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13.03.2009

Mut zu Kunst und Gemeinschaft

Kammeltal-Wettenhausen Sie waren alle auf der Suche nach Gemeinschaft. Die gebürtige Hamburgerin Susanne Opitz sehnte sich nach ihrer Scheidung nach einem Neuanfang, der Schweizer Urs Glaser hatte einen Jobverlust und ebenfalls eine zerbrochene Ehe hinter sich, Margarete Seile aus Bad Wiessee hatte sich schon lange über die Möglichkeiten eines Lebens in Gemeinschaft informiert.

In der Dossenberger Straße 47 in Wettenhausen haben die drei gefunden, wonach sie suchten. Im ehemaligen Gasthaus zur "Post", wo Paula Weilbach, kurz: "die Paula", noch vor wenigen Jahren so manchen Gast mit ihrem berühmten Kartoffelsalat verzaubert hatte, haben sie vor drei Jahren gemeinsam Domizil bezogen. Und im Dezember 2007 dort auch gemeinsam das Kultur-Café "Original" eröffnet.

"Wir kannten uns schon länger und haben immer mal wieder darüber gesprochen, etwas gemeinsam zu machen", erzählt Heilpädagogin Susanne Opitz von der Geschichte ihres ganz persönlichen Cafés. "2003/2004 ist die Idee schließlich konkret geworden. Wir haben erkannt, dass wir jetzt etwas unternehmen müssen, wenn wir unseren Traum vom gemeinsamen Leben verwirklichen wollen."

Im süddeutschen Raum sollte die neue Wahlheimat liegen, die Arbeit eines Maklers tat sein Übriges. "Obwohl ich gerne hierher gekommen bin, war es am Anfang schon ein bisschen komisch, loszulassen", erinnert sich die 58-jährige Heilpädagogin Margarete Seile. "Ganz abgebrochen mit der Vergangenheit haben wir jedoch alle nicht. Wir haben immer noch regelmäßig Kontakt zu unseren Freunden und Familien." Mit eingezogen war am Anfang auch noch eine vierte Freundin. "Die ist leider letztes Jahr mit 89 Jahren gestorben", sagt Opitz.

Mut zu Kunst und Gemeinschaft

Die liebevoll renovierte alte Gaststube, in der sich einst schwere Tafeln unter ausladenden Schüsseln voller Leckereien vom Holzherd bogen, zieren heute leichte Bistrotische, Bücherablagen und selbst gemalte Bilder von Groß und Klein. "Die Idee mit dem Kultur-Café entstand nach unserem Einzug irgendwann von ganz allein. Die Leute im Dorf haben uns gesagt, dass wir hier in eine alte Traditionswirtschaft eingezogen sind und dass sie sich so etwas Ähnliches wieder wünschen", erzählt der 65-jährige Rentner Urs Glaser. Gegenüber des Café-Eingangs steht ein Klavier. Dessen Deckel ist immer aufgeklappt. "Sonst trauen sich die Leute nicht, darauf zu spielen", weiß Susanne Opitz. Mut machen, genau das wollen die drei Gefährten mit ihrem Café. "Es geht darum, sich zu trauen, so zu sein, wie man ist. Jeder kann kommen und zeigen, was er will. Es muss nur Kultur sein", so Seile.

Und die Menschen trauen sich. Schon einige Vorträge, Lesungen, Ausstellungen und Musikveranstaltungen hat die Gaststube oder der alte Rittersaal der ehemaligen "Post" inzwischen erlebt. "Es ist unser Glück, dass ein kleiner Künstler nach dem anderen hier hereinspaziert. Ein Kultur-Café braucht schließlich Künstler", weiß Opitz. Auch die Hausbewohner machen im Kultur-Café einfach das, was sie können. Susanne Opitz bietet Arbeit zu Lebensfragen an, Urs Glaser veranstaltet Schnitzkurse in der hauseigenen Holzwerkstatt, bei Margarete Seile gibt es Hand- und Fuß-Reflexzonenmassagen. Im letzten Herbst hat sich dann noch ihre Ichenhauser Freundin Gunda Buçpapaj im alten Gasthof ihr eigenes Atelier eingerichtet und bietet seither Kunstkurse - meist für Kinder - an.

"Wir wohnen und arbeiten zusammen. Da gibt es kein Entkommen", berichtet der ehemalige Elektroniker Urs Glaser über den Alltag in der Wohngemeinschaft. Schon einige Hürden des Zusammenlebens haben die Gefährten überwunden. Gelohnt hat sich der Neuanfang für das Trio allemal. "Am schönsten ist es, dass sich im Kultur-Café Menschen getroffen haben, die sich vorher nicht gekannt haben, obwohl sie sogar aus dem gleichen Ort stammen. Solche Begegnungen sind unser Anliegen", so Margarete Seile.

Das kann der ehemalige Musiklehrer und Künstler Hans-Peter Schulz bestätigen. Der Wettenhauser kommt im Kultur-Café regelmäßig auf ein Stück Kuchen vorbei. Er fühlt sich pudelwohl. "Das Schöne hier sind die interessanten Gespräche. Es gibt immer etwas, was man erfährt", weiß Schulz, "und es gibt keine ästhetischen Scheuklappen". Während Hans-Peter Schulz in aller Ruhe seinen Chai Latte zu sich nimmt, setzt sich die 74-jährige Hobbymusikerin Elfriede Brendel aus Ettenbeuren ans Klavier. Sie fängt an zu spielen. Ganz ohne Scheu vor ihrem erfahreneren Tischnachbarn.

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