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Interview

06.07.2019

Neuer Chef: BRK im Kreis Günzburg "hat ein Eigenleben entwickelt"

Daniel Freuding freut sich auf seine Aufgabe als neuer Kreisgeschäftsführer des BRK.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Der neue Kreisgeschäftsführer Daniel Freuding spricht über die vielen Baustellen, die aufgerissenen Gräben – und welche Entscheidung gerade besonders wehtut.

Herr Freuding, Sie waren seit dem Frühjahr nach dem überraschenden Rückzug Ihres Vorgängers Mathias Wenzel Interimsgeschäftsführer des BRK-Kreisverbands Günzburg. Nun hat sich der Vorstand für Sie als dauerhaften Geschäftsführer entschieden, Sie hatten sich für die Stelle beworben. Angesichts der vielen Probleme im Kreisverband: Warum wollen Sie sich diese Aufgabe antun?

Daniel Freuding: Die Aufgabe interessiert mich sehr, sie ist vielschichtig. Es gibt viele unterschiedliche Gründe, warum die Situation beim Roten Kreuz im Kreis Günzburg so ist, wie sie ist. Ich kann hier meine Erfahrungen einbringen, um sie positiv zu verändern.

Welche Gründe sind das?

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Freuding: Sie liegen in der Vergangenheit, sie sind größtenteils ein paar Jahre alt. Es geht hier um die Struktur und das Selbstverständnis des Kreisverbands, die Vernetzung mit dem Bezirks- und Landesverband sowie anderen Kreisverbänden. Auch geht es um die Rollenklarheit des Ehrenamts, also welche Aufgaben es hat, und um die Strukturen im Hauptamt. Der Fachkräftemangel trifft uns gerade in der Pflege stark, auch die Kinderbetreuung ist mehr und mehr betroffen. Beim Rettungsdienst ist das Problem noch nicht so groß, dort ist es noch sehr attraktiv. Auch geht es um persönliche Konflikte und unsere wirtschaftliche Situation.

Welche Baustellen haben Sie vorgefunden, als Sie beim Kreisverband begonnen haben?

Freuding: Es geht hier um personelle Dinge, den Weggang von Know-how, um Wissen, das nur Einzelne hatten. Neben den Entlassungen geht es um Mitarbeiter, die in Rente gegangen sind. Wir haben zahlreiche Beschäftigte, die relativ neu im Kreisverband sind. In einigen Fällen war keine geregelte Übergabe der Stelle möglich. Der Kreisverband hat sich auch abgekapselt vom Rest des Roten Kreuzes, er hat ein Eigenleben entwickelt. Wir brauchen aber eine BRK-Struktur. Die Denke war zu lange: Wir machen das schon richtig, wie wir das machen. Es ist schwierig, das wieder zu ändern und dafür zu motivieren, über den Tellerrand zu schauen.

Es wurden ja nicht nur Mitarbeiter entlassen, es haben auch welche gekündigt, weil sie die Querelen nicht mehr ausgehalten haben. Hat sich das in der Zeit, seit Sie da sind, geändert?

Freuding: Wir hatten in den Rettungswachen Jettingen und Krumbach keine stellvertretenden Wachenleiter mehr, auch in Günzburg nicht. Das hat den Leiter Rettungsdienst und die Wachenleiter ans Limit gebracht. Aber inzwischen konnten wir wieder alle Positionen neu besetzen.

Fällt Ihnen noch auf die Füße, wie sich Ihr Vorgänger verhalten hat? Er war ja sehr direkt, unter ihm soll ein Klima der Angst geherrscht haben.

Freuding: Ich weiß beispielsweise nicht, warum man den entlassenen Pflegedienstleiter Benjamin Kurz schadenersatzpflichtig machen wollte, ich habe dafür keine Hinweise gefunden. Man merkt, dass das ganze Thema emotional sehr stark nachwirkt. Einige Mitarbeiter waren dabei, sich wegzubewerben. Dadurch, dass Herr Wenzel selbst gekündigt hat, haben sie das nicht umgesetzt. Aber ich habe die Sorge, dass die Kollegen bei der nächsten Krise wieder in dieses Muster verfallen. Und Schwierigkeiten werden nicht ausbleiben. Es wird rumpeln. Emotional ist das Ganze jedenfalls eine Katastrophe.

Kurze Einsatzzeiten für Rettungskräfte sind der Grund, warum der Rettungszweckverband in Kleinkötz einen Rettungswagen stationiert hat. Das Rote Kreuz in Günzburg kam dabei wiederholt nicht zum Zug - im Gegensatz zu den Johannitern. Zuvor war der RTW in Günzburg stationiert.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Von welchen Schwierigkeiten sprechen Sie? Zeichnet sich schon etwas ab?

