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Schuldnerberatung

23.08.2013

Sie helfen, reinen Tisch zu machen

„Die meisten kommen erst, wenn die Hütte brennt.“Sozialpädagogin Ulrike Häußler

Fachleute am Landratsamt beraten Menschen, die nicht mehr wissen, welches finanzielle Loch sie zuerst stopfen sollen. 8000 Menschen im Kreis droht die Überschuldung. Ein Berg, der viele krankmacht.

„Was macht Ihr Magengeschwür?“ – „Wie gehts mit dem Schlafen?“ Das fragt Martin Wiedemann die Menschen, die bei ihm Rat suchen, öfter. Dabei ist er kein Arzt, sondern hilft als Schuldnerberater am Landratsamt Menschen, die nicht mehr wissen, welches finanzielle Loch sie zuerst stopfen sollen. Ein unüberschaubarer Schuldenberg macht viele krank. Im Landkreis Günzburg sind etwa 8000 Menschen von Überschuldung betroffen. „Im finanziellen Bereich Strukturen reinzubringen“, sagt Wiedemanns Kollegin Ulrike Häußler, das wirke sich auf den ganzen Menschen positiv aus.

Freilich geht es in erster Linie um Geld, wenn jemand beispielsweise nicht mehr weiß, ob er zuerst die Miete überweisen, die Stromrechnung bezahlen oder womöglich gleich mehrere Kredite bedienen soll. Oft häufen sich schon Briefe von Gläubigern, die Druck machen, weil das Geld nicht wie vereinbart fließt, oft bleiben solche Briefe dann irgendwann auch aus lauter Resignation ungeöffnet liegen. Mahngebühren laufen auf, Pfändungen werden angedroht, die Schuldenspirale dreht sich immer schneller und wird immer enger.

Dann ist vielleicht schon der Strom gesperrt und die fristlose Kündigung des Vermieters auf dem Tisch. Oder eine Haftandrohung wird angekündigt, die mit einer kleinen Zahlung erst mal abgewendet werden könnte. „Die meisten kommen erst, wenn die Hütte brennt“, sagt Sozialpädagogin Ulrike Häußler, die beim Jugendamt des Landkreises schon viel Erfahrung in der Familienhilfe gesammelt und seit einiger Zeit zudem eine halbe Stelle in der Schuldner- und Insolvenzberatung hat. Umso wichtiger ist es, dass niemand lange warten muss, wenn er sich dazu durchgerungen hat, bei der Schuldnerberatung um Hilfe zu bitten.

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„Bei uns bleibt niemand länger als vier Tage unversorgt“, freut sich Martin Wiedemann, dass er in Notsituationen dank offener Sprechstunden (auch in Krumbach) schnell reagieren kann. Wenn nötig, wird über „eine Art Notfallversorgung“ ein Pfändungsschutz erwirkt, obwohl noch nicht mal alle Unterlagen zusammengetragen sind. Denn schnelles Handeln ist oft nötig, um zu verhindern, dass Existenzen vollends vernichtet werden. Stolz sind die Schuldnerberater des Landkreises auch, dass zwischen Erstkontakt und einem ersten, intensiven Beratungsgespräch im Durchschnitt nur 24 Tage liegen – „ein Wert, der nur von wenigen Beratungsstellen erreicht wird“, so Wiedemann, und in benachbarten Landkreisen durchaus zwischen drei und sechs Monaten liege.

Mit Taschen, manchmal gar einem Trolley voller Rechnungen und Briefe kommen die Klienten dann oft zu Martin Wiedemann oder Ulrike Häußler. Die Sozialpädagogen helfen ihren Klienten dabei, selber Ordnung und Übersicht zu schaffen. Wenn dann die wichtigen Dokumente in einen kleinen Ordner passen, sagt Ulrike Häußler, dann atmen viele erst mal auf und fassen Zuversicht.

„Existenzsicherung ist das A und O in der Schuldnerberatung“, sagt Wiedemann, wobei nicht nur die Finanzen im Fokus stehen: „Wir wollen nachhaltig arbeiten, dass die Leute künftig ohne Schulden auskommen.“ Dazu gehört auch, dass die Schuldnerberater oft unangenehme Dinge aussprechen müssen. Die Wohnung ist zu teuer, das Auto auch. Bezahlfernsehen ist bei einem kleinen Verdienst nicht drin. Handyverträge sprengen den finanziellen Rahmen. Unterhaltsverpflichtungen werden nicht erfüllt.

Die Schuldnerberater schaffen nicht nur Struktur und Übersicht, sie helfen auch ganz praktisch. Sie versuchen, so Wiedemann, „einen Weg zu finden zwischen schneller, unbürokratischer Hilfe“ – beispielsweise mit Unterstützung durch das Leserhilfswerk unserer Zeitung, der Kartei der Not, oder durch die Ernst-und-Martha-Ott-Stiftung und „nachhaltiger, langfristiger Planung“. Stiftungen seien schließlich nicht dazu da, um unvernünftige Anschaffungen zu finanzieren, sagt Ulrike Häußler. Durchschnittlich fünf Beratungsgespräche in „relativ kurzen Intervallen“ (Wiedemann) von rund einem Monat führen die Schuldnerberater mit jedem Klienten. Im vergangenen Jahr haben 119 Männer und 90 Frauen bei ihnen Hilfe gesucht.

„Regulieren heißt: Verhandeln mit Gläubigern“, sagt Wiedemann. Im vergangenen Jahr haben die Schuldnerberater des Landkreises für ihre Klienten Forderungen von fast elf Millionen Euro abgewickelt. Manchmal ist der Schuldenberg so hoch, dass „als Ultima Ratio nur der Weg in die Insolvenz bleibt“, sagt Wiedemann. Das hat im vergangenen Jahr rund ein Drittel der Hilfesuchenden getroffen. Sie werden dann während des sechs Jahre laufenden Verfahrens von Wiedemann und Häußler begleitet. „Teilweise nach Jahren kommen Leute, die sich bedanken“, sagt Martin Wiedemann. Manche blühten förmlich auf, wenn die Schulden erledigt und die Finanzen geregelt sind. Dann dürfte auch ein ruhiger Schlaf wieder möglich sein.

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