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Ichenhausen

12.08.2020

Philippinische Pflegerinnen über ihr neues Leben in Deutschland

Nach Feierabend kochen sie gerne gemeinsam: Meistens gibt es bei Leziel Picar, Leny Rose dela Fuente und Nancy Fakat (von links) Reis in vielen Variationen. Aber auch schwäbische Gerichte haben sie schon probiert.
Bild: Irmgard Lorenz/Sozialstation

Drei gelernte Krankenschwestern von den Philippinen verlassen ihre Heimat, um in Deutschland als Pflegerinnen zu arbeiten. Welche Erfahrungen sie gemacht haben.

Familie, Freunde, das ganze Leben zurücklassen, um trotz beschränkter Sprachkenntnisse 10000 Kilometer entfernt in einem fremden Land zu arbeiten – was für viele wie ein Albtraum klingt, ist für die drei Philippinas Nancy Fakat, Leziel Picar und Leny Rose dela Fuente die Realität. Denn die drei Frauen sind im Rahmen des Projekts „Triple Win“ in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit und der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) nach Deutschland gekommen, um als Pflegehelferinnen im Ernst-Ott-Seniorenzentrum in Ichenhausen zu arbeiten. Es ist eine klassische Win-win-Situation, bei der jede Seite profitiert: Die Arbeitslosenquote auf den Philippinen ist hoch, in Europa dagegen sind die qualifizierten und engagierten Fachpflegekräfte sehr willkommen.

Philippinas bereichern das Team im Ernst-Ott-Seniorenzemtrum in Ichenhausen

Mittlerweile haben sich die drei Philippinas gut eingelebt, auch wenn sie den schwäbischen Dialekt schwierig finden. Die Arbeit als Pflegehelferinnen im Seniorenzentrum der Ökumenischen Sozialstation im Landkreis Günzburg macht den Frauen viel Freude. „Happy and safe“, glücklich und geborgen, sagt die 40-jährige Nancy Fakat, auch wenn ihr siebenjähriger Sohn und der Ehemann nicht mit nach Deutschland gekommen sind. Zusammen mit Leziel Picar und Leny Rose dela Fuente bereichert Fakat schon nach kurzer Zeit das Team im Ernst-Ott-Seniorenzentrum. „Sie gehören schon fest zu uns“, sagt Pflegedienstleiterin Monika Jansen.

Für die 29-jährige gelernte Krankenschwester Leziel Picar hat sich nach zwei Berufsjahren auf den Philippinen und drei Jahren in Saudi-Arabien ein Traum erfüllt. Schon lange wolle sie in Deutschland arbeiten, denn die Verdienstmöglichkeiten seien attraktiv, sagt sie. Nicht nur wegen Corona schaut sich die lebhafte junge Frau vorerst hauptsächlich in der näheren Umgebung von Ichenhausen um. Begeistert erzählt sie von kleineren Radtouren mit einer Kollegin im Günztal und von Ausflügen nach Ulm und Augsburg. Sie freut sich aber schon auf Reisen in die Nachbarländer, wo sie romantische Schlösser und schöne Landschaften kennenlernen will – und nicht zuletzt auch auf Treffen mit philippinischen Freundinnen, die schon seit einiger Zeit in Deutschland leben und arbeiten.

Ziel des Projekts: dauerhafte Fachkräfte im Gesundheits- und Pflegesektor

Die drei Philippinas verstehen sich gut mit den Kolleginnen aus dem Seniorenzentrum. Die Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft des Ichenhauser Teams hätten ihnen den Start in einer fremden Kultur und an einem neuen Arbeitsplatz leicht gemacht, sagen sie übereinstimmend. Auch die Chefin sei sehr nett. Immer wieder betonen sie im Gespräch, wie dankbar sie der Ökumenischen Sozialstation und vor allem Geschäftsführer Stefan Riederle für die Möglichkeit sind, hier zu arbeiten.