Freuding: Ich war jetzt bei einer landesweiten Tagung der Kreisgeschäftsführer. Da war der Fachkräftemangel Thema. Es ist erschütternd. Mir war die Dramatik nicht so bewusst. Wir müssen uns vernetzen, denn das alles ist existenziell. Die Arbeiterwohlfahrt hat bereits in Krumbach einen Wohnbereich geschlossen und auch wir müssen einen kleinen mit zehn Bewohnern im Seniorenzentrum St. Michael in Krumbach schließen. Das tut uns weh, auch finanziell. Die Bewohner werden auf freie Plätze in anderen Wohnbereichen verlegt, die Angehörigen sind da sehr verständnisvoll. Aber das Problem ist, dass es keine Lösungsansätze gibt. Das BRK hat bereits Kontakte von den Philippinen bis Mexiko, um Fachkräfte zu gewinnen. Aber da kommt die Bürokratie dazwischen und der Effekt würde auch verpuffen. Es könnte passieren, dass wir einzelne Bereiche an den Bezirks- oder Landesverband abgeben müssen.

Wie groß sind die Probleme?

Freuding: Ich habe drei Jahre, um die einzelnen Bereiche so zu sanieren, dass sie ausgewogen sind. Sie müssen insgesamt tragfähig sein, zum Glück müssen sie nicht alle ein Plus erwirtschaften. Wir werden mit anderen Einrichtungsträgern eine Initiative starten, um Fachkräfte zu gewinnen, wir haben alle dieses Problem. Wir dürfen uns da nicht gegenseitig kannibalisieren.

Planen Sie auch Entlassungen?

Freuding: Nein, das wäre ja kontraproduktiv. Wir müssten eher das Personal aufstocken.

Wie geht es dem Kreisverband finanziell?

Freuding: Es geht ihm nicht gut. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir solide wirtschaften können. Das negative Jahresergebnis eines Kreisverbands kann zwar von einem anderen ausgeglichen werden, aber auf Dauer würde das natürlich zu einer Missstimmung unter den BRK-Kreisverbänden führen.

Können Sie Zahlen nennen?

Freuding: Ich möchte hier keine Zahlen nennen, sie wären zu sehr erklärungsbedürftig.

Mathias Wenzel war nur kurz Geschäftsführer beim BRK-Kreisverband Günzburg.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Liegen die finanziellen Probleme daran, dass in den vergangenen Jahren nicht ordentlich gewirtschaftet wurde?

Freuding: Es wurde ordentlich gewirtschaftet. Das Problem sind die Rahmenbedingungen, auf die vielleicht nicht rechtzeitig reagiert wurde. Ein Beispiel: Wenn im Pflegebereich jemand ausfällt, muss diese Stelle wegen des Betreuungsschlüssels sofort wieder besetzt werden. Wenn man das aber nicht kann, weil der Markt leer ist, muss man auf Zeitarbeitsfirmen zurückgreifen und die sind exorbitant teurer, als wenn man jemanden selbst beschäftigt. Das ist ein Teufelskreis.

Wie ist angesichts der schwierigen Lage die Stimmung beim Haupt- und Ehrenamt? Zumindest Ihre Berufung wurde ja positiv aufgenommen.

Freuding: Ich glaube, die Stimmung ist gut, aber natürlich wirkt die finanzielle Lage bedrückend. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts haben wir zumindest kein existenzgefährdendes Risiko, die Vernetzung zum Bezirks- und Landesverband, die mir sehr wichtig ist, bewirkt Positives. Da wir die Ausschreibung des Rettungswagens nicht gewonnen haben, gab es eine leichte Delle, aber die haben wir wieder aufgefangen. Es wirkt motivierend, dass wir Dinge jetzt wieder strategisch anpacken.

Wie wirken sich die Entscheidungen Ihres Vorgängers aus?

Freuding: Er wollte stark sanieren, aber in den vergangenen Jahren wurde schon zu wenig investiert und zu viel gespart. Wir haben einen Sanierungsstau und zu wenig Geld, das kann man aber regeln.

Wie soll das funktionieren?

Freuding: Das Geld kommt vom Landesverband und durch Drittmittel.

Also durch Kredite?

Freuding: Ja, durch Kredite.

Sie brauchen auch wieder mehr Fördermitglieder, nachdem viele wegen der Querelen und der Abfindungen für entlassene Mitarbeiter abgesprungen sind.

