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Konzert

04.12.2018

Leidenschaft der Seele

Unter Leitung von Johanna Larch fand in der Leipheimer St. Veitskirche die 130. Stunde der Kirchenmusik statt. Gesangssolisten waren die Sopranistinnen Berenike Huber (links) und Iris Lutzmann.
Bild: Helmut Kircher

Sangesjubel und strahlendes Blech bei der 130. Stunde der Kirchenmusik in St. Veit

So langsam tröpfelt tatsächlich die Erkenntnis durch, dass man den Namen Antonio Vivaldi zwangsläufig nicht allein mit den durch die Werbung genudelten „Vier Jahreszeiten“ in Zusammenhang bringen muss. Tatsächlich hat der rothaarige venezianische Priester, Geigenvirtuose und Komponist auch Hunderte von Konzerten geschrieben, Opern und sogar packende Kirchenmusik. Als Musiklehrer und Maestro de coro am „Pio Ospedale della Pietá“ vermittelte er ausgesetzten oder verwaisten Mädchen eine Ausbildung auf Konservatoriumsniveau, bis sie, wie es hieß, „engelsgleich sangen und spielten“. So taten es auch, unter Leitung von St. Veitskantorin Johanna Larch, die Leipheimer St. Veitskantorei, das Kammerorchester der Petruskirche Neu-Ulm und der Posaunenchor beim kleinen Jubiläum der 130. Stunde der Kirchenmusik in der Leipheimer St. Veitskirche. Im Mittelpunkt des Programms: Vivaldis wohl bekanntestes und beliebtestes kirchenmusikalisches Werk, sein zwölfteiliges, als Kantate angelegtes „Gloria in D“ RV 589.

Es beginnt, so prächtig wie mächtig, mit orchestraler und vokaler Rasanz. „Gloria in excelsis Deo“. Mit von Oktavsprüngen geprägten Motiven der Streicher, mit souverän kraftvollem Klangvokabular des Chores. Das „Et in terra pax“ dagegen verfällt in polyfon elegisch zurückgenommene Wehmut, die Johanna Larch am Pult zielsicher und vivaldi-rhetorisch in weiträumig homofonen Bogen setzt. Ein Licht freudiger Erwartung bringt das „Laudamus te“, das Berenike Huber und Iris Lutzmann in sopranistisch bewegend ausgestellten Lobgesang einbinden, bevor der Chor, in bewährt disziplinierter Weise, zum polyfon verdichteten Fugato des „Propter magnam“ ansetzt.

Ein Glanzpunkt das „Domine Deus“-Siciliano, mit dem Berenike Huber auf zarten Melismenbögen, von Solo-Oboe und Continuo umsungen, himmelwärts schwebt. Wie auch Iris Lutzmann in der Alt-Partie des koloraturfreudigen „Qui sedes“ und „Domine Deus“, von Cello und Geige begleitet. Chor und Orchester bestechen, durch italienische Noblesse veredelt, mit dunklen Bässen, zarten Melodien und kräftig eingeschobenen kontrapunktischen Verdichtungen, bis zum glanzvollen Schlusspunkt des „Cum sancto spirito“. Die Leidenschaften der Seele in Klang gefasst.

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Fortgesetzt in Teil zwei des Eineinhalbstunden-Abends, der vollauf dem souverän aufspielenden Posaunenchor vorbehalten ist. Das heißt, nicht so ganz, denn Organist und „Gast in residence“, Andreas Käßmeyer, hat einen gewichtigen Ton mitzureden. Mit des großen Johann Sebastian Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel (1714-1788) und Teilen aus seiner Orgelsonate D-Dur, einer fast schon frühklassischen Symphonie. Die virtuosen, schnell wechselnden Motive und eingeschobenen Floskeln, die irrlichternden Arpeggien und Tonleiterläufe geben diesem ambitionierten Organisten wiederum Gelegenheit, seinen glanzvollen, mal schwebend leichten, mal zupackend mehrschichtigen Tastengang auf brillante Weise zur Geltung zu bringen.

Mit Wilhelm Friedemann Bachs (1710-1784), aus den Tiefen Bachscher Zuversichtshoheit geschöpften Bläserbearbeitung „Nun komm, der Heiden Heiland“ bahnt der Posaunenchor den Weg für eine Art Bachfestival, denn auch Vater Johann Sebastian (1685-1750) ist, neben dem polyfon meisterhaft gestalteten Trompeten-/Posaunenduett „Auf meinen lieben Gott“, noch mit zwei weiteren, glaubensfest in bachschem Modus breitgewalzten Liedbearbeitungen vertreten. Christian Sprenger (*1976) betritt in seinem melodisch wuchtigen „Wie soll ich dich empfangen“ keine neotonalen Pfade, verbleibt in altherkömmlicher Kirchentonart, wogegen Ingo Bredenbach (*1959) sich in seinem Vorspiel zum Advents-Sinnträger „Macht hoch die Tür“ ein zwar nostalgisch verklärtes, aber doch mutiges Klanggewitter, in ein Licht zweifelnder Zuversicht setzt.

Und da ist noch ein Erich Broy jun. (*1969), posaunenchorisches Eigengewächs, der aus seinem viersätzigen „Lobt Gott den Herrn“ so etwas wie ein weihrauchig-wonneschauerliches Sakral-Event mit augenzwinkernd ironischen Vorzeichen macht. Tief greift er dabei ins Schatzkästchen multikultiger Klangvielfalt. Mit eingängiger „Ouvertüre“, mit orchestralen Effekten und solotrompeterischer Ausgestaltung. Aber auch ein paar Takte liturgisch tiefenstimmig verwendbarer Läuterung sind dabei, und schlussendlich eine pudergezuckerte Prise Broadwaymelody, in rhapsodisch verklärtem „blue“. Und, of course, Gershwin lässt grüßen.

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