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18.06.2009

Richter rügt Täter und Eltern der Opfer

Landkreis/Memmingen (boz) - Um die Wahrheit, die ganze Wahrheit sollte es gehen, wenn "im Namen des Volkes" Recht gesprochen wird. Doch nicht nur in Fällen von sexuellem Missbrauch ist das nicht immer der Fall. Dennoch kann dabei ein Urteil herauskommen, das sowohl Ankläger, Angeklagtem und Justitia gefällt, auch wenn die berühmte Stimme des Volkes wahrscheinlich murrt. So gesehen ist ein 49-Jähriger aus dem mittleren Landkreis Günzburg gerecht behandelt worden, auch wenn er sich zwischen Sommer 2008 und Februar 2009 an zwei damals zwölf und 15 Jahre alten Mädchen vergriffen hat. Er kam mit einer Bewährungsstrafe davon.

Der am Mittwochvormittag vor dem Amtsgericht Memmingen verhandelte Fall war wirklich ein besonderer. "Ich gehe davon aus, dass sie kein Pädophiler sind", sagte Dr. Markus Veit, Vorsitzender des Schöffengerichts, dem Angeklagten. Und den Müttern der beiden Mädchen schrieb er in der Urteilsbegründung ins Stammbuch: "Kinder benötigen Aufsicht, deswegen sitzen wir heute auch hier."

Vieles, was in den Ermittlungsakten auftaucht, kam im Verfahren genauso wenig zur Sprache, wie es zu einer Vernehmung der beiden Mädchen kam. Das Gericht staunte jedoch, als die heute 13- und 16-Jährigen kurz in den Gerichtssaal kamen und von Veit nach ihrem Befinden befragt wurden. Anscheinend hatten sie die Übergriffe ohne große Schäden überstanden. Keine ist bislang in Therapie.

Der 49-jährige Angeklagte hatte seinen Kopf gerettet, indem er von seinem Anwalt zu Beginn des Prozesses ein komplettes Geständnis verlesen ließ. Das Besondere - und von Oberstaatsanwältin Renate Thanner Unwidersprochene - war, dass der Angeklagte berichtete, die Initiative zu den sexuellen Handlungen sei von den Mädchen ausgegangen. Sie hätten sogar Preise ausgehandelt für die verschiedenen Berührungen, die dem Angeklagten erlaubt wurden. Die "Gebühren" reichten von 50 Cent bis 15 Euro, je nachdem, ob nur das T-Shirt angehoben wurde oder die Hand unter die Gürtellinie der Älteren gleiten durfte.

Richter rügt Täter und Eltern der Opfer

Dass es so weit kommen konnte, erklärte der 49-Jährige so: Die Mädchen seien bei ihm aufgetaucht und hätten ihn geärgert. So habe er mit Süßigkeiten und Geld versucht, sich Ruhe zu verschaffen. Zu seiner Entschuldigung führte der Mann zudem an, getrunken zu haben. "So sechs bis acht Weißbier", wie er sagte. Die Oberstaatsanwältin billigte ihm deshalb ein gewisses Handicap zu, ebenso, dass er nach einem Schlaganfall in Frührente ist.

200 Sozialstunden und Zahlungen an die Opfer

Doch das Verständnis des Gerichts hatte auch seine Grenzen. Für den Missbrauch sei der Angeklagte durchaus verantwortlich. "Sie sind erwachsen, auch wenn die Kinder ihren Teil dazu beigetragen haben", sagte Richter Veit. "Sie hätten ja auch zu den Müttern gehen können." Und damit der Angeklagte sich daran erinnert, was er getan hat, erhielt er nicht nur ein Jahr und zehn Monate Haft auf Bewährung, sondern auch die Auflage, 200 Stunden sozialen Dienst zu leisten sowie 500 beziehungsweise 250 Euro an die Mädchen zu zahlen. "Auch wenn das nur symbolisch sein kann", meinte der Vorsitzende Richter.

Verteidiger Andreas Füßl hatte zwei Monate weniger gefordert. Zudem seien es "Gelegenheitstaten" seines Mandanten gewesen, erwachsen aus "einer verhängnisvollen Initiative" des älteren Mädchens. Der 49-Jährige habe in den drei Monaten Untersuchungshaft in Memmingen genug gebüßt. Und so hob das Gericht den Haftbefehl auf, sodass der Verurteilte noch gestern nach Hause fahren konnte.

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