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Leipheim

14.01.2018

Schon rum?! – Schade!

Mit politischer Satire von Thilo Seibel startet der Zehntstadel Leipheim in das neue Jahr. Dem Publikum gefiel Seibels ganz gewitzter Jahresrückblick.
Bild: Sandra Kraus

In seinem äußerst unterhaltsamen Jahresrückblick im Leipheimer Zehntstadel agiert der Kölner Thilo Seibel fein und kunstsinnig mit dem geschärften Satire-Messer.

„Schon rum?!“ heißt der politische Jahresrückblick den Satiriker Thilo Seibel im Zehntstadel Leipheim präsentiert hat. Und „Schon rum?“ hat sich auch so mancher der 60 Zuhörer nach der zweieinhalbstündigen, äußerst unterhaltsamen Comedy-Show gefragt. Begeisterten Beifall gab es gleich zum Start, als Seibel die Fakten aus 2017 ganz lässig runterrappte, von der Qual der Wahl auf Bundesebene, über den atmenden Deckel der Flüchtlingsobergrenze bis zum gelbfarbenen Trumpel-Tier aus den USA.

Genüsslich holt der drahtige 50-Jährige aus Köln das Politik-Personal auf die Zehntstadel Bühne. Allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer unvermeidlichen Merkelraute, Ministerpräsident Horst Seehofer, dessen Dialekt für Seibel als gebürtigen Münchner ein Heimspiel ist, den leidenschaftlichen französischen Präsident Macron, einen knallharter Wladimir Putin und natürlich immer wieder Donald Trump.

Seibels Satirefeuerwerk ist nicht chronologisch sortiert, sondern nach Themen gegliedert. „Ich lese wissenschaftlich objektiv alles, also wirklich alle Medien, Print, Fernsehen, Internet. Am Jahresende wird alles auf den Tisch gekippt und was nicht in den Kram passt weggelassen.“ Seibel widmet sich ausführlich diesem zu Unrecht als langweilig gescholtenen Wahlkampf. Auf dem CDU-Plakat von Angela Merkel habe schlicht gestanden „Sie kennen mich“ und klein gedruckt „#fedidwgugl“, also die Abkürzung für „für ein Deutschland, in dem wir gut gerne leben“. Immerhin wurde diese Aussage mit 37 Prozent der Wählerstimmen belohnt.

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Zum Unwort des Jahres kürt Seibel das Wort „Neuwahl“. Im Klartext hieße das doch für den Wähler „Du hast Scheiße gebaut, mach es noch einmal, aber mach es besser!“ Der vielfach geäußerte Wunsch nach neuen Köpfen in der Politik bringe Jens Spahn, einen ultrakonservativen Schwulen in der CSU, oder Alice Weigel, eine bekennende deutsche Patriotin der AfD, lesbisch und in der Schweiz wohnend, in die erste Reihe. „Macht das was mit ihnen?“, regt Thilo Seibel das Publikum, das ihm an den Lippen hängt, zum Nachdenken an.

Seibel agiert nicht grobschlächtig, er schwingt sein blendend geschärftes Satire-Messer äußerst fein und kunstsinnig. 2017, ein Jahr der Rechtspopulisten, vom deutschen rechtsnationalen Tattergreis mit Hundekrawatte (Alexander Gauland) bis zu den Österreichern mit ihrem jüngsten Regierungschef der Welt Sebastian Kurz, bereitet ihm Sorge. Seibel legt seinen Blick auf den G20-Gipfel in Hamburg dar, rettet sich zum Flüchtlingsgipfel und bewundert den moralischen Gipfel mit der #MeeToo-Kampagne.

Zur Pause gibt es fürs Publikum eine Aufgabe. „Was hat 2017 für sie so unverwechselbar, so besonders gemacht?“ Stift und Zettel, ein gelber Briefkasten, der sich anschließend mit dem kleinen Schlüssel leider nicht öffnen lässt, kein Gag, sondern höhere Gewalt, liegen bereit. Man lacht laut auf, wenn Seibel zu den am Boden markierten Raucherzonen auf Open-air-Bahnhöfen eine Parallele zu möglichen Urinierzonen im Schwimmbecken zieht, oder wenn er Donald Trump als „Twitternde Rache der Amerikaner an sich selbst“ geißelt. Überhaupt sei der US-Präsident für das politische Kabarett eine Herausforderung. „Kaum hat man etwas von ihm ins Programm eingebaut, blamiert sich Trump schon mit etwas anderem.“ Für einen Atomkrieg, den die Schmalzlocke aus den USA und der Wonneproppen aus Nordkorea entfachen könnten, gibt Seibel Entwarnung: „Zum Sterben isst der Wonneproppen zu gerne.“

Nitrat im Boden, die Abgasmanipulation, die Paradies-Papiere, der Kommerz im Fußball, Stichwort Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale und 222 Millionen für Neymar, die Ehe für alle, und das Lutherjahr, Seibel arbeitet sich durch die Schlagzeilen und befindet frei nach Luther „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Eine große Bandbreite offenbart auch der ganz private Publikums-Blick auf 2017. Da wurde ein Kreuzbandriss notiert oder die Arztfrage „Darf ich sie berühren?“, das tolle Engagement der Gattin für Flüchtlinge, die Smartphones und ihr Beitrag zur Verblödung. Einer holte sich bei Bedarf gar eine neue Welt aus dem Schrank. Thilo Seibel gefällt es, er schafft gekonnt Verbindungen zwischen den Zufallsmeldungen, reißt das Publikum mit.

Am Ende lädt der Kölner seine Gäste auf ein Gespräch an die Bar ein. „Danke für den unterhaltsamen und auch nachdenklich machenden Abend“ ist von einer Dame zu hören.

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