Newsticker
EU und Astrazeneca streiten um Corona-Impfstoff
  1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Querdenker-Demo in Günzburg: Ablauf, Meinungen und Reaktionen

Günzburg

11.12.2020

Querdenker-Demo in Günzburg: Ablauf, Meinungen und Reaktionen

Vor dem Günzburger Landratsamt endet die Demonstration der Querdenker. Andrea Zellermayer (links) ruft weiter Parolen, die Mitdemonstranten hören zu. Da keiner eine Maske trägt, versucht man, Abstand zu halten.
Bild: Lara Schmidler

Plus Fast täglich finden sich Menschen im Kreis Günzburg zusammen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Woran sie glauben und wie Passanten reagieren.

Es ist Dienstag, 10.30 Uhr. An der Siemensstraße vor dem Günzburger Bahnhof machen sich die Querdenker bereit für ihre wöchentliche Demo. Zehn Menschen sind es, die sich versammelt haben, um gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu demonstrieren. Angemeldet waren laut Auskunft eines Polizeibeamten 50 Personen. Doch mehr als 15 Menschen seien es mit Ausnahme der Demo am Volksfestplatz am 16. August, an der etwa 200 Personen teilgenommen haben, nie gewesen.

Querdenker werden in Günzburg von drei Polizisten begleitet

Vier der Demonstranten ziehen sich eine Warnweste über, bevor es losgeht. Manche haben Töpfe und Kochlöffel dabei, mit denen sie später trommeln werden, andere haben Trillerpfeifen, zwei Megafone gibt es auch. Kurz bevor sich der Trupp in Bewegung setzt, erinnert einer der zwei anwesenden Polizisten an die Regeln: Die Querdenker sollen entweder Abstand halten oder Masken aufsetzen. Man versucht, den Abstand einzuhalten. Eine Maske trägt niemand.

Organisatorin Andrea Zellermayer erklärt die Demonstration für eröffnet. Zwei Männer ziehen einen Wagen mit einer Anlage, aus der laute Musik dröhnt. Auf der Anlage liegt eine Flagge, „Peace“ steht darauf, Frieden. Begleitet werden die Querdenker von einem Polizisten, der zu Fuß unterwegs ist, und seinem Kollegen im Polizeiauto. Am Landratsamt wartet ein weiterer Polizist. Die Gruppe biegt auf die Bahnhofstraße ab.

Querdenkerin: "Die Medien schüren die Angst vor einer gewöhnlichen Grippe"

Nicht alle Demonstranten wollen mit der Presse sprechen. „Da werden Aussagen verdreht, das habe ich schon erlebt“, sagt eine Frau abwehrend. Einer der Querdenker will auf keinem Foto auftauchen – er könne für die Teilnahme an der Demonstration seinen Job verlieren, sagt er. Ingeborg Schiller aus Waldstetten gehört nicht zu denjenigen, die keinen Kommentar abgeben wollen. Sie sei heute dabei, weil sie nicht mit dem einverstanden sei, was die Regierung mache. „Die Medien schüren die Angst vor Corona“, findet sie. Dabei sei Covid-19 wie eine Grippe.

Darum habe sie auch keine Angst vor einer Infektion. Stattdessen habe sie Angst um die Schulkinder, die im Unterricht ihre Masken tragen müssen. „Acht Stunden lang atmen die Kinder CO2 und Bakterien ein, die werden später alle Probleme deswegen bekommen.“

Passanten drehen sich weg, wenn sie in Günzburg von Querdenkern angesprochen werden

Aus den Läden am Straßenrand kommen Leute heraus und beobachten die kleine Demonstration. Sobald jemand aus der Gruppe das Wort an sie richtet, schütteln die meisten den Kopf oder drehen sich weg.

Dass etwas an der Pandemie nicht stimmen könne, habe sie schon früh bemerkt, sagt Ingeborg Schiller. Immer wieder seien ihr Widersprüche bei den Aussagen der Politiker aufgefallen, wie jetzt mit der Ausnahmeregelung für Weihnachten. Als ob das Virus über die paar Tage weggehe und dann wiederkomme. Man solle sich nicht nur auf eine Quelle verlassen, sondern sich weiter informieren und dann seinen gesunden Menschenverstand einschalten. Bis jetzt kenne sie niemanden, der an Corona erkrankt sei.

Mit Megafon ins Klassenzimmer: "Schüler sollen Masken abnehmen"

Von der Bahnhofstraße biegt die Gruppe auf die Maria-Theresia-Straße ab und hält kurz am Rewe-Parkplatz an, um die Kunden zu belehren. Dann geht es weiter, nach links auf die Schützenstraße, vorbei an der Maria-Ward-Realschule. Im Erdgeschoss hat eine Klasse das Fenster geöffnet. Organisatorin Zellermayer nutzt die Gunst der Stunde und richtet ihr Megafon auf die Schule. „Masken sind Körperverletzung. Nehmt eure Masken ab. Das ist ein Verbrechen an der Menschheit“, ruft sie. Das Lachen vieler Schüler hört man bis auf die Straße, der Lehrer schließt das Fenster.

Andrea Zellermayer ist die Ablehnung egal. Sie ist sicher, das Richtige getan zu haben. „Erwachsene können den Mangel an Frischluft ausgleichen, aber bei Kindern kann das die Entwicklung hemmen“, sagt sie, ohne eine genaue Quelle zu benennen.

Vor jeder Menschengruppe bleiben die Demonstranten stehen

Wo die Schützenstraße in die Augsburger Straße mündet, bleiben die Demonstranten erneut stehen. Mitorganisator Joscha Eckl richtet sein Megafon auf den Marktplatz, wo gerade der Wochenmarkt stattfindet, und beschallt den Platz. Eine ältere Frau kommt auf die Gruppe zu und fängt an, wütend zu schreien. Die Demonstranten nehmen die Frau nicht ernst – im Gegenteil. Eckl lacht und dreht sich weg. Den Unmut der Bürger über ihre Demonstration führt Zellermayer auf die einseitige Berichterstattung und die Gehirnwäsche zurück, für die sowohl die Politik als auch die Medien ihrer Meinung nach verantwortlich seien.

Über den Wilhelm-Lorenz-Weg gelangen die Demonstranten auf die Jahnstraße. Passanten weichen aus oder wechseln die Straßenseite. Vor dem Drogeriemarkt Müller stehen mehrere Menschen. Sofort zückt Zellermayer ihr Megafon und teilt den Passanten mit, dass es sich bei dem Virus um eine andere Form der Grippe handle, dass es wie ein trojanisches Pferd eingeführt worden sei, dass das Parlament seit neun Monaten außer Kraft gesetzt sei. „Merkel und Söder regieren am Parlament vorbei, die PCR-Tests sind gar nicht zugelassen, es laufen massive Klagen dagegen, der Test kann absolut nichts nachweisen.“ Noch bevor sie fertig ist, sind die meisten der Angesprochenen verschwunden.

Vor dem Landratsamt lassen die Querdenker Ausschnitte von politischen Reden laufen

Zellermayer räuspert sich kurz, das viele Rufen ist anstrengend für den Rachen. Dann folgt sie ihren Mitdemonstranten, die schon vor dem Landratsamt stehen. Inzwischen dringen aus der Musikanlage sorgfältig gewählte Ausschnitte aus Reden von Politikern, wie etwa aus der Rede des stellvertretenden CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Georg Nüßlein im Bundestag am 1. November. In der Rede rutschte Nüßlein in der Debatte um das dritte Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ der Begriff Impfpflicht heraus. Dass er sich direkt selbst verbesserte und von einer Impfstrategie sprach, lassen die Querdenker nicht gelten. „Damit hat er sich verraten“, ist sich Zellermayer sicher. Ein Freudscher Versprecher also.

Nur wenige Passanten sind unterwegs, trotzdem verkündet Eckl via Megafon, dass im Corona-Impfstoff ein Antigen sei, das Frauen unfruchtbar mache, da Bill Gates die Weltbevölkerung reduzieren wolle. Ein Passant zeigt mit dem Finger an seine Stirn, die meisten reagieren gar nicht.

Nach gut anderthalb Stunden löst sich die Veranstaltung auf. Die Demonstranten unterschreiben noch das Volksbegehren „Bündnis Landtag abberufen“, dann geht jeder seiner Wege. Nächste Woche treffen sie sich wieder – gleiche Zeit, gleicher Ort.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

12.12.2020

Die die es immer noch nicht verstanden haben.Also alle Querdenker würde ich in den Krankenhäusern und Pflegeheimen einsetzen.Und zwar ohne Schutzkleidung.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren