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01.03.2009

Schüler als Lehrer für Eltern

Ichenhausen (ilor) - Meistens lernen die Jüngeren von den Älteren. In der ehemaligen Synagoge von Ichenhausen war es gestern Nachmittag umgekehrt. Da unterrichteten zum zehnjährigen Bestehen des "Lernzirkels Judentum" Neuntklässlerinnen und Neuntklässler des Günzburger Dossenberger-Gymnasiums ausnahmsweise ihre Eltern. Seit 1999 haben jeweils zur Woche der Brüderlichkeit mehr als 1200 Neuntklässler insgesamt über 8000 Grundschülern der vierten Klassen aus dem Landkreis das Judentum näher gebracht.

Seit Weihnachten beschäftigen sich die Gymnasiasten mit dem Themenbereich "Jüdisches Leben - Jüdischer Glaube", mit dem sie in diesem Jahr rund 1200 Viertklässler aus dem Landkreis vertraut machen wollen. 23 von 27 Grundschulen haben sich angemeldet, und es ist keine Kleinigkeit, täglich rund 250 Mädchen und Buben in der ehemaligen Synagoge zu unterrichten. Die wird seit zehn Jahren auf Anregung des früheren Landrats und Bezirkstagspräsidenten Dr. Georg Simnacher während der Woche der Brüderlichkeit zur "Schule".

Damit so viele Kinder noch sinnvoll lernen können, haben die Dossenberger-Gymnasiasten fünf Stationen vorbereitet: jüdische Feste und Feiern, Schrift und Schriften, Synagoge und Mikwe (rituelles Tauchbad), Schicksal der jüdischen Gemeinde in Ichenhausen und große Jüdinnen und Juden. Auch ein Besuch des jüdischen Friedhofs in Ichenhausen gehört dazu.

Schrift bereitet Kopfzerbrechen

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Unter der Federführung der Lehrer Dr. Michael Salbaum, Karl-Stephan Janosch und Pfarrer Holger Haug hat die Fachschaft Religion und Ethik zu Anfang ein Konzept erarbeitet, das die neunten Klassen des Dossenberger-Gymnasiums mit Michael Salbaum als Organisator jetzt Jahr für Jahr mit Leben füllen. Damit die Wissensvermittlung nicht zu trocken wird, denken sie sich immer wieder etwas Neues aus.

Obwohl das Angebot sich ja an Viertklässler richtet, waren zum Jubiläumsjahr gestern etwa 70 Eltern die Lernenden. Sie waren ganz schön gefordert. Nach Vorträgen der jugendlichen Lehrerteams hatten sie Fragebögen zu bearbeiten, Lückentexte auszufüllen und manche weitere Aufgabe zu lösen. An der Station "Schrift und Schriften" galt es, den Schöpfungstext aus der Genesis zu ergänzen - keine ganz leichte Aufgabe, denn im Hebräischen gibt es nur 22 Konsonanten, Mitlaute werden nicht geschrieben. Die Bibelfesten waren bei dieser Aufgabe klar im Vorteil. Mithilfe des hebräischen Alphabets sollte dann der eigene Name geschrieben werden - was einem Vater Kopfzerbrechen machte. "Die schauen ja alle gleich aus", sagte er mit Blick auf die fremden Schriftzeichen.

Der große Pflasterstein mitten auf dem Arbeitstisch diente nicht als Sichtschutz gegen Spicken, sondern symbolisierte die Klagemauer am Tempelberg in Jerusalem. In deren Ritzen stecken die Juden auch heute noch Zettelchen mit Gebetsanliegen. Das dürfen ab heute auch die Schulklassen tun, die im Rahmen des Lernzirkels zur Woche der Brüderlichkeit von den Dossenberger- Gymnasiasten unterrichtet werden. Für jede Klasse halten die Neuntklässler einen Ziegelstein bereit, in dessen Öffnungen die Kinder Zettel mit ihren Anliegen stecken können.

Jede Klasse darf dann nach dem Tag in der ehemaligen Synagoge ihren Ziegelstein mitnehmen. Und Heidi Heberle, die regelmäßig Besucher durch die ehemalige Synagoge führt, freut sich, dass in den Wochen nach den Lernzirkeln öfter Familien mit ihren Viertklässlern in die frühere jüdische Gebetsstätte kommen und sich die Eltern von Interesse und Begeisterung ihrer Kinder anstecken lassen.

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