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Motetten

20.04.2015

Sakrale Erotik

Hoheliedvertonungen zum Musikalischen Frühling. Das Vocal-Ensemble Hochwang unter Leitung von Verena Schwarz in der St. Martinskirche Günzburg.
Bild: Kircher

Vokal-Ensemble Hochwang bringt den Musikalischen Frühling in Liebesliederstimmung

Mehr als 3000 Jahre ist es alt, gehört zu den außergewöhnlichsten Dichtungen der Liebesliederliteratur, das Hohe Lied Salomos. Das hebräische Original bezeichnet es als „allerschönstes Lied“, die lateinische Übersetzung lautet „Canticum canticorum“ (Gesang der Gesänge), Martin Luther schließlich gab ihm den deutschen Titel „Hoheslied“.

Es geht um in Poesie gefasste Schönheit, um Liebesträume und Liebessehnsucht, um die ewig neue Hingabe zwischen Mann und Frau, die niemals alt werden kann, und die sogar zum literarisch unkonventionellsten Bestandteil des Alten Testamentes wurde. Wie und warum aber kommen Liebesgedichte in die Bibel? Werden sie als allegorische Auslegung der Beziehung Gott und auserwähltes Volk, oder Jesus und Kirche gedeutet? Die ersehnte und besungene „Geliebte“, könnte sie vielleicht Maria, die Himmelskönigin sein?

Fakt ist jedenfalls, dass dieses Spannungsfeld zwischen Himmel und Erde vor allem die Komponisten des Barockzeitalters zu großartigen Vertonungen des altehrwürdigen Textes inspiriert hat, die Jahrhunderte danach seltsamerweise nicht mehr. Erst die Neuzeit zeigt wieder Interesse für das Hohelied-Thema, mit weitgehend „upgedateter“ Textfassung allerdings. Zum „Musikalischen Frühling im Schwäbischen Barockwinkel“ brachte Chorleiterin Verena Schwarz ihr 21-köpfiges Vocal-Ensemble Hochwang und zwölf Komponisten mit 18 Hoheliedvertonungen in die St. Martinskirche Günzburg.

Als Meister an der Orgel präsentierte sich zwischen den Chordarbietungen der in Budapest geborene Ulmer Organist Joseph Kelemen. Mit einer umfangreichen CD-Einspielung deutscher Orgelmeister des 17. Jahrhunderts verschaffte er sich bei der internationalen Fachwelt bereits hohes Ansehen, an der Orgel der St. Martinskirche verhalf er der Reinheit kontrapunktischer Strukturen, den fugalen Verstrickungen und dem ehernen Modulationsglanz dreier Komponisten dieser Epoche zu einem beeindruckenden Hörerlebnis, wobei nicht zuletzt die ungewöhnliche Farbgebung durch ungewöhnliche Registrierung seiner Rhetorik Geltung verlieh.

Die unvergleichliche Strahlkraft, die Frische und Natürlichkeit, die fulminante Virtuosität und sinnlich leuchtkräftige Figurationsfähigkeit, mit der dieses Vocal-Ensemble geradezu lustvoll und mit dramatischem Esprit alle Herausforderungen meistert, ist zwar hinlänglich bekannt, kann aber nicht oft genug wiederholt werden. Fast ein Stück Filmmusik aus dem Mittelalter: Melchior Francks brodelnder Lustgarten, ein „Brunnen lebendigen Wassers“. Klingt wie eine Apotheose frühbarocker Wellness: Palestrinas von stimmlich hellem Licht beschienenen Granatbäume, Heinrich Schütz’ sakrale Erotik, frühlingspoetische, chorisch amüsante Verführungsversuche nach Ping-Pong Art – aber die Schöne, sie kommt halt nicht.

Eine interessante, barock-neuzeitliche Mischung das „Tota pulchra es“. Verena Schwarz teilte für die vokale Preisung der „Lieblichkeit deiner Brüste“ ihren gemischten Chor in „Honig und Milch“, stellte Adrian Willaerts Barockfassung männlich sonorer Polyphonie, die kristallin leuchtenden Sopranstimmen in Maurice Duruflés ohne jede Süßlichkeit bezaubernden Neuzeitklanglichkeit gegenüber.

Edward Elgars berauschend faszinierende Seelendramen, Healy Willans lediglich auf finalen Wohlklang reduzierte melodische Enthaltsamkeit und Thomas Tomkins effektvolles Herzschlagpochen beim Berglauf zum Glück, sie machen die musikalisch neuzeitliche Liebe kompatibel mit dem Puls der Zeit. Und das Vocal-Ensemble Hochwang verlieh dazu Originalität, poetische Frische und stimmliche Bravour, mit neunzig Minuten Chorgesang energiegeladener Faszination.

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