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Passionsmusik

08.03.2016

Musik gewordene Religion

Eine beeindruckende Fassung der Burgauer Passion des Franz Bühler präsentierte der Kammerchor Burgau mit Solisten und der Sinfonietta Lamagna unter der Leitung von Herwig Nerdinger.
Bild: Adlassnig

Auch in Auszügen entfaltet das Burgauer Werk Franz Bühlers seine große Kraft

„Jesus der göttliche Erlöser“, das musikalische Großwerk des schwäbischen Komponisten Franz Bühler, eigens für Burgau geschrieben, brachten Hartwig Nerdinger und der Burgauer Kammerchor gemeinsam mit der Sinfonietta Lamagna, Solisten und Sprechern in Auszügen zur Aufführung. Das Passionsspiel von 1816 kann heute nur noch in Teilen gespielt werden, nur noch eine Hälfte des Gesamtwerks ist vorhanden. Und selbst die ist mit einer Spieldauer von einem Tag für die heutige Aufführungspraxis viel zu umfangreich.

Das Passionsspiel war als Schauspiel mit musikalischen Zwischenstücken konzipiert. Formal streng und auf dem „Messias“ von Kloppstock basierend, erzählt es die Leidensgeschichte von der Vorbereitung des Abendmahls bis zum Begräbnis. Den wesentlichen Stationen des Leidensweges werden Parallelen des Alten Testaments vorangesetzt.

Um das artifiziell konstruierte Werk, das auf seinen musikalischen Teil reduziert wurde, für den Zuhörer verständlich zu machen, gab ein Sprecher (Hermann Müller) allgemeine Hinweise zur Entstehung des Stückes, zu seinem Konzept und der Bedeutung der einzelnen vorgetragenen Musikstücke. Helmut Kircher, als zweiter Sprecher, las die dazu gehörigen Textpassagen aus den Evangelien.

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Die Burgauer Passion gab einen tiefergehenden Einblick in das Werk Bühlers, das an der Schwelle zwischen Barock und aufklärerischer Empfindsamkeit oszilliert. Auch sein langjähriges Engagement an einem großbürgerlichen Hof klingt in mancher höfisch schwingenden Komposition innerhalb des Passionsoratoriums an. Der Kammerchor Burgau wurde von Solisten unterstützt, Timo Janzens warmer Bass kam hierbei am häufigsten zum Einsatz.

Die strenge Form des Werkes lässt eine Szene in der Regel mit einem Rezitativ beginnen, das in das jeweilige Geschehen erläuternd einführt und ohne Pause in eine Arie mündet, die das selbe Thema empfindend aufarbeitet. Der Chor steht dem Solo als emotionale Einführung voran oder schließt es ab. Herwig Nerdinger hat für die Kammerchoraufführung eine Handvoll Sequenzen ausgewählt, die wesentliche Aspekte der Passion und ihrer Darstellung zeigen, sodass die Zuhörer, dank der erläuternden Worte der Sprecher, Zugang zu dem 200 Jahre alten Werk finden konnten.

Das Abendmahl stellen Bühler und Rittershausen mit dem alttestamentarischer Vorausbild der Mannaspende und der Einsetzung der Eucharistie dar. Die Errettung vor dem Hungertod während des Auszugs aus Ägypten wird zum Fingerzeig auf die Errettung der Menschheit durch den Tod Christi, symbolisiert durch das Abendmahl. Die alttestamentarische Szene endet in einem einstimmigen „Lobet den Herrn!“ des Kammerchors, das sich in einen großen Jubel entfaltet und eine Parallele im emotional aufgeladenen Danklied der Israeliten zum Abschluss der Sequenz „Einsetzung der Eucharistie“ erfährt.

Empfindsamkeit trägt das Vorausbild des Opfers Jesu in der Geschichte der Tochter des Jephte, die der Vater aufgrund eines Gelübdes opfern muss. Der Chor stimmt ein großes Klagelied an, in dem aber auch Raum ist, die nun jäh zerstörte Idylle zu besingen. Die wird im Sopran-Rezitativ aus der Sicht der Tochter erläutert und in der Arie emotional aufgearbeitet. Nachdem ein Bassrezitativ das Drama vom direkten Geschehen abstrahiert, intensiviert der Chor noch einmal die Klage um das Schicksal des unschuldigen Mädchens.

Hoch emotional hat Bühler auch das zweite Vorausbild komponiert: Die weitaus bekanntere Geschichte von Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern soll, wurde in der Kammerchorfassung der Passion mit Rezitativ, einer Bass-Arie voll dramatisch aufgewühlten Emotionen, schwankend zwischen Empörung und Hingabe und einer Sopran-Ariette, in der sich ein kindlich unschuldiger Isaak innig schlicht als Opfer zur Verfügung stellt.

Die ganze Palette der Gefühle wird im Burgauer Passionsspiel dargestellt, auch in der Auswahl von Herwig Nerdinger. Das Orchester, der Kammerchor und die Solisten wissen sie punktgenau umzusetzen. Sie nehmen die Zuhörer mit auf eine Reise in die Musik gewordene Religion.

Ein Moment der Stille und Besinnung schließt den Passionsnachmittag ab, bevor die Besucher in der Stadtpfarrkirche mit lang anhaltendem Beifall ihre ehrliche Referenz erweisen.

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