1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Lesung mit Theo Waigel: Die Briefe des Bruders und die Weltpolitik

Günzburg

08.10.2019

Lesung mit Theo Waigel: Die Briefe des Bruders und die Weltpolitik

Copy%20of%20Waigel_Lesung_GZ_raw_Okt19_6raw_1.tif
2 Bilder
Die Schlange wollte gar nicht enden. Sowohl in der Pause als auch nach der Veranstaltung der Günzburger Zeitung signierte der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel seine Memoiren „Ehrlichkeit ist eine Währung“ im Forum am Hofgarten. Den Erlös des Abends stellt Waigel der Kartei der Not zur Verfügung.

Plus 75 Jahre nach dem Tod seines Bruders an der Front blickt Theo Waigel auf die Brüche der Kriegs- und Nachkriegszeit. In Günzburg zieht er das Publikum seiner Lesung zweieinhalb Stunden in seinen Bann.

Ein Bündel von Briefen, gehalten von einer dünnen Seidenschnur. Nach dem Tod seiner Mutter findet sie Theo Waigel in einem kleinen Koffer. „Ich hatte zunächst Hemmungen, das Bündel zu öffnen, die Briefe zu lesen“, erinnert er sich. Es sind die letzten Briefe seines Bruders August. Er fiel im September 1944 in Lothringen, mit 18 Jahren. Der Krieg hatte im Herbst 1944 fast schon Deutschland erreicht. „Wie es hier steht, wisst Ihr ja selber“, schreibt August Waigel nach Hause.

Fast genau 75 Jahre nach dem Tod seines Bruders ist Theo Waigel auf Einladung der Günzburger Zeitung zu Gast im Forum am Hofgarten. Der ehemalige Bundesfinanzminister liest aus seinen Erinnerungen „Ehrlichkeit ist eine Währung“.

Natürlich sind da diese vielen Windungen und Wendungen der Geschichte, der Weg zur deutschen Einheit, zur europäischen Währung, die Waigel als Politiker maßgeblich mitgestaltet hat. Doch bei all dem wird immer wieder deutlich, wie prägend für das Leben Theo Waigels die dramatischen Ereignisse in der Endphase des Zweiten Weltkrieges und danach waren.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Der Verlag riet Waigel: "Schreiben Sie doch was Lustiges"

Die Perspektive von Buchverlagen ist da bisweilen eine andere. „Schreiben Sie doch was Lustiges zum Beginn“, habe ihm der Verlag ans Herz gelegt, berichtet Waigel. Am besten die eine oder andere Anekdote aus den zahlreichen Begegnungen mit bedeutenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Doch Waigel beginnt seine Lebensdarstellung ganz bewusst mit Einblicken in seine Kindheit und Jugend, in der der Krieg allgegenwärtig ist. Sein Buch – es ist immer wieder die Botschaft, so etwas nie wieder zuzulassen, es ist sein leidenschaftliches Bekenntnis zu Europa.

Waigel spricht in der Lesung (moderiert von Till Hofmann, Redaktionsleiter der Günzburger Zeitung, der Reinerlös des Abends kommt der Kartei der Not, dem Hilfswerk unserer Zeitung, zugute) immer wieder darüber, wie der Krieg das Leben von sehr jungen Menschen zerstört hat.

Zweieinhalb Stunden unterhielt Waigel seine Zuhörer mit Ernstem und Heiterem.

Zur Ouvertüre von Waigels Lesung spielt die zehn Jahre alte Pia Wagner auf ihrer Harfe. Auch das steht für die Botschaft dieses Abends. Europa und seine Entwicklung: „Das ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Waigel.

Theo Waigels ältestes Buch: Eine Ausgabe von Grimms Märchen

Vor ihm auf dem Tisch liegt eine alte Ausgabe von Grimms Märchen. Es ist Waigels „ältestes Buch“. 1946 hatten die Waigels das aus dem Egerland vertriebene Lehrerehepaar Diwisch bei sich aufgenommen. 50 Kilo Gepäck, das blieb einem Heimatvertriebenen von seinem Leben. Das lässt ahnen, welche Bedeutung ein Buch wie Grimms Märchen in einer solch bedrängten Lebenslage haben konnte. „Angela Diwisch las mir regelmäßig Märchen vor, ich war begeistert“, erinnert sich Waigel.

