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Landkreis Günzburg

15.06.2019

Mit selbst gebautem Flugzeug über den Atlantik

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Ein letztes Zuwinken noch – dann geht es für Hermann Schiele zum Start in ein großes Abenteuer. Der 57-Jährige aus Rammingen fliegt von Günzburg aus zunächst nach Calais und Schottland. Sein Ziel ist aber der US-Bundesstaat Wisconsin, wo im Juli weltweit die größte Luftfahrtmesse für Privatflugzeuge stattfindet. Da muss man schon standesgemäß anreisen.
Bild: Reinhard A. Richardon

Wie kommt Hermann Schiele, Fluglehrer im Luftsportverein Günzburg, zum größten Luftfahrtfest der Welt? Mit dem selbst gebauten Flugzeug. Am Freitag ging’s los.

Vor sieben Jahren hat es Hermann Schiele so richtig gepackt: Aus den USA hat er sich damals einen Bausatz für ein Flugzeug geholt und in ungezählten Stunden eine schmucke Kunstflugmaschine zusammengebaut. Jetzt wurde Nummer zwei fertig.

Mit seiner RV-8 von Van’s Aircraft aus Oregon/USA wagt der Lufthansa-Flugkapitän in kleinen Etappen den Luftsprung über den Großen Teich nach Kanada und den Vereinigten Staaten.

Über Schottland, Grönland und Kanada ans Ziel

Gestern startete der 57-Jährige aus dem württembergischen Rammingen (Alb-Donau Kreis) vom Günzburger Heimat-Platz zu seinem großen Abenteuer auf den Spuren von Flugpionier Charles Lindbergh. Als Ausgleich zum Job als Jumbo-Kapitän mit Flügen in alle Welt – gerade kam er wieder aus Seoul zurück – begeisterte sich der ruhige und erfahrene Pilot für dieses außergewöhnliche Hobby. Und wenn man schon einmal soviel Zeit und Herzblut in so ein Projekt gesteckt hat, will man natürlich auch seine Grenzen ausloten.

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Hermann Schiele hüpft in vielen kleinen Etappen über Calais, Schottland, Island, zweimal Grönland und Quebec in Kanada auf den nordamerikanischen Kontinent.

Das Flugzeug ist so breit wie ein Fußballtor

Lediglich sechs Meter und 40 Zentimeter ist die Maschine lang, exakt so breit wie ein Fußballtor (7,32 Meter) und 1,70 Meter hoch. Mit dem 195-PS-Motor erreicht sie eine Reisegeschwindigkeit von etwa 300 Stundenkilometern. Mit einem Zusatztank sind 200 Liter Sprit in den Flügeln. Bei gedrosselter Leistung und einer Flughöhe zwischen 2000 und 3000 Metern sind Ziele in bis zu 1800 Kilometer Entfernung zu erreichen. Die längste Etappe sind die 1200 Kilometer vom schottischen Wick zum isländischen Keflavik. Gut viereinhalb Stunden benötigt Schiele für diesen Reiseabschnitt.

Nicht gerade wenig Zeit steckte der Flugkapitän in die Vorbereitung: „Ich musste im Vorfeld Ein- und Überfluggenehmigungen für Island, Kanada und USA einholen. Für Notfälle wie eine Wasserung habe ich einen Kälteschutzanzug und zwei Rettungsfloße sowie vier Notsender an Bord.“

Einmal über dem Großen Teich geht es dann von Seattle an der Pazifikküste nach San Francisco und Florida endlich zum eigentlichen Ziel von Schieles Unternehmung: In Oshkosh im US-Staat Wisconsin findet alljährlich im Juli das größte Treffen aller Luftfahrtenthusiasten statt. Über 15000 Maschinen werden ausgestellt, gut 600000 Gäste sehen beispielsweise Flugshows und Ausstellungen.

Der Bausatz für den "Kleinen Uhu" war der Anfang

Begonnen hatte eigentlich alles wie bei Hunderttausenden von Buben, nämlich mit einem Bausatz für den „Kleinen Uhu“, das legendäre gelb-schwarze Modellsegelflugzeug. Kein Wunder, dass dann der Sprung des gebürtigen Albeckers 1978 zu der Gerstetter Fliegergruppe ein logischer war. „Von da ab gab’s kein Halten mehr, ich wollte nur noch in die Luft.“ Und so folgte bereits 1982 der erste Motorflug. Schnell wurde ihm klar: Das ist mein Beruf!

