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Fukushima gibt Thomas Wolf Energie

23.04.2011

Seit über 20 Jahren protestiert er vor dem AKW Gundremmingen

Kreativer Protest gegen die Atomenergie: Im Oktober des vergangenen Jahres hatte die Mahnwache (links Thomas Wolf) ein Wohnzimmer vor dem Kernkraftwerk in Gundremmingen aufgebaut.
Bild: Foto: Mahnwache Gundremmingen

Seit mehr als 20 Jahren protestiert Thomas Wolf vor dem AKW Gundremmingen gegen die Atomkraft. 20 Mal ist er festgenommen worden. Jetzt scheinen sich seine Mühen zu lohnen.

Jettingen-Scheppach Thomas Wolf brennt. Seit mehr als 20 Jahren vergeht kaum ein Sonntag, an dem der 49-Jährige aus Jettingen-Scheppach nicht vor dem Kernkraftwerk in Gundremmingen steht. Manchmal ist er dort ganz allein und protestiert gegen die Kernkraft. „Viele Jahre war es trist“, erinnert sich Wolf, „gerade nach dem Atomkompromiss unter Rot-Grün haben viele Weggefährten mit dem Thema abgeschlossen.“ Doch ihm war der Beschluss, langsam aus der Atomenergie auszusteigen, nicht genug. „Das habe ich nie verstanden. Wir brauchen den Ausstieg sofort“, sagt Wolf mit energischer Stimme.

Seit 20 Jahren sagt er das. Aber im vergangenen Jahr begannen die Zweifel: Immer weniger Menschen kamen zur Mahnwache vor das Tor des AKW Gundremmingen. „Erst die beschlossene Laufzeitverlängerung hat der Bewegung wieder einen Aufschwung gegeben“, erinnert sich Wolf. Und das Unglück in Japan: Mehr als 70 Atomkraftgegner kamen danach zur Mahnwache.

Der Auslöser, gegen Kernenergie zu kämpfen, war für ihn das Unglück in Tschernobyl vor 25 Jahren: „Da dachte ich: Jetzt werde ich grün.“ Er trat in die Partei ein, war lange Jahre im Kreisvorstand der Grünen in Günzburg. Inzwischen ist er parteilos: „Als Jürgen Trittin einmal gesagt hat, dass die Aufbereitungsanlagen in Frankreich und England nicht unser Problem sind, hat es mir gereicht“.

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Denn geprägt hat Wolf vor allem ein Besuch in Sellafield, einem Nuklearkomplex an der Irischen See in Nordwesten Englands. „Dort ist das Meer bestimmt schlimmer verseucht als in Japan“, sagt er. Die Bilder dieser alten Anlage sind bis heute in seinem Kopf und machen ihn sauer. „Gundremmingen hat dazu beigetragen, dass dort viele Flächen verseucht sind.“ Denn radioaktiver Müll sei viele Jahre nach Sellafield gebracht worden.

Die ungelöste Frage, was mit dem radioaktiven Müll passieren soll, treibt ihn seit 20 Jahren an. „Jeden Castor, der aus Gundremmingen herausgefahren ist, haben wir blockiert.“ Einmal habe er im Januar – bei Schnee und vielen Graden unter Null – 24 Stunden lang auf den Gleisen gesessen. „Jederzeit würde ich das wieder machen“, sagt er. Etwa 20 Mal ist Wolf bereits festgenommen worden. „Es reicht ja schon, wenn man am Gleis steht und nur einen Stein aufhebt“, erklärt er. Doch das habe ihm nichts ausgemacht. „Das ist einem vorher ja bewusst.“ Im Gefängnis war Wolf, im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter, nie. „Ich habe mich immer mit meiner Frau abgesprochen: Einmal habe ich blockiert, das andere Mal sie. Denn falls etwas passiert, sollte unsere Katze ja nicht verhungern“, sagt Wolf. Tolle Zeiten seien das damals gewesen, fügt er an.

Auch im AKW war er schon oft – natürlich nicht legal. „Zum Beispiel haben wir im Informationszentrum Bilder von Tschernobyl ausgelegt und etwas umdekoriert“, erzählt Wolf und lacht dabei. Immer wieder hat er neue Ideen: Ein anderes Mal hat er versucht, Tonnen mit vermeidlich radioaktivem Abfall im Schloss Neuschwanstein abzugeben. „Die haben vielleicht geschaut.“

Doch das Hauptaugenmerk des Jettingers liegt auf dem örtlichen Kernkraftwerk. Global denken, aber lokal handeln möchte der 49-Jährige. „Vor einem Störfall bei uns habe ich keine Angst“, sagt Wolf. Er vertraue den Mitarbeitern in Gundremmingen. Doch vor Flugzeugabstürzen sei der Reaktor nicht sicher. Und die Endlagerfrage sei noch immer nicht geklärt. Deshalb hält er durch, jeden Sonntag.

Im vergangenen Oktober haben er und einige seiner Mitstreiter einfach ein Wohnzimmer mit Sofa, Sesseln, Tisch und Teppich vor den Toren des AKW aufgebaut. „Wir lassen uns immer neue Dinge einfallen“, sagt Wolf mit einem Schmunzeln auf den Lippen, „sonst wird es ja irgendwann langweilig“. Wichtig ist ihm, dass der Widerstand friedlich bleibt. „Krawall ist nicht mein Ding.“ Steine habe er nie geworfen, in Wackersdorf aber mit demonstriert.

In seinem Haus in Jettingen-Scheppach setzt Wolf auf Ökostrom. „Der ist bei machen Anbietern sogar billiger als der Grundtarif der großen Konzerne.“ Geheizt wird mit drei Holzöfen, auf dem Dach hat er eine Solaranlage. „Das war vor 20 Jahren eine der ersten im Landkreis.“ Einzig die schlechte Isolierung des mehr als 100 Jahre alten Hauses stört ihn. „Bevor ich das mache, muss ich erst alle Atomkraftwerke abschalten“, scherzt er.

Für Energie hat sich Wolf schon immer interessiert, er ist gelernter Elektriker. Erst nach seiner Ausbildung hat er kurze Zeit in Berlin Mathematik studiert, zu den „Häuserkampfzeiten“, wie er sagt. Heute ist er Software-Ingenieur.

Seinen Beruf und das Engagement gegen die Atomkraft zu verbinden, ist offensichtlich nicht immer einfach. Gerade im Moment ist das so: Ständig klingelt bei ihm das Telefon. Wolf organisiert die Großdemonstration, zu der am Montag Tausende in Günzburg erwartet werden (siehe weiteren Beitrag).

Die Katastrophe in Fukushima gibt ihm Energie, weiter zu kämpfen: „Ich stehe nicht seit 20 Jahren vor dem AKW, um jetzt aufzugeben.“ Er weiß, dass die Teilnehmer an den Mahnwachen mit der Zeit weniger werden. Doch das ist ihm egal. Wenn die Atommeiler, die im Moment wegen des Moratoriums der Regierung nicht am Netz sind, irgendwann wieder hochgefahren werden, wird Wolf wieder einmal mit dabei sein – und demonstrieren. Vielleicht sogar mehr.

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