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Landkreis Günzburg

15.12.2015

Steht in Gundremmingen das gefährlichste AKW?

Idyllisch für die einen, gefährlich für die anderen: das Atomkraftwerk Gundremmingen beim Sonnenuntergang am Samstag.
Bild: Mario Obeser

Eine Analyse der Gesellschaft für Reaktorsicherheit legt das angeblich nahe. Die Behörden und das Kraftwerk sehen das allerdings anders.

Das Atomkraftwerk (AKW) Gundremmingen ist das gefährlichste in Deutschland. Das schreibt zumindest das Nachrichtenmagazin Spiegel und beruft sich auf eine Analyse der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, die im Auftrag des Bundesumweltministeriums Zwischenfälle in Kernkraftwerken untersucht. Ausgewertet wurden demnach Ereignisse, aus denen sich im Extremfall eine Kernschmelze hätte entwickeln können, so der Spiegel. Mit 14 solcher Störungen in den beiden Blöcken führe das Kraftwerk die Statistik an – die allerdings nur von 1993 bis 2010 reicht. Und auf Anfrage unserer Zeitung relativiert die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit das ganze.

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Zwar unterziehe sie seit 1993 ausgewählte meldepflichtige Ereignisse diesen sogenannten Precursor-Analysen, doch die „ermittelten Eintrittshäufigkeiten für Gefährdungszustände“ könnten weder verallgemeinert noch könnten verschiedene Anlagen dabei verglichen werden, betont Pressesprecher Sven Dokter. Mehr könne er dazu nicht sagen, da die Weitergabe konkreter Informationen vom Bundesumweltministerium – dem Auftraggeber – genehmigt werden müsse.

Das betont wiederum, aus der Analyse lasse sich eben nicht die Aussage ableiten, das AKW Gundremmingen sei das gefährlichste Deutschlands. Die Percursor-Analysen ergänzten die „systematisch anlagenübergreifende Bewertung der Betriebserfahrung von deutschen Atomkraftwerken“, erklärt eine Sprecherin. „Sie dienen dazu, aufgrund konkreter Ereignisse bestimmte Gefährdungszustände zu erkennen. Diese Analysen sind aber nicht geeignet, das Sicherheitsniveau einer Anlage vollständig zu quantifizieren.“ Ein Vergleich der der Sicherheit einzelner Anlagen sei dabei auch nicht das Ziel.

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Die Vorfälle sind laut AKW auf der niedrigsten Stufe eingeordnet

Kraftwerkssprecher Tobias Schmidt betont auf Anfrage indes, dass das AKW Gundremmingen über ein „anerkannt hohes Sicherheitsniveau“ verfüge, was diverse Stresstests auch bestätigt hätten. Die Blöcke B und C gelten demnach als Vorbild für internationale Siedewasser-Konzepte und stünden den noch laufenden Druckwasserreaktoren in Deutschland bei der Sicherheit in nichts nach. Auch hebt er hervor, dass alle meldepflichtigen Ereignisse seit 1993 auf der internationalen Bewertungsskala der niedrigsten Stufe zugeordnet worden seien. „Das bedeutet: Sie hatten keine oder geringe sicherheitstechnische Bedeutung.“

Wie die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit betont auch er, dass die Aussagekraft der Precursor-Analysen nur begrenzt sei, und beruft sich auf die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag aus dem vergangenen Jahr. Dort heißt es in der Tat, „dass die Aussagekraft der (...) Analysen teilweise eingeschränkt ist, weil (...) nicht immer ausreichende Daten über die einzelnen Anlagen vorlagen“. Zudem werde nur bewertet, so erläutert Kraftwerkssprecher Schmidt, wie sich ein Ereignis „in Kombination mit dem Ausfall weiterer Systeme theoretisch entwickeln könnte und weist entsprechende statistische Wahrscheinlichkeiten aus.“ Dabei werde angenommen, dass weder die Automatik noch das manuelle Eingreifen funktioniere.

Ministerium: Kein Hinweis auf Sicherheitsdefizite

Das Bayerische Umweltministerium als Aufsichtsbehörde bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass das AKW alle Sicherheitsvorgaben erfülle. „Die Anzahl der von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit durchgeführten, technischen Precursor-Analysen bei einem Kernkraftwerk ist kein Maß für die Sicherheit der Anlage“, hebt ein Sprecher hervor. Die Auswertung der beiden Ereignisse im Jahr 2010 habe auch keinen Hinweis auf Sicherheitsdefizite ergeben.

Die Bürgerinitiative Forum jedoch gibt sich damit nicht zufrieden. „Die bayerische Atomaufsicht unter Ministerin Ulrike Scharf scheint wegzuschauen“, schreibt der Vorsitzende Raimund Kamm in einer Mitteilung. „Jahrzehntelang wurde von der Staatsregierung gepredigt, dass die AKW in Deutschland sicher seien. Störmeldungen werden nicht aufgeklärt und den Ursachen von Fehlern wird nicht nachgegangen.“

Bürgerinitiative will Reaktoren abschalten lassen

Allein in diesem Jahr hatten vor allem zwei Zwischenfälle für Aufsehen gesorgt: Im März wurde durch einen menschlichen Fehler ein Druckluftsystem deaktiviert und die Reaktorschnellabschaltung eingeleitet, im November riss beim Umsetzen eines Brennelements ein Teil ab. Landtagsabgeordnete der SPD haben mittlerweile die Staatsregierung aufgefordert, über den letztgenannten Vorfall Bericht zu erstatten.

Die Initiative fordert angesichts der Zwischenfälle, die Atomaufsicht in Gundremmingen „endlich sicherheitsorientiert“ durchzuführen, die Vorfälle aufzuklären und die Bevölkerung über die Ursachen zu informieren. Beide Reaktoren müssten schnellstmöglich abgeschaltet werden und Block C dürfe nicht länger als Block B laufen. Die Energiewende müsse vorangebracht werden, damit es erst gar keine Notwendigkeit mehr gebe, Atomkraftwerke überhaupt noch laufen zu lassen.

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