Rund sieben Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Als Waigel über sein „ungeheuer großes Archiv“ in seinem Heimatort Oberrohr spricht, wird die geradezu fulminante Dimension seines Lebens spürbar.

Der rasche politische Aufstieg des Bauernsohns aus Oberrohr, CSU-Vorsitz, Bundesfinanzminister, maßgeblicher Mitgestalter der deutschen Einheit, Wegbereiter des Euro: All das ist vielfach beschrieben worden. Doch da war auch dieser Tiefpunkt, in den frühen 90er-Jahren. Bayerischer Ministerpräsident? Es wurde Edmund Stoiber, nicht Theo Waigel. Und da sind auch die Begleitumstände. Waigel spricht darüber, wie Journalisten über sein Privatleben „gefüttert“ wurden. Aber er sagt auch: „Ich trete nicht nach.“

Im Nachrichtenmagazin Spiegel erscheint 1992 die Schlagzeile „Der Versager“. Das muss man erst einmal verdauen. An diesem Abend in Günzburg wird aber auch deutlich, wie wichtig der Humor für Waigel als Lebensbegleiter gerade in solchen Situationen war und ist. Jahrzehnte nach der Spiegel-Schlagzeile steht Waigels Buch neun Wochen lang auf der Bestsellerliste des Nachrichtenmagazins. „Als Christ darf man natürlich keine Rachegefühle haben“, sagt Waigel. „Aber ein bisschen druckt es dann halt hier und da doch schon durch.“ Er lächelt. Von seinem Buch sind inzwischen rund 21000 Exemplare verkauft, eine Auflage als Taschenbuch ist geplant.

Ein Politikerleben zwischen den Schwergewichten Kohl und Strauß

Waigel – das ist auch ein Politikerleben zwischen Kohl und Strauß. Als Waigel über die vielen Begegnungen mit diesen beiden politischen Schwergewichten berichtet, wird immer wieder deutlich, welch schwierige Gratwanderung für ihn persönlich das war. Waigel hat sich schon damals in wichtigen politischen Fragen nicht immer auf der Linie der CSU positioniert. 2018 beispielsweise hat er Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem europapolitischen Symposium nach Ottobeuren eingeladen. Es war in der Zeit, als sich CSU und CDU in der Flüchtlingsfrage nicht mehr allzu viel zu sagen hatten. Und Waigel ist sich bei der Lesung in Günzburg sicher: „Wir werden uns nach Angela Merkel noch zurücksehnen.“

Die Wanderungen mit seiner Frau Irene geben ihm Kraft

Waigel, der im April 80 Jahre alt wurde, hat immer wieder betont, dass zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst auch der bewusste Umgang mit der eigenen Zeit gehört. (Lesen Sie dazu auch: Theo Waigel und ein „Lebensweg mit großer Konsequenz“ ) „Was bedeutet das Thema Tod für Sie?“, fragt Moderator Till Hofmann. „Es ist richtig und notwendig, sich damit zu beschäftigen – aber ohne Angst zu haben.“ Mit seiner Frau Irene kann er bald Silberhochzeit feiern: „Ohne Irene wäre ich wohl ein trauriger, verbitterter, alter Mann.“ Immer wieder ist er mit seiner Frau in den Bergen unterwegs.

Theo_Waigel_Lesung_GZ_7Okt19_49.jpg
22 Bilder
Theo Waigel liest in Günzburg aus seiner Biografie
Bild: Bernhard Weizenegger

Waigel erzählt von einer Wanderung im Lechtal, strahlender Sonnenschein, ein herrlicher Tag. Die beiden begegnen einem deutschen Touristen. „Sind sie Theo Waigel?“, fragt er. Waigel sagt „nein“. „Ach ja, der Waigel ist ja schon gestorben“, glaubt sich sein Gegenüber zu erinnern. Waigel: „Ja, vor zwei Jahren.“ Die Fähigkeit zur Selbstironie, sie ist selten geworden. Wie wichtig und wohltuend sie sein kann – auch das lässt Theo Waigels Lesung in Günzburg ahnen.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren