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Ichenhausen/Günzburg

12.12.2020

Prozess um Wildwest-Szenen im Straßenverkehr in Ichenhausen

Weil ein anderer Autofahrer der Meinung eines 26-Jährigen nach zu knapp vor ihm auf eine Straße abgebogen war, fuhr der junge Mann dem anderen Auto sehr nah auf und bedrohte dessen Fahrer mit Messer und Pistole.
Bild: cr/sa/ap (Symbol)

Plus Ein aggressiver 26-Jähriger fährt einem anderen Auto auf und geht mit Messer und Softair-Pistole auf den Fahrer los. Vor Gericht versucht er, Mitleid zu erregen.

Szenen wie diese sind sonst eher in Blaulicht-Dokusoaps des Privatfernsehens angesiedelt: Ein junger Mann geht mit einem Messer in der Hand und einer Pistole im Hosenbund auf einen Autofahrer zu, weil der ihn zuvor angeblich behindert hatte. Aber der Verkehrsrowdy gerät an den Falschen.

Der Angeklagte fühlte sich bei Ichenhausen von dem anderen Fahrer behindert

Der Bedrohte zückt ein Pfefferspray, der Täter flüchtet, wird aber ermittelt und angeklagt. Die Wildwest-Szene hatte sich im Juli dieses Jahres in Ichenhausen abgespielt. Der Angeklagte fuhr auf der Staatsstraße 2023 von Oxenbronn nach Ichenhausen. Kurz vor der Ortseinfahrt bog ein 60-Jähriger aus einem Feldweg auf die Staatsstraße ein.

Weil sich der junge Mann dadurch behindert fühlte, fuhr er laut Anklage dem anderen Auto so dicht auf, dass nicht mal mehr die Scheinwerfer im Rückspiegel erkennbar waren. Damit nicht genug, überholte der Angeklagte den 60-Jährigen und beleidigte ihn mit dem erhobenen Mittelfinger. Dem passte dieses Verhalten nicht und er verfolgte den Rowdy bis in einen anderen Ichenhauser Stadtteil. Dort stoppten beide – und dann wurde es richtig brisant: Der Angeklagte stieg aus und kam „mit Waffe im Hosenbund und Messer in der Hand“, so der Zeuge, aggressiv auf ihn zu.

Mit dem Messer schlug der 26-Jährige gegen das Auto des 60-Jährigen

Der 60-Jährige ließ sich dadurch nicht so leicht einschüchtern, sondern zückte sein Smartphone und machte Fotos vom Täter. Als er weiteren Konfrontation entgehen wollte und losfuhr, schlug der Angeklagte mit dem Messer gegen den Wagen des Geschädigten, der dadurch entstandene Schaden beläuft sich auf circa 1500 Euro.

Der 60-Jährige stoppte noch einmal und wollte den Angreifer zur Rede stellen. Als der Gegner mit dem Messer vor ihm herumfuchtelte und mit einer Hand an die Pistole im Hosenbund griff, präsentierte der Zeuge zur Abwehr ein Pfefferspray. Der Angreifer zog sich zurück, stieg in sein Auto und fuhr weg. Die Polizei ermittelte den Täter dank des abgelesenen Kennzeichens und entdeckte bei der Wohnungsdurchsuchung zwei Softair-Pistolen und Messer.

Angeklagter ist arbeitslos und hofft auf ein kurzes Fahrverbot

Verteidiger Guntram Marx (Krumbach) war mit der Beschreibung des Vorfalls nicht ganz zufrieden. Sein Mandant, so die Meinung des Anwalts, habe sich vom Zeugen ausgebremst gefühlt, weil der vielleicht zu knapp auf die Staatsstraße eingebogen sei. Der Angeklagte entschuldigte sich in der Verhandlung: „Ich war sauer, wollte nichts Schlimmes machen.“ Er habe an diesem Montag die Kündigung als Mitarbeiter eines großen Discounters erhalten.

Derzeit habe er keinen Job, bekomme aber rund 1200 Euro Arbeitslosengeld und ist in psychologischer Behandlung wegen Depressionen. Die vom Staatsanwalt beantragten 90 Tagessätze zu 20 Euro, also 1800 Euro, plus zwei Monate Fahrverbot empfand Anwalt Marx als zu hoch. Eine Nötigung sei nicht gegeben und für die Beleidigung mit dem Stinkefinger und die Bedrohung reichten aus seiner Sicht 70 Tagessätze. Da der Angeklagte wieder als Außendienstler arbeiten wolle, solle das Fahrverbot nur einen Monat dauern.

Zwei Monate Führerscheinentzug und eine Geldstrafe für den Verkehrsrowdy

Da spielte Richter Martin Kramer nicht mit. Mit 70 Tagessätzen zu 35 Euro, also 2450 Euro fiel die Geldstrafe höher aus als von der Staatsanwaltschaft beantragt und der Führerschein bleibt zwei Monate gesperrt. Es sei nachvollziehbar, dass der Angeklagte wohl erschrocken war und wegen des Zeugen bremsen musste, das rechtfertige aber nicht die folgenden Aktionen.

Schon allein wegen des „massiven Abstandsverstoßes“ sei ein Fahrverbot gerechtfertigt, andererseits kritisierte der Richter auch den Zeugen, der sich „als Verkehrserzieher aufgespielt hat“. Weil der Angeklagte mit der Lage nicht verantwortungsvoll umgegangen war, sei die Führerscheinsperre dringend erforderlich und ein Monat reiche nicht, sogar der Entzug wäre für das Fehlverhalten möglich gewesen.

Als zusätzliche Warnung gab Richter Kramer dem 26-Jährigen noch mit, dass er sich in den zwei Monaten nicht mehr ans Steuer setzen dürfe, sonst drohe eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.

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