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Ichenhausen

13.03.2018

Lernen in der Synagoge

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Erst zuhören und dann die Lücken in einem Text richtig füllen: Grundschüler an einer von fünf jeweils doppelt aufgebauten Stationen in der früheren Ichenhauser Synagoge. In diesem Fall geht es um Feste und Feiern und deren Bedeutung in der jüdischen Religion.
Bild: Bernhard Weizenegger

Was sich Gymnasiasten zur „Woche der Brüderlichkeit“ für ihre jüngeren Mitschüler einfallen lassen und was den Lernort so besonders macht.

Die Frage wird Lehrer Michael Salbaum in dieser „Woche der Brüderlichkeit“ vermutlich noch öfters hören: „Dürfen wir die Gummibärchen holen oder noch nicht?“ Mehrere Großpackungen stehen griffbereit in einem Nebenzimmer der ehemaligen Synagoge Ichenhausen. Kurz vor dem „Schichtwechsel“ wird der Inhalt auf Pappteller verteilt. Neuntklässler des Dossenberger-Gymnasiums balancieren die süße Fracht in den Saal der Synagoge, um die Grundschüler für ihre Aufmerksamkeit zu belohnen. 75 Minuten lang haben die neun- und zehnjährigen Mädchen und Buben etwas über das Judentum, eine der fünf Weltreligionen, und ihre Geschichte erfahren.

Danach heißt es für die Grundschule Burgau und die Montessori-Schule aus Günzburg Abfahrt zum Jüdischen Friedhof am Rande der Stadt, während Grundschüler aus Wettenhausen, Kötz und Deisenhausen vom Friedhof in die Begegnungsstätte kommen. Am Ende der Schulwoche werden 1099 Viertklässler aus fast 30 Klassen die beiden Orte in Ichenhausen besucht haben. Sie halten damit die Erinnerung an eine der größten jüdischen Gemeinden Bayerns wach, die vor rund 80 Jahren von den Nationalsozialisten ausgemerzt worden ist.

Seit beinahe zwei Jahrzehnten hat sich das Dossenberger-Gymnasium der Vermittlung dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte verschrieben. Und immer sind es Schüler, die Schülern das Thema nahe zu bringen versuchen. „Das ist noch einmal ein ganz anderer Zugang“, sagt Salbaum, der Deutsch, Geschichte und katholische Religionslehre unterrichtet und die „Woche der Brüderlichkeit“ koordiniert. Der Altersabstand passe. Außerdem beschäftigten sich die Schüler sowohl in der Grundschule als auch die Gymnasiasten in der neunten Klasse mit der jüdischen Religion.

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Es geht um ganz verschiedene Themen

Der Löwenanteil der 115 Neuntklässler betreut die portionierten Gruppen an fünf Stationen, die jeweils doppelt aufgebaut und auf die Synagoge selbst und das benachbarte frühere Rabbinerhaus verteilt sind. Es geht um Feste und Feiern, Synagoge und Mikwe (jüdisches Tauchbad), Schrift und Schriften, Juden vor Ort und berühmte Jüdinnen und Juden. „Die Themen sind jedes Jahr dieselben. Spannend ist, was die Schülerinnen und Schüler draus machen“, sagt Michael Salbaum, der sich vor einigen Wochen wunderte, warum zur Materialbestellung für die „Woche der Brüderlichkeit“ auch zwei Hexenhüte angegeben wurden. Die Hüte trugen gestern zwei Schülerinnen, die den jüngeren Grundschülern Harry Potter nahebrachten beziehungsweise dessen Darsteller Daniel Radcliffe, der in einer teils jüdisch geprägten Familie aufgewachsen ist.

Im Raum nebenan müht sich Constantin Salbaum von der 9d darum, das Leben der Anne Frank nachzuzeichnen. Einen Vortrag hat er nie geplant. Um die jungen Schüler für das Thema zu interessieren, ist ein Spielfeld konstruiert und aufgebaut worden. Und je nachdem wie sich die drei Zweierteams in einzelnen Situationen entscheiden, darf mit den Figuren in Kegelform gezogen werden. „Es geht nicht darum, als Erster im Ziel zu sein, sondern die beste Lösung zu finden“, sagt der 15-Jährige.

Am Ende soll die Botschaft hängen bleiben, wie schwierig ein Leben als Verfolgte ist. Sich öffentlich zu zeigen, Essen zu besorgen, mit jemandem Kontakt aufzunehmen und sich Freuden anzuvertrauen, sind pure Selbstverständlichkeiten. In den Zeiten der Nazidiktatur bedeutete ein solches Verhalten als Jüdin und Jude der sichere Weg in den Tod. Warum fiel die Wahl darauf, Anne Frank vorzustellen? „Weil die Schüler allein schon vom Alter her mit ihr etwas anfangen können“, befindet Constantin Salbaum. Das Mädchen versteckte sich mit ihrer Familie fast drei Jahre in einem Hinterhaus in Amsterdam. Sie wurde mit 15 Jahren wenige Wochen vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen ermordet. Weltberühmt ist ihr Tagebuch.

Fragen wie bei „1, 2 oder 3“

Der 14 Jahre alte Janik Steck hat sich für die Lernstation „Juden vor Ort“ entschieden. Er und seine Mitstreiter bilden aus den Grundschülern, für die sie jeweils für 15 Minuten verantwortlich sind, drei Mannschaften. Dann werden Fragen gestellt. Und jeweils ein Kandidat eines jedes Teams darf wie beim TV-Kinderquiz „1, 2 oder 3“ aus drei Antworten wählen und auf eines der drei auf dem Holzboden markierten Antwortfelder springen. „Die Kinder sollen einfach Spaß haben“, sagt der Schüler aus der 9b des Günzburger Dossenberger-Gymnasiums. Er erinnert sich, dass er vor fünf Jahren auf der anderen Seite war und sich von ältren Schülern etwas über das Judentum hat erzählen lassen. Jetzt ist er der „Lehrer“.

Der durchaus gewollte Nebeneffekt dieser Übung: Die Neuntklässler erkennen, wie schwierig es ist, Schüler bei Laune zu halten und ihnen etwas beizubringen. Bis zu den Osterferien mache sich das im Anschluss an die „Woche der Brüderlichkeit“ im Unterricht mit einer erhöhten Aufmerksamkeit bemerkbar, wissen die Lehrer des Dossenberger-Gymnasiums aus Erfahrung. Danach verblasse diese Erkenntnis allerdings wieder. Bedauerlich sei heuer, dass die Ferien bereits nach einer Woche regulären Schulunterrichts begännen.

Aber jetzt geht es erst einmal um diese Woche. Für Freitagmittag sagt Michael Salbaum, nachdem der letzte der 1099 Grundschüler die Synagoge verlassen hat, für seine Schützlinge voraus: „Die werden ganz schön platt sein.“

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