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Interview in Leipheim

02.06.2020

Liqui-Moly-Chef Ernst Prost: "Ich tauge nicht zum Opfer"

Kühler Kopf in der Krise: Ernst Prost. Der Glaspavillon im Garten seines Schlosses in Leipheim zählt zu den Lieblingsplätzen des Unternehmers.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Ein Gespräch im Leipheimer Schloss über den Disput mit Walter Feucht, Chancen in der Corona-Krise und den Wunsch, 102 Jahre alt zu werden.

Es heißt, der Corona-Pandemie seien Sie von Beginn an durch exzessives Homeoffice begegnet. Auch wenn Sie es hier im Leipheimer Schloss einigermaßen geräumig haben: Kann das wirklich stimmen, Herr Prost?

Ernst Prost: Ich bin seit drei Monaten hier nicht raus gegangen. Doch, ein Mal, zum Zahnreißen.

Arbeitet der Unternehmer/Schlossherr von einem Lieblingsplatz aus oder wechseln Sie Ihren Standort je nach Lust und Laune?

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Prost: Ich sause den ganzen Tag und teilweise auch in der Nacht rum mit dem Handy am Ohr und dem iPhone in der Hand. Wir sind ja international tätig, machen inzwischen zwei Drittel unseres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Da spielt auch die Zeitverschiebung eine Rolle. Ich kann um Mitternacht mit meinen Amerikanern telefonieren und auch schon wieder mit meinen Chinesen. Ich arbeite rund um die Uhr – und in der Krise ist mehr als in allen anderen Phasen gefragt, dass ich als Kapitän auf der Brücke bin.

Vorneweg gehen, im Wortsinn Vorbild sein wollen: Diese Eigenschaften begleiten Sie durch Ihr ganzes Unternehmer-Dasein. Doch selbst Liqui Moly ist ja vor Rückschlägen nicht gefeit. So litt die Firma im vergangenen Jahr unter erheblichen Problemen mit einer neuen Software. Nun die Corona-Pandemie. Das Ihnen so angenehme Brummen der Motoren: Zwischenzeitlich war es von den Straßen dieser Welt kaum noch zu vernehmen. Das muss Liqui Moly doch bis ins Mark erschüttern. Oder kommt die Firma auch durch diese Krise einigermaßen unbeschadet?

Prost: Das geht tatsächlich nur, wenn ich die Produktion aufrecht erhalte. Wir kämpfen derzeit buchstäblich um jeden Liter Öl.

Mit Erfolg, wie’s scheint. Jedenfalls haben Sie mitten in der Corona-Hochphase eine groß angelegte, sündhaft teure und viel beachtete Werbekampagne gestartet.

Der 63-jährige Geschäftsführer der Firma Liqui Moly arbeitet seit der Corona-Krise im Homeoffice in seinen herrschaftlichen Räumlichkeiten. Porträt auf seinem Balkon in Höhe der Türme, einer seiner Lieblingsplätze bei Sonnenuntergang.
Bild: Bernhard Weizenegger


Prost: Wann denn sonst, wenn nicht jetzt? Diese zwölf Millionen Euro werden irgendwann im Rückblick gut investiertes Geld gewesen sein.

Direkte Mitbewerber, aber auch viele Unternehmer aus anderen Branchen flüchten sich derzeit ins Gesundsparen um jeden Preis, in Stilmittel wie Entlassungen oder Kurzarbeit. Sie dagegen haben jedem Beschäftigten, Pardon, bei Ihnen heißen die Angestellten ja Mitunternehmer, unlängst 1500 Euro „Erschwernis-Zulage“ spendiert und in Verbindung damit erklärt, Sie würden auf Ihr Geschäftsführer-Gehalt verzichten. Warum tun Sie das?

Prost: Was ist denn besser: Einer, der mit-arbeitet, oder einer, der mit-unternimmt? Und in der Konsequenz dieses philosophischen Gedankens ist es doch normal, wenn man einen Teil des Erwirtschafteten wieder abgibt. Wenn dann die Leute, weil sie gut mit-unternehmen, weil sie Gas geben, weil sie ihr Unternehmen pflegen, eine Prämie erhalten. Ich verstehe gar nicht, wie man das anders machen kann.

Aufgrund solcher Aktionen gelten Sie als der Selfmade-Multimillionär, der einfach anders tickt oder, ebenfalls schön, als Roter Kapitalist. Im Moment sind wir ja unter uns, da dürfen Sie es ruhig sagen: Welchen Spitznamen würden Sie sich denn selbst geben?

Prost: Ich mag diese Etiketten und Schubladen nicht, weil das einem Menschen nicht gerecht wird. Ich denke, dass ich ein sehr vielfältiger Mensch bin und verschiedene Seiten habe.

