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Gundremmingen

15.09.2020

Protest für statt gegen Atomkraft: Verein demonstriert am AKW Gundremmingen

Wie hier an Silvester 2019 vor dem Atomkraftwerk Philippsburg wird der Verein Nuklearia am Sonntag auch in Gundremmingen für den Erhalt der Kernkraftwerke in Deutschland demonstrieren.
Bild: Jannis Große, imago images

Plus Der Verein Nuklearia plant eine Kundgebung am Atomkraftwerk Gundremmingen: Er will den Atomausstieg verhindern. Zur selben Zeit sind auch die Gegner der Atomkraft da.

Normalerweise wird rund um das Atomkraftwerk (AKW) in Gundremmingen gegen die Kerntechnik demonstriert. Am kommenden Sonntag wird das anders sein: Wie an weiteren Standorten hat der Verein Nuklearia, der sich für den Weiterbetrieb der Anlagen in Deutschland einsetzt, unter dem Motto „Klimakrise? Kernkraft!“ zu einer Pro-Atomkraftwerke-Demo aufgerufen.

Gegründet hat den Verein Rainer Klute, dessen Vorsitzender er auch ist. Er sieht die Energie- und Klimawende der Bundesregierung scheitern. Atomkraftwerke vermieden jährlich Millionen Tonnen CO2. Der Atomausstieg mache das künftig unmöglich – und die erneuerbaren Energien seien keine Alternative. Sie könnten nicht rund um die Uhr den Bedarf decken. Stattdessen werde auch wegen fehlender Großspeicheranlagen für eine Zeit lang weiter auf Kohle und dann auf das ebenfalls klimaschädliche Gas gesetzt.

Nuklearia-Vorsitzender Klute: Risiken der Atomkraft neu bewerten

Die Nuklearia hat nach Klutes Worten 281 Mitglieder, auch in Österreich, in der Schweiz – und zwei in den USA sowie Kanada. Angesichts dessen sei es nicht möglich, einen bundesweiten Aktionstag am selben Datum zu organisieren. Stattdessen werde man künftig wohl eher versuchen, die Bürger mit Infoständen zu erreichen. „Denn die Deutschen wissen sehr viel über die Kernenergie, aber das meiste davon ist falsch.“ Sie müssten die Vor- und Nachteile abwägen und sich ein eigenes Bild machen.

Es brauche unbedingt eine Neubewertung der Risiken des Klimawandels und der Atomkraft – und deren seien weitaus geringer. Sie sei zudem das wirksamste Mittel, um die Erderwärmung zu bremsen. Auch müssten die Langzeitfolgen der erneuerbaren Energien für die Umwelt berücksichtigt werden.

Moderne Atomreaktoren könnten Energie aus Atommüll gewinnen

Das vorrangige Ziel sei, das Abschalten der Kernkraftwerke zu verhindern – die Chancen schätzt Klute aber als verschwindend gering ein. Stattdessen werde es künftig vor allem darum gehen, den Boden für den Wiedereinstieg zu bereiten. Denn mit der Energiewende „werden wir uns eine blutige Nase holen“: Wenn die Strompreise weiter stiegen und die Versorgungssicherheit fehle, werde der Leidensdruck irgendwann groß genug um zu erkennen, dass es keine Alternative zur Kernenergie in Deutschland gebe.

In einem Gastbeitrag für die Zeit hatte Klute zudem geschrieben, dass es inzwischen moderne Reaktoren gebe, „die Energie aus bereits angefallenem ,Atommüll‘ gewinnen können. Allein aus den gebrauchten Brennelementen in den verschiedenen Zwischenlagern könnte Deutschland 250 Jahre lang komplett mit Strom versorgt werden.“

Klute will Spiegel-Artikel so nicht stehen lassen

Was er aber so nicht stehen lassen will: Der Spiegel hatte berichtet, dass sich Klute auch gern zu AfD-Anhörungen einladen lasse, obwohl die Partei den menschengemachten Klimawandel leugne und die Nuklearia offiziell mit der Klimakrise argumentiere. Ja, sagt der Vorsitzende, er habe bei der AfD-Bundestagsfraktion schon einen Vortrag gehalten.

