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Interview

23.08.2020

Neue Kötzer Bürgermeisterin Ertle: „Ich spüre Respekt vor der Aufgabe“

Das Gemälde einer 18-jährigen Schulabgängerin befasst sich mit dem Thema Corona, und dieses wiederum hat den Amtsantritt von Sabine Ertle als Bürgermeisterin in Kötz sehr geprägt. Der hölzerne Hund ist ebenfalls ein Geschenk und vielleicht eine Anspielung auf Ertles Havaneser-Hündin Bella.
Bild: Irmgard Lorenz

Plus Bürgermeisterin Sabine Ertle war vor ihrer Wahl Geschäftsstellenleiterin im Kötzer Rathaus. Worin der Unterschied liegt und warum sie auch auf den Austausch mit Kolleginnen setzt.

Die ersten 100 Tage sind geschafft: So lange sind die im Mai vereidigten, neu gewählten Bürgermeister in der Region im Amt. Die Günzburger Zeitung trifft alle Neulinge zum Gespräch. Ihre Bilanz dieser Zeit stellen wir in loser Folge vor.

Was hat der erste Tag gebracht und mit welchem Gefühl sind Sie in den ersten Feierabend als Bürgermeisterin gegangen?

Sabine Ertle: Es war ein tolles Gefühl. Ich hatte eine schöne Amtsübergabe, die Kolleginnen und Kollegen musste ich ja nicht erst kennenlernen. Schon in meiner Zeit als Geschäftsstellenleiterin hatten wir ein gutes Miteinander. Dass das so bleibt, ist mir ein großes Anliegen. Probleme ansprechen und lösen, das funktioniert hier sehr gut. Jeder soll und darf sich einbringen.

Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen dem Amt der Geschäftsstellenleiterin und der Bürgermeisterin und wie ist es, nicht Kollegin, sondern Chefin zu sein?

Ertle: Jetzt bin ich final diejenige, die die Unterschrift leistet, vorher habe ich es vorbereitet. Da spüre ich schon Respekt vor der Aufgabe. Es geht um das Wohl der Allgemeinheit. Vorher war ich auch in der Verantwortung, aber doch anders. Jetzt bin ich schlussendlich verantwortlich, das ist der große Unterschied.

Haben Sie im Kötzer Rathaus Veränderungen vorgenommen?

Ertle: Keine. Oder doch? Ich habe versucht, die weibliche Note reinzubringen, Bilder abgehängt und neu gehängt. Zum Amtsantritt hat mir eine 18-jährige Schulabgängerin aus Kötz ein Bild zu Corona gemalt. Da ist ganz viel drauf, Ausgangssperre, Selbstisolation, diese Themen waren ja in der Zeit von Wahl und Amtsantritt ungeheuer präsent. Für mich ist das Bild ganz arg bewegend, weil es tatsächlich viel mit mir zu tun hat. Es ist einzigartig. Am 15. März konnten die Menschen, die mir wichtig sind, nicht dabei sein. Das fand ich ganz schlimm. Ich bin gut getragen worden von meinen Unterstützern. Aber in dem Moment, wo das Ergebnis stand, habe ich meine Familie sehr vermisst! Meine Eltern und mein Bruder wären gerne angereist. Wir konnten uns nicht in den Arm nehmen, sie mussten am Telefon gratulieren. Aus meinem alten Büro habe ich die große Yuccapalme und meinen Schreibtischstuhl ins Bürgermeisterzimmer mitgenommen.

Und wer sitzt jetzt auf dem Kötzer Bürgermeistersessel?

Ertle: Niemand sitzt jetzt auf dem Bürgermeistersessel. Den haben wir momentan ausrangiert. Mir war er nicht so bequem.

Die Mehrzahl der Bürgermeister im Kreis ist männlich. Wie fühlen Sie sich da als Frau? Haben Frauen einen anderen Arbeits- und Führungsstil?

Ertle: Es ist toll, dass es Frauen als Bürgermeisterinnen im Landkreis gibt. Wir Frauen werden uns untereinander austauschen, es wird ein Bürgermeisterinnennetz entstehen. Frauen haben keinen anderen Arbeitsstil. Aber ich glaube nach wie vor: Frauen müssen ein bisschen mehr kämpfen, sich ein bisschen mehr beweisen. Viele Gruppierungen im Ort sind sehr männlich geprägt: zum Beispiel Jagdversammlung, Feuerwehr, Krieger- und Soldatenverein. Es fehlt tatsächlich die weibliche Komponente.

Wie geht es Ihnen mit dem Gemeinderat? In diesem Gremium sitzen jetzt immerhin drei Rätinnen, eine davon war Ihre Mitbewerberin um das Bürgermeisteramt.

Ertle: Gut! Der Gemeinderat ist ein sehr schönes Gremium, jung, dynamisch, voller Ideen. Es zeichnet sich jetzt schon ab, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Ratsmitglieder können fast alle Bereiche abdecken, da kann für die Gemeinde etwas ganz Positives entstehen. Ein Bürgermeister regiert ja nicht alleine, es ist immer das Gremium. Die Konkurrenz zwischen meiner Mitbewerberin und mir ist ganz weg. Es steht nichts zwischen uns. Es war schon spannend, ob ein gutes Miteinander möglich ist. Unser Verhältnis ist kollegial, die Sache steht im Vordergrund. Ich freue mich, dass Michaela Hus im Gremium ist. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Ausbildung ist sie eine Bereicherung für Gremium und Gemeinde. Übrigens werden wir bald nur noch zwei Frauen im Gemeinderat haben.