Als gelernter Fernmeldehandwerker machte Schiele das Abitur nach, studierte die Ingenieurwissenschaft in Ulm und war dann sechs Jahre Fluglehrer an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen. In dieser Funktion war er auch nach China abgeordnet, wo er seine Frau Shanshan kennenlernte. Es folgten fünf Jahre auf den Boeings 737 und 747, acht Jahre als Kapitän der McDonnell Douglas MD-11 (Frachtversion) im weltweiten Einsatz. Seit elf Jahren ist er Flugkapitän des „Jumbos“ Boeing 747 und hat bis zu 350 Fluggäste an Bord.

„Seit über zwei Jahrzehnten träumte ich davon, ein eigenes Flugzeug zu bauen, 2012 hatte ich dann die erste Maschine startklar“, sagt der Flugkapitän und Kunstflugpilot. Und strahlt über das ganze Gesicht.

In der Holzkiste befand sich ein Paket im Wert von 30 000 Euro

Dabei geht es ihm nicht zuvorderst um Eigentum mit zwei Flügeln. Das Mitglied der Fliegergruppen Giengen und Günzburg hat bereits einen zweisitzigen Oldtimer im Hangar stehen. Im Internet hatte er einen Kontakt zu einem Gleichgesinnten in Los Angeles hergestellt und nach einem Probeflug mit dessen Maschine an der kalifornischen Küste gab es kein Halten mehr: Der Bausatz wurde bestellt. Die Firma „Van’s“ aus Oregon lieferte im Juni 2011 das etwa 30000-Euro-Paket in Form einer riesigen Holzkiste von über fünf Metern Länge und 1,5 Meter Breite in Rammingen ab.

Wer jetzt aber denkt, das Zusammensetzen funktioniert so ähnlich wie bei einem Revell-Modellflieger, der irrt gewaltig. „Der Rahmen bestand natürlich, aber jetzt galt es, in weit über zweihundert Bleche aus Aluminium ganz exakt Löcher zu bohren, diese zu entgraten und eine ungezählte Anzahl von Nieten in die vorgefertigten Mulden zu bringen“, erklärt er das Vorgehen nach den mitgelieferten Plänen.

„Und ich hatte natürlich auch eigene Ideen und Wünsche wie bei den Scheinwerfern, sodass ich einige Bleche praktisch selbst anfertigen musste.“ Das erklärt auch den enormen Zeitaufwand.

Der Prüfer des Luftfahrtbundesamtes war ein häufiger Gast

Die „normale“ Bauzeit liegt bei etwa vier bis fünf Jahren, er schaffte es in der Hälfte. Natürlich ohne zu schludern, kann doch tatsächlich das Leben an so einem einzigen Niet hängen. Und damit dies alles auch korrekt zugeht und der flotte Flieger später am Himmel keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, kam vorschriftsmäßig öfters ein Prüfer im Auftrag des Luftfahrtbundesamtes vorbei, begutachtete das exakt zu führende Bauprotokoll ebenso wie die technischen Fertigkeiten, das Verständnis des Flugzeugbauers und den Baufortschritt.

Das Bauen ist die eine Seite, das Tüfteln und Beschaffen von weiterem, nicht im Bausatz enthaltenem Zubehör, die andere. Teuerstes Stück: der Motor. Schiele entschied sich für einen neuen Sechs-Liter-Boxermotor mit vier Zylindern (195 PS) und Trockensumpfschmierung. Das heißt: Auch auf dem Kopf fliegend steht immer ausreichend Öl und Benzin zur Verfügung, denn „meine Maschine ist voll kunstflugtauglich“. Er natürlich auch.

Ende Juli wieder zurück in Günzburg

Nach diesem ersten Streich vor sieben Jahren hatte ihn das Virus infiziert und er besorgte sich den Bausatz für das Nachfolgemodell mit zwei Sitzen hintereinander. Etwa eineinhalb Jahre hat Schiele, nicht immer zur Begeisterung von Frau und Sohn, jede freie Minute in den Bau der RV-8 (Bausatz ohne Motor und Navigation ab 50000 Euro) in seiner Garage gesteckt; die „alte“ RV-7 steht derweil im Hangar.

Und warum macht man so was? „Weil ich das unbedingt machen wollte!“, sagt der sympathische Pilot und lacht. Ende Juli wird er dann nach einem Flug um die halbe Welt wieder in Günzburg landen.

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