Rainer Klute ist Vorsitzender des Vereins Nuklearia.
Bild: Rainer Klute, Nuklearia e. V.

Und er habe auch keine Berührungsängste mit der Partei, wenn es um einen sachgerichteten Dialog gehe. Aber der Artikel sei der Versuch gewesen, „uns in die rechte Ecke zu stellen“. Aus einem Kontakt werde eine inhaltliche Übereinstimmung konstruiert. So etwas sei heute ja leider üblich.

Auch die Atomkraftgegner sind am Sonntag präsent

Sonst gehen in Gundremmingen vor allem die Mahnwache und die Bürgerinitiative Forum auf die Straße beziehungsweise vor das Werkstor. Ihnen kann das Abschalten des Kraftwerks nicht schnell genug gehen, das Atommüll-Zwischenlager am Standort ist für sie auch ein Ärgernis. Doch Thomas Wolf, sozusagen das Gesicht der Mahnwache und Mitglied bei der Bürgerinitiative, sieht die Demo von Nuklearia gelassen.

Bei den vorangegangenen Protestkundgebungen seien ja nur wenige Teilnehmer dabei gewesen. Daher werde auch keine Gegenveranstaltung initiiert, sondern zu einer „klimaneutralen Mahnwache“ aufgerufen – zu der mit Fahrrädern oder solargeladenen Elektroautos angereist werden soll und an der sich die Bürgerinitiative beteiligt. „Aber das wird keine große Sache.“ Sie beginnt wie üblich um 15 Uhr am Kraftwerk.

"Ein letztes Aufbäumen von ein paar Atomenergiebefürwortern"

Die Argumentation, dass Atomkraft das Klima schütze, findet Wolf nicht ganz schlüssig, da etwa bei der Windkraft weniger CO2 pro Kilowattstunde erzeugt werde. Man müsse auch betrachten, welche Erdmassen bewegt werden müssten, um das Uran für die Atomenergie zu erhalten. „Auch die Behauptung, man könne den Atommüll mit technischen Verfahren unschädlich machen, ist vor allem Theorie.“

Selbst wenn das jemals funktionieren sollte, könnten nicht alle radioaktiven Elemente umgewandelt werden. „Ein Endlager wird in jedem Fall trotzdem benötigt.“ Außerdem sei die Atomkraft gefährlich, wie die Vorfälle von Three Miles Island, Tschernobyl und Fukushima zeigten. „Ich sehe diese Pro-AKW-Demo als ein letztes Aufbäumen von ein paar einzelnen Atomenergiebefürwortern“, betont Wolf.

Die Polizei rechnet mit keinen Problemen bei der Demo in Gundremmingen

Zu dem Termin am Sonntag haben diese 100 Teilnehmer angemeldet. So wolle man den Corona-Auflagen gerecht werden, sagt Organisator Daniel Spannbauer, denn er rechnet mit weniger. In Grohnde (Niedersachsen) seien es zuletzt gut 40 Leute gewesen. Eigentlich habe man auf dem Parkplatz des Besucherzentrums, also unmittelbar neben der Zufahrt, demonstrieren wollen. Zugewiesen wurde ein etwas entfernterer Parkplatz. „Aber damit sind wir auch zufrieden.“ Los geht es um 14 Uhr, maximal werde es bis 16 Uhr dauern. Man werde nichts tun, um jemanden zu provozieren, „nichts liegt uns ferner“. Gerade auch mit den Betreibern des Kraftwerks wolle man keinen Ärger.

Der Vize-Chef der zuständigen Polizei in Burgau, Peter Hirsch, erwartet auch keinen. Auf dem Parkplatz könnten die Mindestabstände eingehalten werden, und das Landratsamt habe eine Maskenpflicht als Auflage festgelegt, falls das nicht möglich sei. Dass die Mahnwache parallel am Kraftwerk präsent ist, sieht Hirsch ebenfalls als nicht problematisch an.

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