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Günzburg

24.11.2019

Nach Unfall in Günzburg: Die schwierige Frage nach der Schuld

Ein schwerer Unfall ist im November 2018 auf der Strecke zwischen Leipheim und Günzburg passiert und wird nun vor Gericht verhandelt. Jetzt ist auch klar: Den Golffahrer, der als Verursacher galt, trifft keine Schuld.
Bild: Mario Obeser

Plus Die Aufarbeitung eines Unfalls fällt den Beteiligten nicht leicht. Fest steht jetzt: Den Mann, der als Verursacher galt, trifft keine Schuld.

Die Szenerie auf den Bildern, aufgenommen von einem Feuerwehrfahrzeug aus, gleicht einem Schlachtfeld: Kaputte Autos, mittendrin ein auf der Seite liegender roter VW Golf, Fahrzeugteile auf dem Boden und dazwischen aufgewühlte Menschen und Einsatzkräfte.

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Ein Mann ist hier von seinem eigenen Auto überrollt und schwer verletzt worden. Der Unfall, der sich am 13. November 2018 auf der Straße zwischen Günzburg und Leipheim ereignet hat, hat sich bei vielen ins Gedächtnis eingebrannt. Im Günzburger Amtsgericht ging es jetzt um die Frage, wie es zu dem Unfall gekommen ist.

Im damaligen Polizeibericht war die Sache klar

Im damaligen Polizeibericht war die Sache klar: Der damals 43 Jahre alte Fahrer des roten Golf habe an diesem Spätnachmittag im November trotz unklarer Verkehrslage und Gegenverkehr einen vorausfahrenden Renault Laguna in Richtung Leipheim überholt. Dadurch hätte sich der Golf um 180 Grad gedreht.

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Als anschließend ein 78 Jahre alter BMW-Fahrer, der in Richtung Günzburg fuhr, die Unfallstelle und damit das jetzt auf seiner Fahrbahn stehende rote Auto zu spät erkannte, prallte er mit seinem Auto gegen den stehenden Golf und schob das Auto gegen den Mini einer jungen Frau (Lesen Sie dazu:Mann wird in Günzburg von eigenem Auto überrollt) .

Der Golffahrer wurde von seinem eigenen Auto erfasst

Der Golffahrer, der bereits aus seinem Auto ausgestiegen war, wurde vom eigenen Wagen erfasst und darunter eingeklemmt. Soweit die Sichtweise der Polizei, die sich aus Zeugenaussagen ergeben hatte. Doch genau so hat sich der Unfall offenbar nicht zugetragen - das wurde jetzt im Amtsgericht deutlich. Auf der Anklagebank saß nämlich nicht der Golffahrer - sondern die 22 Jahre alte Mini-Fahrerin. Sie soll es gewesen sein, die an den Fahrzeugen vorbei fuhr und gegen den Laguna prallte, so beschreibt es die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift. Danach muss ihr Mini eine halbe Drehung vollzogen haben und rückwärts gegen den VW Golf geprallt sein, der aus Richtung Leipheim kam.

Wie fast alle der Unfallbeteiligten und Zeugen war sie an diesem Abend auf dem Heimweg von der Arbeit. „Ich fahre die Strecke jeden Tag, und ich habe da noch nie überholt, weil da diese lange Kurve kommt, in der man nichts sieht“, schildert die junge Frau vor Gericht. Was damals genau passiert ist - sie kann sich nicht erinnern. Sicher ist sie sich aber: „Ich habe keine Autos überholt.“

Wahrnehmung und Schlussfolgerungen haben sich vermischt

Wie konnte es dann aber dazu kommen, dass die Polizei den VW-Fahrer für den Schuldigen hielt? Die Zeugenaussagen, die an diesem Tag vor Gericht gemacht werden, zeigen es deutlich. Richter Walter Henle arbeitet mit seinen Nachfragen die Ursache heraus: Wahrnehmung und Schlussfolgerungen haben sich bei den Beobachtern des Geschehens zu einer gefühlten Wahrheit vermischt. Fahrer und Beifahrer des Renault Laguna sind direkt nach dem Unfall felsenfest davon überzeugt, dass der rote Golf sie überholt und angefahren habe, während sie im stehenden Auto darauf gewartet hatten, nach links in einen Parkplatz abbiegen zu können.

Der Beifahrer war sogar nach dem ersten Zusammenstoß ausgestiegen, hatte die Fahrertüre des Wagens geöffnet und den Mann gefragt, ob er den Unfall verursacht hätte. „Er hat nur gesagt, ‘es tut mir leid’“, beschreibt der 25-jährige Zeuge die Situation vor Gericht. Offenbar wertete der Zeuge diesen Satz als Schuleingeständnis – so hatte er es am nächsten Tag auch bei der Polizei angegeben. „Ich hab ihm dann gesagt, er soll das nächste Mal bitteschön besser aufpassen.“ Auch die Fahrerin eines nachfolgenden Autos ist sich zunächst sicher: Die Lichter, die sie hinter sich näher kommen sah und dann an ihr vorbei in Richtung des Renault rauschten, seien die des Golf gewesen.

Die Strecke glich im November 2018 einem Trümmefeld.
Bild: Mario Obeser (Archiv)

Auf die Nachfragen von Richter Henle muss auch sie jedoch einräumen, dass sie das nur angenommen, aber nicht wirklich gesehen hatte. Die 30-Jährige hatte sich als eine der Ersthelferinnen an der Unfallstelle um die Mini-Fahrerin gekümmert - sie half der jungen Frau aus dem Wagen, bevor der zweite, weit gravierendere Unfall passierte.