Und auch Riederle selbst ist froh über die Unterstützung. „Die ausländischen Pflegefachkräfte helfen uns, eine hochwertige Versorgung von pflegebedürftigen Menschen sicher zu stellen“, erklärt er. Den bürokratischen Aufwand, um die Philippinas nach Ichenhausen zu holen, bezeichnet er als „relativ überschaubar“. Das Projekt vermittelt ausgebildete Kräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina, Tunesien und von den Philippinen, die in Deutschland eine Anerkennungsqualifizierung durchlaufen. Ziel ist es, dauerhaft Fachkräfte für den Gesundheits-und Pflegesektor in Deutschland zu gewinnen. Nicht nur um Arbeitserlaubnis, Visum und Anreise hat sich der Geschäftsführer der Sozialstation gekümmert, sondern auch um eine gute Unterkunft für die neuen Mitarbeiterinnen in Ichenhausen. Ein Häuschen im Zentrum der Stadt wurde gemietet und so eingerichtet, dass die Frauen sich wohlfühlen können.

Im Rahmen des Projekts „Triple Win“ werden qualifizierte Fachkräfte für den Gesundheits- und Pflegesektor aus dem Ausland nach Deutschland geholt.
Bild: Irmgard Lorenz/Sozialstation

Pflegehelferinnen zeichnen sich durch Geduld und Fürsorge aus

Riederle lobt den liebevollen und zugleich respektvollen Umgang der Philippinas mit den Bewohnern des Ernst-Ott-Seniorenzentrums. Auch im Hinblick auf den immer internationaler werdenden Alltag sieht er die Frauen als Gewinn. Pflegedienstleiterin Monika Jansen ist ebenfalls voller Anerkennung für die neuen Mitarbeiterinnen: „Sie nehmen uns viel ab.“ Stolz zeigt sich Jansen aber auch auf das vorhandene Team, das die neuen Kolleginnen gut aufgenommen habe.

Die Philippinas übernehmen die Grundpflege bei den Bewohnern des Ernst-Ott-Seniorenzentrums, sie helfen bei den Mahlzeiten, betten fürsorglich zum Mittagsschlaf oder zur Nachtruhe und gehen mit den an Demenz erkrankten Menschen spazieren oder spielen mit ihnen. Die Verständigung klappt gut, obwohl der schwäbische Dialekt manchmal fragende Blicke hervorruft.

Nach Deutschkurs wird philippinische Ausbildung als Krankenschwester in Deutschland anerkannt

Allerdings sind noch nicht alle Hürden genommen. Wegen der coronabedingten Einschränkungen konnte der Deutsch-Kurs erst mit einiger Verspätung starten. Dennoch ist die Motivation der Philippinas, die deutsche Sprache noch besser zu lernen und schließlich die B2-Prüfung zu bestehen, in der Zwischenzeit eher noch gewachsen. Die bestandene Sprachprüfung ist Voraussetzung dafür, dass die Frauen die deutsche Anerkennung ihres philippinischen Berufsabschlusses als Krankenschwester bekommen. Dann dürfen sie ein breiteres Aufgabenspektrum im Seniorenzentrum übernehmen, bekommen den Lohn einer Fachkraft und sind damit wieder ein Stückchen näher an ihrem großen Ziel.

„Alles ist gut hier!“, sagt die 31-jährige Leny Rose dela Fuente. Sie ist alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Buben, den sie auf den Philippinen in der Obhut ihrer Eltern zurückgelassen hat. Sie will hier arbeiten und Geld verdienen, um ihm eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Nancy Fakat dagegen hofft, ihren heute siebenjährigen Sohn und ihren Ehemann irgendwann nach Deutschland holen zu können. Ihr Ehemann ist Ingenieur und hat bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie in Saudi-Arabien gearbeitet, der Sohn kommt bald in die dritte Klasse. Für ihre kleine Familie erträumt sich die 40-Jährige ein gemeinsames Leben in Deutschland. „Hier gibt es so viele gute Möglichkeiten“, sagt sie. Und auch wenn sie zwischendurch Heimweh nach Mann und Kind hat, sagt sie doch: „Ich habe jetzt auch hier eine Familie.“ (zg)

Zur Info:

  • Das 1996 eröffnete Ernst-Ott-Seniorenzentrum ist seit 2003 eine gerontopsychiatrische Fachpflegeeinrichtung für altersdemente Menschen.
  • In dem vor wenigen Jahren sanierten Gebäude am Hindenburgpark in Ichenhausen gibt es 32 Plätze für Bewohner plus zwei Tagespflegeplätze. Träger ist die ökumenische Sozialstation im Kreis Günzburg.
  • Kontakt Pflegedienstleiterin Monika Jansen, 08223/9685-30, monika.jansen@ernst-ott-seniorenzentrum.de

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