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Offingen

06.11.2019

Mord und Totschlag im Offinger Klaiberhaus

Mit brutalen Verbrechen muss sich ein Gerichtsmediziner befassen – aber auch mit skurrilen Fällen.
Foto: Alexander Kaya

„Vom Krumbacher Hammermord bis zum Vierfachmord von Eislingen“: Gerichtmediziner und Gerichtspsychiater Dr. Frank J. Reuther gibt Einblicke in seinen Berufsalltag.

Der Titel des Vortrags soll schon ein bisschen reißerisch gewählt sein, erklärt Dr. Frank J. Reuter. „Vom Krumbacher Hammermord bis zum Vierfachmord von Eislingen“, lautet er und seine Wirkung hat er nicht verfehlt. Gut 80 Besucher sind im Rahmen einer Vortragsreihe der CSU Offingen ins Klaiberhaus gekommen.

Reuther ist in Sachsen geboren und im Erzgebirge aufgewachsen, hat in Leipzig und Erfurt Medizin studiert und lebt in Offingen. 1999 kam er zur Gerichtsmedizin nach Ulm, wechselte 2007 zum Bezirkskrankenhaus Günzburg in die Psychiatrie und die forensische Psychiatrie, kehrte 2013 wieder nach Ulm zurück und ist am Bundeswehrkrankenhaus heute stellvertretender Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie. Auf der gerichtlichen Schiene sei er geblieben, erzählt der Facharzt für Rechtsmedizin, für Psychiatrie und Psychotherapie und für forensische Psychiatrie, der in Offingen gleichzeitig Vorsitzender des CSU-Ortsverbands ist.

Nicht an die Person denken, vor der man steht

Rechtsmediziner zu sein, das sei Routine mit einem Vorgehen Schritt für Schritt und Professionalität. Dazu gehöre, nicht an die Person zu denken, vor der man stehe. In seinem Vortrag wird er mit einigen seiner interessantesten Kriminalfälle Einblicke in die Gerichtsmedizin geben – keine Schicksale aufzeigen, wie er betont, sondern die Realität.

Die größte Sache in seiner Karriere sei der sogenannte Vierfachmord in Eislingen bei Göppingen im Jahr 2009 in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag gewesen. Der Sohn hatte zusammen mit einem Schulfreund angeblich seine ganze Familie – die Eltern und seine beiden Schwestern – im Haus tot aufgefunden. An einen Mafiamord habe Reuther nicht geglaubt: Der Sohn habe bei der Polizei angerufen, habe man ihm gesagt. Dann sei auch der Sohn der Täter gewesen, habe er spontan erwidert.

Mit brutalen Verbrechen muss sich ein Gerichtsmediziner befassen – aber auch mit skurrilen Fällen. Dr. Frank J. Reuther gab den Gästen im Offinger Klaiberhaus Einblicke in diese Arbeit.
Foto: Peter Wieser

Mit solch typisierenden Aussagen könne man zu 80 bis 90 Prozent richtig liegen. Tatsächlich hatte sich herausgestellt, dass der Sohn zusammen mit seinem Schulfreund, minutiös geplant, zunächst seine Schwestern und anschließend die Eltern erschossen hatte. Dazu gehöre schon eine ziemliche Gefühlskälte, so Reuther. Eine Obduktion von gleich vier Leichen am Karsamstag habe sich als nicht einfach erwiesen, zumal unter anderem sämtliche Schüsse und Projektile hätten erfasst werden müssen.

Krumbacher Hammermord war eine dramatische Geschichte

Eine dramatische Geschichte sei der Krumbacher Hammermord gewesen, bei dem eine Frau mit einem Hammer erschlagen worden war. Einer der Einschläge in der Schädeldecke, zwar rund, aber doch leicht quadratisch, habe auf einen Zimmermannshammer gedeutet. Ein solcher habe nachweislich tatsächlich gefehlt, dieser sei aber nie gefunden worden. Trotz der 52 Einschläge und einer massiven Hirntraumatisierung habe das Opfer noch geatmet.

Daraufhin habe der Täter zusätzlich drei Mal in die Brust gestochen. Eine grausame Angelegenheit, wie Reuther bemerkt. Nur: Mit der Aussage „Der Täter hat den Hammer in die Kammel geworfen“ sei er lange Jahre nicht zurechtgekommen. Als Sachse sei er der Meinung gewesen, es habe sich bei der Kammel nicht um einen schwäbischen Fluss, sondern, ähnlich der Bezeichnung „Kammer“, um einen seltsamen schwäbischen Raum gehandelt.

Er erzählt auch vom "Gabelstapler-Fall"

Nicht immer gehe es um Mord und Totschlag. Manchmal fehle dem Gericht die medizinische Kenntnis und es werde ein Mediziner hinzugezogen, wie beim sogenannten „Haarfall“. Ein junger Mann, der sich alle zwei Wochen seine Haare färben ließ, war zu einem Fremdfrisör gegangen, nachdem sein eigener nicht verfügbar war. Dessen Färbung hatte eine schwere Kopfhautentzündung hervorgerufen, auch die Augen waren betroffen. Obwohl der Fremdfrisör von sich aus Schadenersatz angeboten hatte, hatte der zu Färbende auf einen Schadenersatz von weiteren 2000 Euro geklagt: Ein Gutachten habe besagt, dass die Kopfhautreaktion nicht vorhersehbar gewesen sei, vielmehr habe es sich um eine Langzeitreaktion durch das ständige Färben gehandelt. Damit sei die Klage abgewiesen worden.

Reuther erzählt vom „Gabelstapler-Fall“: Am frühen Morgen und noch in der Dunkelheit hatte ein Staplerfahrer mit dem Stapler einen am Boden liegenden Mann überrollt. Die Obduktion hatte neben einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille und in der Zusammenfassung unter anderem schwerste Herzkranzgefäßveränderungen und schwere Arteriosklerose ergeben: Tatsächlich hatte sich der Mann zu diesem Zeitpunkt im Todesverlauf befunden und wäre, auch ohne vom Gabelstapler überrollt zu werden, verstorben. Zumindest für den Staplerfahrer sei dies eine gewisse Erleichterung gewesen.

Gerichtsmediziner - ein Job wie jeder andere

Reuther erzählt vom sogenannten „Apfelfall“: Eine Person hatte sich durch das Schnarchen einer anderen gestört geführt, und dieser einen Apfel an den Kopf geworfen. Die Antwort kam von dessen Hirschfänger mit drei Einstichen in den Rücken des Apfelwerfers. Auch ein Fall bei Heidenheim habe für Aufsehen gesorgt. Nachdem die Spaltaxt, die eine Frau über den Kopf ihres Mannes habe ziehen wollen, abgerutscht sei, habe sie zu einem Küchenmesser gegriffen und ihm drei Mal ins Herz gestochen.

In einem sind sich die Besucher des Vortrags einig: Gerichtsmediziner sieht man in der Regel nur im Fernsehen und oft als gefühllose, abgebrühte Kerle. In der Realität erledigen sie einen Job wie jeder andere auch.

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