Freuding: Ja, die brauchen wir. Wir wollen ja auch wieder investieren. Beispielsweise ist die Rettungswache in Günzburg in die Jahre gekommen, sie ist räumlich begrenzt und nicht ideal wegen der Umgebungsbebauung. In einem Zeitraum von fünf Jahren bräuchten wir einen Neubau an einem anderen Standort. In Krumbach ist es ähnlich. Da passt zwar der Ort, aber die Bausubstanz ist schwierig.

Dabei ist der Standort in Günzburg ja erst saniert worden.

Freuding: Die Verwaltung ja, aber an der räumlichen Situation der Wache hat sich nichts geändert. Man kann sich Zwischenlösungen überlegen, aber die kosten auch nur Geld.

Sie wollen also wieder etwas voranbringen. Und haben schon etwas beim Personalrat verändert.

Freuding: Erstmals in der Geschichte des Kreisverbands stehen dem Personalrat für seine Aufgaben 0,8 Vollzeitstellen zur Verfügung. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter wollen sie sich teilen, denn ihre eigentlichen Aufgaben wollen sie nicht laufen lassen.

Gibt es weitere positive Neuigkeiten? Der Kreisvorsitzende Matthias Kiermasz hatte ja angekündigt, dass es da etwas geben wird, wollte aber noch nicht mehr verraten. Wollen Sie’s?

Freuding: Es wird ein deutliches, positives Signal für die Bevölkerung im Landkreis sein. Wenn der Vertrag in Kürze unterschrieben ist, werden wir es sofort öffentlich machen.

Die Demenz-WG in Offingen soll wieder ausgebaut werden.
Bild: Bernhard Weizenegger (Archiv)

Und drohen weitere schlechte Nachrichten?

Freuding: Momentan nicht, soweit ist die Lage stabil. Aber man ist davor natürlich nie gefeit.

Gibt es eigentlich Neues von der Demenz-WG in Offingen, wo entgegen einer Zusage die Menschen nicht bis zum Tod bleiben durften, wenn es die Pflegesituation zulässt?

Freuding: Wir wollen sie wieder beleben und ausbauen. Ich denke, die Bewohner dürfen dort auch bis zum Tod bleiben, wenn die Rahmenbedingungen es erlauben. Das müssen wir noch mit den Angehörigen beziehungsweise den Betreuern der Bewohner klären.

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Freuding: Ich bin noch Wochenendpendler. Aber meine Frau ist schon sehr aktiv auf den einschlägigen Immobilienplattformen. In zwei Jahren planen wir den Umzug in den Landkreis. Meine Zwillinge rutschen jetzt in die Pubertät, da ist etwas Stabilität wichtig. Wir sind ja erst vor drei Jahren vom Allgäu nach Oberbayern gezogen, ich brauche zwei Stunden bis nach Hause. Momentan wohne ich noch in Dillingen, ich wollte erst die Entscheidung über meine Bewerbung abwarten. Künftig würde ich dann gerne zentral im Landkreis wohnen, zum Beispiel in Ichenhausen. Ich muss ja auch öfter nach Krumbach fahren.

Zur Person Freuding ist 45 Jahre alt und Diplom-Ingenieur. Er war Geschäftsführer der Bergwacht Bayern. Er ist Mitglied der Bergwacht, Rettungssanitäter, ausgebildeter Verantwortlicher für das Krisenmanagement im Roten Kreuz sowie Fachberater Krisenintervention und Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen. Er stammt aus Sonthofen.

Anmerkung der Redaktion: Ein Leser hat darauf hingewiesen, dass die Awo keineswegs einen Wohnbereich geschlossen habe, was auf Nachfrage unserer Zeitung der stellvertretende Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Schwaben, Alfons Schier, bestätigt.

Natürlich spiele der Fachkräftemangel wie überall auch bei der Awo eine Rolle, aber weder im Haus in Krumbach noch in Ichenhausen seien Schließungen geplant, zumal es eine Vormerkliste gebe. Daniel Freuding sagt dazu, dass er sich auf Informationen aus dem Kollegenkreis des BRK-Seniorenzentrums Krumbach verlassen und diese nicht nachgeprüft habe. Dafür bittet er um Entschuldigung.

Zur Aussage, dass nach Problemen in der Vergangenheit die wichtigen Positionen im Kreisverband wieder besetzt seien: Es ist eine Stellenanzeige erschienen, in der ein Leiter Rettungsdienst gesucht wird. Freuding sagt dazu, dass der Kollege, der diese Funktion bislang innehatte, einen auf ein Jahr befristeten Vertrag für diese Aufgabe hatte. Sie war nur vorübergehend vergeben worden, nachdem der langjährige Leiter Rettungsdienst, Alexander Faith, von seinem Amt entbunden worden war.

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