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Jubiläumskonzert

16.12.2014

Powerplay und Barockdrive

Wolfram Seitz am Pult beim Jubiläumskonzert des Heilig Geist Ensembles Günzburg. Daneben die Gesangssolisten Alexander Kiechle und Anna-Maria Thoma.
Bild: Kircher

Zu seinem 25. Geburtstag beweist das Heilig Geist Ensemble jugendlichen Schwung – auch mit „alter Musik“. Dafür sorgen auch die jungen Solisten

Normalerweise, im Zusammenhang mit wachsendem Alter, gehört zu Geburtstagen ja grundsätzlich ein archaisches Klageritual. Nicht so bei der auf Weihnachten abgestimmten Jubelfeier des 1989 von Bernhard Löffler gegründeten Vokalensembles der Heilig Geist Kirche Günzburg. Da stand Freude und Jugend auf dem Programm. Mit dem ebenfalls erst 25-jährigen neuen kirchenmusikalischen Leiter Wolfram Seitz (vorweg schon sei’s vermerkt: ein echter Glücksfall für das Heilig Geist Ensemble). Mit drei der vier aus Günzburg stammenden Gesangssolisten jugendlichen Alters, hochgradig mit Karrierepotenzial behaftet. Und, nicht zuletzt, einer Interpretationsform, die das Musikschaffen des 17. und 18. Jahrhunderts zu jugendlich-schlanker Klangkultur recycelt. Der mit geradezu sturm- und- drängerischer Rhetorik am Pult agierende Jungdirigent machte aus weitgehend uncool beleumundeter „alter Musik“ eine Breitband-Powerplaystation mit Barockdrive.

Nur der mit der Geburt des Heilands „weihnachtliche“ erste Teil von Georg Friedrich Händels „Messiah“ – er hatte ihn in einer Art kompositorischer Explosion in nur sechs Tagen zu Papier gebracht – stand am Beginn dieses konzertanten dritten Adventsnachmittags. Und schon mit den ersten Takten der Ouvertüre wurde klar: Nein, das wird keine kirchenmusikalisch „edle Unterhaltung“, kein honigsüßer Rosinenbomber mit Hallelujageschmack. Da tritt einer mit der Absicht an, aus Händels Oratoriumshit einen Markenartikel zu machen. Unaufgeregt, aber bedacht auf rhythmische Schärfe, auf deklamatorische Beweglichkeit, und beinahe asketisch entschlackten, viktorianischen Pomp und Schwulst. Das bei Heilig Geist bereits bestens bekannte Kammerorchester Russ folgte willig seinen Intensionen, konnte in seiner Reduziertheit zwar keine orchestralen Furiosi entfesseln, dafür aber Klangstrukturen hörbar machen, die in ihrer Verbundenheit mit Freude und Schmerz in die klanglichen Dimensionen der Ewigkeit zu leuchten vermochten.

Der Hauptpart der Händelschen Bibeltextvertonung steht auf den Säulen des Gesangs. Bravourös setzte sich, intonationssicher und homogen, der Chor in Szene, im zuversichtlichen „And the glory“, im hymnischen Fugenjubel „Glory to God“. Drei verheißungsvolle Nachwuchstalente machten sich zum Herzstück des vokalen Geschehens. Mit seinem schwerelos-weich timbrierten Tenor spann Jakob Nistler lyrisch mühelose Bögen Melismen-verzierter Inbrunst in seiner „Every vally“-Arie. Alexander Kiechle setzte sein durchgestyltes Bassvolumen auf plastisch geformtes Tiefenfundament, koloraturgewaltig, modulationsreich und, unisono mit dem Orchester, aus wundem Herzen zu „The Lord of Hosts“ seufzend. Anna-Maria Thoma, frisch vom Mezzosopran ins Sopranfach gewechselt, verfügt über eine deklamatorische Beweglichkeit, die zu loderndem Feuer, zu kräftigen Furiosofarben befähigt. Ihre gesangstechnische Brillanz hat sie, an der Seite von Weltstar Edita Gruberova, bereits auf eine Weltstadtbühne wie die Philharmonie am Münchner Gasteig gebracht. In virtuoser Manier nahm sie die gefürchteten Hürden der „Rejoice“ Arie, verströmte Höhenglanz und glutvolle Tiefe im emotional berührendem „He shall feed“-Duett, bei dem Mutter Brigitte, mit routinierter Souveränität, die ungewohnte Mezzopartie übernahm.

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Zum Grundbestand advents- und weihnachtlicher Befindlichkeit gehört jenes der zwölf Concerti grossi des „Wenigschreibers“ Arcangelo Corelli, das als „Weihnachtkonzert“ (g-Moll op.6 Nr. 8) bezeichnet wird. So genannt, weil, nach drei Adagio/Allegro-Sätzen, eine „Pastorale“ angehängt wird (wie sie Händel auch in seinem Messiah verwendete). Das Orchester Russ schmückte sie mit jenem Wiegerhythmus aus, der dieser „Hirtenmusik“ den poetischen Glanz sizilianischer Volksmusik verleiht. „Vielschreiber“ Georg Philipp Telemann setzte den Schlusspunkt mit seiner Adventskantate „Machet die Tore weit“, die Chor und Solisten noch einmal Gelegenheit gab, in ergreifenden Rezitativen, Arien und Chorsätzen sängerischen Glanz und instrumentale Erlösersehnsucht zu entfalten.

Doch Moment – ein „Messias“ ohne seinen ekstatischen „Halleluja“-Hymnus? Geht das denn? Geht natürlich nicht! Und so wurde dieser kurzerhand als Zugabe nachgeliefert. Zum Himmel lodernd, rahmensprengend und aus voller Kehle geschmettert.

Spontane Gegenleistung: Stehender Applaus.

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