Warum?

Ertle: Yvonne Hartmann, derzeit noch Gemeinderätin, wird zum 1. Oktober das Amt der Geschäftsstellenleiterin übernehmen.

Dann scheidet sie aus dem Gemeinderat aus?

Ertle: Ja, das muss so sein. Ihr Nachfolger ist Florian Kempfle.

In einer besonders langen Gemeinderatssitzung haben Sie kürzlich gesagt: „Um diese Zeit schlafe ich sonst schon.“ Finden Sie genug Zeit zum Ausruhen und wie erholen Sie sich?

Ertle: Ich schlafe derzeit extrem kurz. Mich treiben die Themen der Gemeinde wirklich um. Ich habe viel Zeit im Rathaus verbracht, frühmorgens, spätabends, obwohl kaum Termine anstanden. Die Wochen waren extrem mit Arbeit gespickt. Zeitmanagement ist jetzt eine Herausforderung für mich. Ich bin nicht mehr im Angestelltenverhältnis und es wird mir immer wieder bewusst, dass die Verantwortung auf meinen Schultern liegt. Erholen kann ich mich, wenn ich mit meinem Hund Bella, einem Havaneser, unterwegs bin, und beim Spazieren und Fahrradfahren. Unter der Woche ist Bella übrigens bei meinen Eltern, vom Zeitaufwand ist das nicht anders möglich. Unter der Woche kann so gut wie kein Privatleben stattfinden.

Wie sieht ihr Privatleben denn aus?

Ertle: Ich wohne in Pfaffenhofen, meine Eltern sind in der Nähe. Ich habe keine eigene Familie mit Kindern. Meine Familie, das sind die Eltern und mein Bruder im Allgäu mit Nichten und Neffen, sie alle sind mir sehr wichtig. Und ich habe einen Lebensgefährten. Er war auch schon mit mir im Gottesdienst in Kötz. Wenn offizielle Auftritte sind, wird er mich begleiten. Es ist ganz wichtig, dass der Partner diese Aufgabe mitträgt. Ich wandere auch gerne im Allgäu. Der Hochgrat ist mein „Hausberg“. Und ich war auch schon zu Fuß auf der Zugspitze.

Haben Sie schon mal einen kurzen Moment überlegt, warum Sie sich diese Aufgabe aufgeladen haben?

Ertle: Ja, natürlich! Aber es gibt so viele schöne Momente, die einen tragen. Ich bekomme viel positives Feedback aus der Bevölkerung. Bürgermeisterin – das ist kein Job, es ist eine Position, das ist der große Unterschied. Man ist gewählt, man hat Verantwortung gegenüber den Bürgern.

Welche Ziele haben Sie sich gesteckt?

Ertle: Ich habe ein großes Ziel: Kötz blüht auf. Das soll sich in vielen Bereichen zeigen. Wir werden überlegen müssen, was wir in sechs Jahren realisieren können.

Nennen Sie uns ein paar Stichworte?

Ertle: Für die Innenorte etwas tun und Wohnraum schaffen. Bei der Ortskernsanierung spielt aber das Thema Privatbesitz eine wesentliche Rolle. Innenentwicklung ist schwierig umzusetzen und es kann viele Jahre dauern. Wir müssen es aber angehen. Was vielleicht rascher geht: Wir könnten die Kötz erlebbar machen und vielleicht an Brücken ein Fest mit den Anliegern machen. Da haben wir Potenzial, etwas Schönes draus zu machen. Kurzum: Lebensqualität schaffen. Dazu gehören viele Themen: Verkehr, Vereinsleben, das Miteinander. Seniorenbetreuung ist ein Thema. Kinderbetreuung haben wir, aber auch da gibt es immer wieder Fragen: Wie kriegen wir unsere Kinder sicher über die Straße? Und insgesamt: Ein bisschen Farbe ins Leben bringen. Wir versuchen, den Ort grün zu machen, schön zu gestalten, Blumenwiesen anzulegen. Der Dorfplatz ist schön.

Frau Ertle, verraten Sie uns den bisher aufregendsten Moment als Bürgermeisterin von Kötz?

Ertle: Der aufregendste Moment, war den Amtseid abzulegen. Da war ich sehr aufgeregt. Und bei der ersten Sitzung mit dem Gemeinderat. Bisher habe ich nicht geleitet, sondern nur begleitet. Das ist ein großer Unterschied.

Zur Person: Sabine Ertle ist im September 1970 geboren und in Oberhausen bei Weißenhorn aufgewachsen. Im Landratsamt Neu-Ulm hat sie Ausbildungen zur Bürogehilfin und zur Beamtin im mittleren nichttechnischen Dienst gemacht. 2016 qualifizierte sie sich für den gehobenen Dienst. Nach Stationen bei der Stadt Illertissen, der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Buch und der VG Pfaffenhofen a. d. Roth kam sie schließlich 2015 als Geschäftsstellenleiterin zur VG Kötz.

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