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24.10.2009

Schiller und das Mädchen Minna

Krumbach Schwere Kost so leicht serviert? Verschmitzt steht Walter Frei vor seinem Publikum und schnell ist zu spüren, dass dieser Schauspieler zwar ein Büchermensch, belesen und geistreich, die Höhen des Olymps der deutschen Klassik wohl kennt, aber auch Verständnis für die Niederungen des Alltags zeigt, mit denen sich der Mensch - sei er auch ein Dichterfürst - herumschlagen muss. "… Termin vergessen wegen eines Mädchens, das mir nicht aus dem Kopf ging", soll der 28-jährige Schiller an einen Theaterdirektor geschrieben haben. "Wer so spricht, ist kein Kind von Traurigkeit", meint Walter Frei.

"Genies haben auch Augenblicke, in denen sie ins Leere greifen … oder ins Volle …", so der Schauspieler Walter Frei und trägt ein Gedicht aus Schillers wilden Jahren vor, in dem er seinen Liebeskummer um ein Mädchen namens Minna verarbeitet. "Dass es die Blumen des Geliebten fertigbringen, nicht sofort am Busen der ungetreuen Geliebten zu verwelken, ist doch unglaublich", bestärkt Walter Frei ironisch den jungen leidenden Dichter und kann dem Publikum den Spaß vermitteln, zwischen Mitgefühl und Amüsement über so viel unfreiwillige Komik, hin- und her zu schwanken, letztlich sogar über den Dichter zu lachen.

Heiterer Mensch

Schiller war ein durchaus heiterer Mensch": Walter Frei zeigt, dass es auch Zeiten im beschwerlichen, ja harten Leben Schillers gab, in denen man mit ihm lachen konnte. 1784 bis 1787 lebte der Dichter bei vier Freunden in Dresden und erlebte dort wohl seine unbeschwerteste Zeit. Neben "Don Carlos" entstanden humorvolle Werke. Walter Frei trägt den "Pegasus" vor, das die missliche Lage des Musenrosses der Götter beschreibt, wenn es wie ein normales Pferd behandelt wird und überhaupt nicht zum Arbeiten taugt. Ein Sinnbild für den Dichter?

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Einige Werke - und das ist besonders amüsant - sind nur für den privaten Rahmen im Freundeskreis gedacht. Für seinen Freund und Gönner Gottfried Körner schreibt Schiller eine Art Drama, das er "Körners Vormittag" nennt. Es spielt in der Hausgemeinschaft der fünf Freunde und zeigt dem jungen Körner allzu heftig im Umgang mit den Studierenden, die er zu betreuen hat. "Er kann mich am A ... lecken", lässt er Körner einem seiner Studenten zurufen und kurz darauf fällt ihm ein: "Ich glaube, der Mann ist beleidigt".

Ärmliche Wohnsituation

Sogar Karikaturen der lustigen Hausgemeinschaft von Schiller hatte Walter Frei mitgebracht. Jeder Gast erhielt zwei Karten. Die Wohnsituation muss dennoch sehr ärmlich gewesen sein und Friedrich Schiller hat sich auch in Versen über den Lärm beklagt: "Wie soll ich Feuer gießen aufs Papier, wenn Wäsche klatscht vor meiner Tür? Der Teufel soll die Dichter beim Hemder waschen holen." Hemder? Schau an, hier hört man den Schwaben.

Walter Frei nahm auch einige der zahlreichen Parodien in sein Repertoire auf, die das Pathos des Klassikers geradezu herausfordert. Besonders amüsant waren Verballhornungen der Gedichte "Der Taucher" und "Die Glocke". Wie leicht lernt sich doch: "Loch in Erde, Bronze rin, Glocke fertig, bim, bim, bim." Der Spaß ist garantiert.

Das schauspielerische Können von Walter Frei wurde am Schluss des Abends deutlich. Er spielte ein Ein-Personen-Stück von Anton Kuh, das einen Ausschnitt aus "Don Carlos" parodiert. "Sire, geben Sie Gedankenfreiheit", wie wuchtig ist doch der Ausruf des in das Gemach des Königs stürmenden Freiheitshelden. Kläglich zerbröckelt der Wunsch nach Freiheit, wenn zwischen Königsgemach und Aufbegehrendem ein Vorzimmer geschaltet ist, in dem man nach Belieben des Herrschers warten muss.

Das Publikum amüsierte sich köstlich, doch es war sicher im Sinne von Schiller, wenn es auch spürte, durch welche Mechanismen Macht den Willen zur Freiheit eindämmen kann.

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