Die offenkundig nicht jedem gefallen. Der Ulmer Backmittel-Produzent Walter Feucht hat Sie nun in einem Stadtmagazin als „kleinen Selbstdarsteller“ bezeichnet, Ihnen Minderwertigkeitskomplexe unterstellt und bemerkt, man dürfe Sie nicht ernst nehmen, müsse stattdessen eher Mitleid mit Ihnen haben. Sie haben daraufhin in einer breit gestreuten Antwort-Mail Herrn Feucht ein „Querschlägerlein“ genannt und ihm „dümmliche und ehrabschneidende Schwachsinn-Sätze“ vorgeworfen. Was war denn der Tropfen, der diesen Doppelpass der Verbalfouls auslöste?

Prost: Ich kenne den Mann gar nicht, ganz ehrlich. Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen, gesprochen oder sonst irgendwas. Wir haben auch keinen Streit. Einen Streit hätte man ja um ein Thema oder eine Meinung. Wenn er gesagt hätte, mein Öl sei nichts wert, okay.

Der Schlossherr mit Sohn Benjamin im Garten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Und wenn Sie es einfach unkommentiert gelassen hätten? Die Feucht-Kolumne besitzt immerhin schon lange den zweifelhaften Ruf der Giftspritzer-Ecke.

Prost: In einer winzigen Ausprägung haben Sie Recht: Ich habe wirklich was anderes zu tun, der Herr Feucht steht normalerweise nicht auf meiner langen Problemliste. Das heißt andererseits aber nicht, dass ich mich von ihm anseichen lassen muss. Man kann einem solchen Menschen doch nicht das Tor für Beleidigungen übelster Art öffnen. Da kann man auch nicht verharmlosend sagen, das sei eine Spielerei unter Alpha-Tierchen. Herr Feucht ist schamlos und rücksichtslos. Er kommt aus der Hecke heraus und schießt mir verbal in die Fresse. Nein, das ist ein schrecklicher Mensch, den man offenbar nie in die Schranken gewiesen hat. Aber ich bin weder feige noch tauge ich zum Opfer.

Vor ungefähr zehn Jahren waren Sie ein viel gesehener Gast im Fernsehen, bezogen immer wieder arbeitnehmerfreundliche Positionen. Dann machten Sie sich plötzlich rar. Waren Sie zu häufig angeeckt oder wollte Sie niemand mehr in seiner Talkshow haben?

Prost: Ich wollte das nicht mehr, weil man sehr viele Nebengeräusche zu hören bekommt, wenn man sich nackig macht und aus dem Fenster lehnt. Dann kriegt man auch Reaktionen, die einem Kopfweh und Herzschmerzen machen. Natürlich verletzt einen das, und es ist durch das Internet noch viel extremer geworden. Die Grenzen des Erträglichen haben sich ja total verschoben. Ich habe damals für mich entschieden: statt Ruhm und Ehre lieber Ruhe und Frieden. Ich bin ja kein Schauspieler und auch kein Politiker. Ich brauche keine Klicks.

Aber jetzt sind Sie plötzlich wieder da.

Prost: Jetzt bin ich wieder da, denn in einer Krise brauchst du einen Anführer. Um Sicherheit herzustellen, nicht nur, um sie auszustrahlen. Das ist doch mein Selbstverständnis als Chef. Ich würde mich schämen, wenn ich mich verstecken würde oder untertauchen. Das ist auch kein Marketing, das kommt aus mir raus.

Ganz persönliche Einblicke in sein Schloss in Leipheim und sein Privat- und Berufleben gewährt Ernst Prost bisweilen Besuchern.
Bild: Bernhard Weizenegger

Liqui Moly ist Namenssponsor der Handball-Bundesliga, das Unternehmen unterstützt die Ulmer Basketballer, nahe liegender Weise den Motorsport in allen Facetten und viele andere Sportarten mehr. Sind Sie ein wahrer Sportfreund oder mehrt dieses Engagement einfach den Bekanntheitsgrad des Unternehmens?

Prost: Die Top-Veranstaltungen, das ist reines Business, da geht’s darum, unseren Markennamen zu transportieren, Kunden zu gewinnen, Umsatz zu machen. Sie müssten sehen, wie die Fans beim Motorradrennen in Malaysia auf unser Zeug abgehen. Das ist geil, das kriegst du mit Fernsehwerbung nicht hin. Darüber hinaus aber besitze ich eine Vorstellung davon, wie das Ganze pyramidal runtergebrochen werden muss. Dann kann ich meine Kunden dort abholen, wo sie leben und arbeiten. In ihrer Heimat. Der Mechaniker in Günzburg freut sich natürlich, wenn er den Liqui Moly-Schriftzug im Fernsehen sieht und dann ein Liqui Moly-Taferl in seiner Werkstatt hat. Das ist seine Identifikationsbrücke zu einer Weltmarke.

Losgelöst vom Werbeerfolg: Für welchen Sport oder für welche Sportler schlägt denn Ihr Herz?

Prost: Den Aufstieg der Günzburger Handballer in die dritte Liga habe ich verfolgt. Das freut mich und dazu gratuliere ich. Aber ich bin echt kein großer Sport-Begeisterter. Meine Liebe gehört der Familie und der Firma.

Ihre Zuwendungen an leidende Menschen sind stets überaus großzügig. Im Lauf der Jahre haben Sie zudem drei Stiftungen gegründet und üppig mit Kapital ausgestattet. Wo liegt bei Ihnen der tiefere Antrieb für derartige Dienste an der Gesellschaft?

Prost: Zunächst einmal kenne ich als Sohn einer Flüchtlingsfamilie den Geschmack der Not aus eigener Erfahrung. Nach dem Krieg, auch 1957 noch, war längst nicht alles so wie heute. Mein Vater war Maurer, meine Mutter Fabrikarbeiterin. Da ist man nicht auf Rosen gebettet, da bekommt man eher mal den „Hurenflüchtling“ nachgerufen. Heute sage ich, ich möchte nicht als Arschloch sterben. Und wenn man viel hat, kann man viel geben. Das ist eine Form von Erziehung, Bürgersinn, Nächstenliebe und Religion.

Es fällt Ihnen also leichter, vom Geld zu lassen als von der Arbeit?

Prost: Mitnehmen kannst du ja nichts. Mein Bub und die Familie sind versorgt, die Firma habe ich bei Würth untergebracht. In meinem Testament steht, wer was kriegt. Das ist ein gutes Gefühl. Arbeit ist etwas anderes. Ich bin einfach süchtig nach Neuem und der Abwechslung, nach Bewegung, nach Erschaffen, nach sinnvollem Aufbauen, nach Ideen umsetzen, nach Erfolg und Perfektion. Manchmal ist es wie ein Rausch, ein gesunder Rausch. Hauptsache, mein Spieltrieb wird befriedigt und stiftet, praktisch als Nebenprodukt der guten Tat, Sinn und Nutzen für andere Menschen. Mittlerweile erlaube ich mir auch den Luxus, nur noch das zu machen, was mir Spaß macht.

Arbeiten zum Beispiel, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Nur fallen mir jetzt ganz schnell ganz viele Zeitgenossen ein, die das vollkommen anders sehen. Was sagen Sie denen?

Prost: „Carpe diem“, sagten die alten Römer. „Nutze den Tag.“ Doch womit? Das muss sich doch jeder fragen. Ich arbeite gerne, zumal es für mich ja kein Arbeiten ist, sondern künstlerisches Tätigsein.

Über die Jahre haben Sie immer wieder betont, wie glücklich Sie sich schätzen, in Deutschland leben zu dürfen. Gilt das auch im Angesicht der Corona-Pandemie?

Prost: Wo wollen Sie denn jetzt gerade sein? In den USA? Wie wär’s mit Brasilien? Frankreich? Indien? Nein, danke. Deutschland ist klasse. Das kann ich sagen, weil ich viel unterwegs bin. Ich habe überall vor Ort Kontakt zu den Leuten, die erzählen mir, was Sache ist. Es gibt kein Gesundheitswesen wie das unsere. Und keine Rechtsstaatlichkeit wie hier. Vielleicht in fünf weiteren Ländern auf dieser Welt. Damit sage ich nicht, dass alles perfekt ist.

Wie zufällig kreist während des Besuchs ein Motorflugzeug mit Liqui Moly-Werbebanner ums Schloss.
Bild: Bernhard Weizenegger

Hätten Sie sich für den Augenblick zum Beispiel ein anderes Krisenbewältigungsmodell gewünscht als die von Deutschland und den meisten anderen Staaten gewählte Formel „Alles dichtmachen – koste es, was es wolle“?

Prost: Es gibt keine anderen Ideen. Man hätte es im Detail vielleicht anders machen können, aber nicht im Großen und Ganzen. Nein, das hat Deutschland schon gut gemacht.

Sie sagen, das biblische Alter Ihrer gesammelten Mineralien lehrt Sie viel über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Haben Sie eigentlich Angst vor dem Tod?

Prost: Nur Angst vor dem leidvollen Sterben. Das ist übel, davor habe ich Angst, das gebe ich zu. Aber die Friedhöfe sind doch voll von ehemals bedeutsamen, mächtigen und auch reichen Menschen. Also warum sich über den Tod aufregen? Warum Reichtümer der Reichtümer wegen anhäufen? Die Grabinschrift: „Hier liegt der reichste Mann auf dem Friedhof“ ist doch auch doof.

Und dennoch formulierten Sie unlängst den dringenden Wunsch, 102 Jahre alt werden zu wollen. Warum ausgerechnet 102?

Prost: 102 muss ich auf alle Fälle werden, denn 2059 feiert dieses Schloss, so wie es in seiner heutigen Form in Leipheim steht, seinen 500. Geburtstag.

Sie möchten wissen, wie es in seinem Schloss aussieht? Das erfahren Sie hier:

Audienz im Schloss von Liqui-Moly-Chef Ernst Prost

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