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Ichenhausen

18.06.2019

Peitschen mit Überschallknall

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4 Bilder
Diese Herren, Mitglieder der Ichenhauser Goißlschnalzer, pflegen die uralte Tradition der Fuhrleute. Was bei ihnen so leicht und locker aussieht, ist harte Übung.
Bild: Bernhard Weizenegger

Unsere Redakteurin versucht sich an einer alten Tradition, der Kunst des Goißlschnalzens. Hier sind Taktgefühl, technisches Geschick und eine lockere Hand gefragt.

Eigentlich hätten mich die Herrschaften umgehend wieder heimschicken müssen. Mein Aufzug – Jeans, Turnschuhe und Jacke – passt so gar nicht dazu, auch wenn es der Redakteurin angesichts der dunklen Wolken und ersten fallenden Regentropfen passend erschien. Schließlich ist Treffpunkt unter freiem Himmel auf einem Hof am Brandfeld bei Ichenhausen. Hier wird eine altehrwürdige Kunst praktiziert, die Tradition des Goißlschnalzens zu der die Peitsche genauso dazugehört wie die zünftige Tracht. Für mich wird eine Ausnahme gemacht. Nicht nur kleidertechnisch, sondern auch sprachlich. Für die „Neigschmeckte“ muss so mancher schwäbische oder urbayerische Begriff des Peitschenknallens erst ins Hochdeutsche übersetzt werden.

Walter Blasi als Vorsitzender der Ichenhauser Goißlschnalzer erbarmt sich der blutigen Anfängerin. Schließlich ist auch er erst verhältnismäßig kurz dabei, seit 2014. Damals sei ein Engpass gewesen, er sei zufällig reingeschlittert und dabei geblieben. Er scheint Mitgefühl zu haben und leiht großzügig eine seiner Peitschen aus. Eine habe er schon auf Reserve, sagt er und lacht. „Die wo mehr Geld han, han drei, wer knickerig isch, hat nur zwei“, ruft jemand dazwischen. Aber halt, wie heißt das Gerät eigentlich korrekt? Goaßl auf bayerisch und Goißl auf schwäbisch, ganz einfach also. Wobei die Schwaben, die das Peitschenknallen heute noch ausüben, deutlich in der Minderheit sind.

Der unscheinbare Zipfel am Ende der Goißl heißt Schmitz oder Schmutz

Wie der Rest aus Stecken und Strick heißt, da scheiden sich die Meinungen der neun anwesenden Herren etwas. Der unscheinbare Zipfel ganz unten sei der Schmitz, sagt der eine. „Oder Schmutz“, wirft ein anderer ein. Wenn er dreckig ist, wurde die Peitsche zu lang über den Boden gezogen. „Schnallschnur“, nennt es Blasi. Wie auch immer: Diese dünne und am Ende ausgefranste Schnur, diese letzten zwei Zentimeter, seien entscheidend. „Da entsteht der Überschallknall“, erklärt Blasi. Vorausgesetzt, der Schnalzer schwingt die Goißl richtig.

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Wie das gehen soll, erklärt Blasi in der Trockenübung. Taktgefühl und Geschicklichkeit sollte man haben. Und ein wenig Kraft, Auftritte können schon mal 20 Minuten dauern, „das geht in den Arm“. Also die Goißl fest am Griff halten, den Arm leicht anwinkeln und dann ganz locker und leger aus dem Handgelenk eine liegende Acht in die Luft zeichnen. Und wie bitteschön schnalzt es? Roland Junker, mit 79 eines der Urgesteine der Ichenhauser Goißlschnalzer, sagt nur kurz und trocken: „Abrupt nach unten und wieder nach oben ziehen.“ Dann mache der Schmitz eine zackige Kurve und „peng“.

Im Takt wird zum Akkordeon geschnalzt

Bei den neun Herren und der einen Dame, die sich mit genügend Abstand zueinander im Kreis aufgestellt haben, tut es das am laufenden Band. Vom einfachen bis zum mehrfachen Schlag, schön im Takt zum Akkordeon von Petra Hahn-Berreiter. Ein schüchternes „Flapp“ ist alles, was ich meiner Goißl entlocken kann. Auch nach zahllosen Versuchen. Enttäuschung macht sich breit, irgendwie sah es so einfach aus. Der Kollege hat es früher geschnallt, bei ihm schnalzt es richtig.

Walter Blasi spendet Trost: „So schnell geht’s halt nicht.“ Ein Vierteljahr Übung brauche es in der Regel. Martin Schallermeier, als Fahrlehrer mit der Peitsche eigentlich geschickt, gibt ihm recht. Er ist erst kürzlich eingestiegen und gesteht: „Ich tue mich schwer, ich muss üben, dass es richtig kracht.“ Uschi Fried, mit 52 die jüngste im Bunde und die einzige Frau, schlägt sich regelmäßig Blasen an der Hand. Ein anderer hat es gerade geschafft, dass sich seine Peitsche verknotet hat. Mit dem Taschenmesser wird die Schlinge abgeschnitten. Das passiere jedem irgendwann, entschuldigt Blasi. Zum Glück nicht mir.

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