Der 43-Jährige schwebte in Lebensgefahr

Der Zusammenstoß des BMW mit dem stehenden Golf, der den 43-Jährigen in Lebensgefahr gebracht hatte, ist am Rande ebenfalls teil der Verhandlung - doch auch hier gibt es von den Zeugen wenig erhellendes. Richter Henles Fragen zum Beleuchtungszustand des Fahrzeugs beim Aufprall kann keiner der Zeugen wirklich beantworten. Erahnen lässt sich allerdings, wie die Ersthelfer mit ihrem beherzten Eingreifen dem 43-Jährigen das Leben retteten - einer der Zeugen hatte nicht nur den BMW versetzt, um den Zugang zum Unfallwagen zu ermöglichen, sondern auch zusammen mit anderen den Wagen per Hand angehoben und umgekippt, um den Schwerverletzten darunter zu befreien.

Eine klare Sprache spricht jedoch das Datenmaterial, das Gutachter Wolfgang Kircher über den Fall zusammengetragen hat. Die Rechtsanwälte des Schwerverletzten hatten ihn mit der Analyse beauftragt, die er dem Gericht vorstellte und in einer Animation vorführte. So sehen auch die Prozessbeobachter den Mini an dem Renault vorbei fahren, mit einer Ausweichbewegung nach rechts gegen den stehenden Wagen prallen, sich um die eigene Achse drehen und rückwärts auf der Gegenfahrspur in den VW fahren. Die Animation zeigt auch, wie danach der Golf den Mini schräg vor sich her in Richtung Günzburg schiebt und dann beide Fahrzeuge stehen bleiben, bevor der BMW in das Unfallgeschehen eingreift.

Ein Golffahrer ist bei dem Unfall im November 2018 schwer verletzt worden.
Bild: Mario Obeser (Archiv)

Der Sachverständige hatte sich die Fahrzeuge genau angesehen, Beschädigungen und Spuren analysiert. „Der Golf muss von dem Mini getroffen worden sein, nicht umgekehrt“, betont er in der Verhandlung. Auf den Renault könne der Wagen hingegen unmöglich aufgefahren sein.

Was Kircher nicht sagen kann: War es ein Überholmanöver, dass die junge Autofahrerin versucht und wegen entgegenkommenden Fahrzeugen abgebrochen hatte, oder wollte sie dem stehenden Auto als plötzlich aufgetauchtem Hindernis ausweichen? „Die hohe Rotation des Mini spricht dafür, dass sie eine Bewegung gemacht hat, um dem Gegenverkehr auszuweichen. Was vorher passiert ist, kann ich aber beim besten Willen nicht sagen.“

Die Gefahrenstelle zu spät erkannt

Für Richter Walter Henle ist nach der Beweisaufnahme klar: „Das alles dürfte sich so zugetragen haben, wie wir es hier gesehen haben.“ Er halte es für wahrscheinlicher, dass die 22-Jährige die Gefahrenstelle durch das stehende Auto zu spät erkannte und versucht habe, auszuweichen - dadurch und durch den Gegenverkehr kam es am Ende zu der Kollision mit dem Renault Laguna. Das, so Henle, gehe nicht über das hinaus, was einem Fahrer bei den komplexen Anforderungen des Straßenverkehrs normalerweise passieren könne.

„Der Vorwurf, Sie hätten sich rücksichtslos verhalten, ist damit nicht aufrecht zu erhalten“, erklärt der Richter - ihren Führerschein, den man der jungen Frau vorsorglich entzogen hatte, bekommt sie deshalb unverzüglich zurück.

Noch hat die junge Frau das Geschehene nicht verarbeitet

Auf Anregung der Staatsanwältin wird das Verfahren gegen die junge Frau eingestellt – sie muss eine Geldauflage von 500 Euro an die Feuerwehr Günzburg bezahlen. „Damit ist die Sache strafrechtlich für Sie ausgestanden“, sagt Henle. „Zivilrechtlich wird das wohl noch länger dauern.“ Von ihrer Versicherung hat die 22-Jährige den entstandenen Totalschaden an ihrem Wagen von 30 000 Euro bislang nicht ersetzt bekommen. Dass sie außerdem noch immer mit der psychischen Verarbeitung des Geschehens kämpft, hatte ihr Anwältin bereits zu Beginn deutlich gemacht.

Für die Angehörigen des Unfallopfers ist dieses Ergebnis noch lange kein Abschluss – auch wenn die Verhandlung das gezeigt hat, was sie sich seit einem Jahr erhofft hatten: Den Golffahrer trifft keine Schuld an dem Unfall, die ursprüngliche Einschätzung der Polizei hat sich als falsch erwiesen. Die schweren körperlichen Verletzungen durch den Unfall mit multiplen Knochenbrüchen am ganzen Körper sind ebenso wenig wie die seelischen Wunden verheilt, erfährt unsere Zeitung im Gespräch mit den Angehörigen. Und auch die Angeklagte ist sichtlich angeschlagen, als sie nach der Verhandlung im Flur vor dem Sitzungssaal das Gespräch mit der Familie sucht. Bis die Bilder dieses 13. Novembers 2018 verblassen, ist es für alle Beteiligten noch ein langer Weg.

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