordnern abhalten könne, habe mit der Wirklichkeit nichts zu tun. „Schule ist einfach sehr dynamisch und ändert sich permanent: Neue Lehrpläne, Digitalisierung und Inklusion sind nur einige der Stichworte“, meint Grimm.

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Bild: Grimm/BLLV

Die Betroffenen wollen sich das nicht gefallen lassen. Deshalb treffen sich Pädagogen aus allen Teilen Bayerisch-Schwabens am Freitag in Augsburg zum Protest im Annahof und am Moritzplatz. Eine Gesprächsrunde mit Politkern wird angeboten – unter anderem mit dem Landtagsabgeordneten Max Deisenhofer (Grüne). Oder aber die Lehrer gehen zu einer Kundgebung.

Oft ist der Vollzeitjob Lehrer gar nicht mehr möglich

Dabei ist diese Stunde mehr gar nicht die Hauptquelle der Empörung. Für drastischer halten die beiden Berufsfunktionäre Piazolos Plan, Teilzeit in der Grund-, Mittel- und Förderschule erst ab 24 Wochenstunden zu ermöglichen. Aktuell kennen Grimm und Sterk Kolleginnen und Kollegen, die 16 Stunden oder noch weniger arbeiten. Aus Jux und Tollerei geschehe dies nicht. Die Gründe für die Arbeitszeiteinschränkung sind mannigfacher Natur: Vielleicht muss ein Angehöriger gepflegt werden oder aber die eigene Erschöpfung ist so groß, dass der Vollzeitjob Lehrer gar nicht mehr möglich ist. „Wir sind besonders in Sorge um die älteren Lehrkräfte, die nicht mehr so belastbar sind und deshalb ein geringeres Deputat gewählt haben“, so Sterk.

Bild: Grimm/BLLV

Auf Antrag konnte man bislang mit 64 Jahren in den Ruhestand gehen. Künftig ist das erst ab 65 Jahre möglich. Und noch eines: Überschreitet die Stunde Mehrarbeit der Lehrkräfte an einer Grundschule die maximale Stundenzuweisung an dieser Schule, müssen die Pädagogen eine entsprechende Anzahl Unterrichtsstunden an einer anderen Grundschule oder auch an einer anderen Mittelschule im Landkreis abhalten. Das alles sei nur „wenig motivierend“.

Das Grundschulzeugnis soll vereinfacht werden

Der „Dreiklang“, den Piazolo verschiedentlich beschworen hat, um den Unterricht zu gewährleisten (dienstrechtliche Maßnahmen, Freiwilligkeit und Entlastungen für die Lehrkräfte) können weder Sterk noch Grimm wahrnehmen. Wenn in der vierten Jahrgangsstufe dann die Zahl der Probearbeiten reduziert werden solle, habe das, so Sterk, „nur eine marginale Entlastungswirkung“. Die KEG kämpft bereits seit Jahren darum, das Grundschulzeugnis zu vereinfachen. Bisher muss aufwendig in Textform das Sozialverhalten, das Lern- und Arbeitsverhalten, individuelle Lernentwicklung und zusätzliches Engagement bilanziert werden. Und auch in den einzelnen Fächern stehen nicht nur Ziffernnoten. Eine Änderung ist bisher nicht abzusehen.

All das, was Piazolo vorhat, versprüht nach der Ansicht der Kreisvorsitzenden beider Berufsverbände keinerlei Charme, sondern sei schlicht demotivierend. Sterk empfindet es als fatales politisches Signal gerade an die Lehrkräfte der Grund- und Mittelschulen: „Das sind die mit der höchsten Unterrichtsverpflichtung, der geringsten Vergütung und der heterogensten Schülerschaft.“ 500 Mitglieder sind auf Kreisebene beim BLLV, knapp 300 bei der KEG organisiert.

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