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Neu-Ulm/Kreis Günzburg

27.04.2015

Prostituierte reisen in Bussen in die Region

Mit der Prostitution geht mehr und mehr der Menschenhandel einher.
Bild: Oliver Berg/dpa (Symbolbild)

Viele Frauen werden zwangsweise aus Osteuropa nach Deutschland gefahren, um sich dort an Freier zu verkaufen – auch in der Region. Jetzt will die Politik handeln.

In den USA kommen Freier an den Online-Pranger, in Schweden und Frankreich ist käuflicher Sex verboten. In Deutschland dagegen ist Liebe gegen Geld seit 2002 legal, als das Prostitutionsgesetz in Kraft trat. Damals war die Politik zuversichtlich, durch gesetzliche Leistungen wie Gesundheitsversorgung sowie Renten- und Arbeitslosenversicherung die Prostituierten vor Gewalt, Ausbeutung und Menschenhandel zu schützen. Doch heute, 13 Jahre später, scheint klar, dass die Legalisierung die Zwangsprostitution nicht eingedämmt hat.

Ganz im Gegenteil, wie die Ulmer Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis ( SPD) bei einer Podiumsdiskussion in Ulm zum Thema „Besserer Schutz für Prostituierte“ feststellte. Auch in Ulm und Neu-Ulm würden immer wieder Fälle von Menschenhandel bekannt, hieß es. Da die Prostitution nach Angaben der Polizei in Städten mit weniger als 30000 Einwohnern grundsätzlich verboten ist, beschränkt sich dieses Problem hauptsächlich auf diese Region. Allerdings gab es auch schon Tatorte des Menschenhandels, der Zuhälterei oder der verbotenen Prostitution im Kreis Günzburg, erklärt die Polizei auf Anfrage. Die Fälle konzentrierten sich im Zuständigkeitsbereich der Kripo Neu-Ulm aber eher auf den dortigen Stadtbereich, und das auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. In diesem Jahr sei weder dort noch im Kreis Günzburg eines dieser Delikte festgestellt worden.

Mattheis sagte bei der Veranstaltung: „Als wir damals das Gesetz verabschiedet haben, haben wir nicht mit diesem Ausmaß gerechnet, wie wir es heute haben.“ Daher soll es nun eine drastische Verschärfung des Prostitutionsgesetzes geben. Denn Zuhälter und Bordellbetreiber hätten die Freiheiten durch das Gesetz von 2002 ausgenutzt und Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht. Die EU-Osterweiterung und die Zunahme der organisierten Kriminalität seien ein entscheidender Faktor, weshalb man nicht mehr von den gleichen Bedingungen wie noch zu Anfang der Jahrtausendwende sprechen könne.

Der Polizei fehlt "jegliche Grundlage"

Von den geschätzten 400000 Prostituierten in Deutschland arbeiteten schätzungsweise 90 Prozent der Frauen unter Zwang. 85 Prozent seien Ausländerinnen, die oftmals nicht einmal Deutsch sprächen. „Wir reden hier nicht von Prostitution, sondern von einem Menschenrechtsverbrechen“, sagte der ehemalige Ulmer Kriminalkommissar Manfred Paulus, der als Experte im Bereich des Rotlichtmilieus gilt. Er betonte: „Und die Polizei muss tatenlos zusehen.“ Denn seit der Legalisierung 2002 fehle den Beamten „jegliche Grundlage“, um gegen die Zwangsprostitution vorzugehen.

So seien auch viele kriminelle Gruppierungen vom Drogenhandel ins Rotlichtmilieu gewechselt. Ein Problem, das auch in Ulm zu bemerken sei. „Hier schießen Rockergruppierungen wie Pilze aus dem Boden“, sagte der Polizist. So schnell und so viele, dass die Ulmer Polizei ohne personelle Verstärkung nicht mehr dagegen ankommen könne. 120 Prostituierte gebe es offiziell in der Münsterstadt, aber die Dunkelziffer liege um ein Vielfaches höher. So sollen ganze Busladungen von Frauen aus Osteuropa in die Region gebracht werden, um anschließend von Zuhältern für deren Bordelle ausgesucht zu werden. Wer nicht genommen werde, werde in die nächste Stadt gefahren. „Frauen waren schon im Römischen Reich eine Ware und sind es heute wieder“, sagte Paulus.

Bordell-Betreiberin will Frauen schützen

Das bestätigte Andrea Dorija, Betreiberin des Bordells Hexenhäusle: „Man macht sich kein Bild.“ Nach ihrer Überzeugung müsse etwas gegen den Menschenhandel getan werden. Zudem setzt sich die Bordellchefin auch für Schutzpflichten wie die Verwendung von Kondomen, ein Mindestalter der Prostituierten von 21 Jahren und regelmäßige Gesundheitstests ein. Sie spüre am eigenen Leib die zunehmende Kriminalisierung im Ulmer Rotlichtmilieu. Bei ihr arbeiteten lediglich deutsche Frauen, sagte Dorija. „Das ist mein Beitrag, um gegen den Handel vorzugehen.“

Nun sei die Politik gefragt, das Prostitutionsgesetz zu verschärfen, hieß es gegen Ende der Diskussion. Eine Entscheidung soll laut Hilde Mattheis noch vor der Sommerpause im Parlament fallen. mit cki

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