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25.07.2009

Stimmliche Glückseligkeit

Günzburg Dass ein Open-Air-Konzert kurzfristig indoor verlegt werden musste - vom Günzburger Lannionplatz in den großen Saal im Forum - gehört, gemäß der Wetterkapriolen, eigentlich durchaus zum Normalen. Was die Augsburger Domsingknaben zu diesem mehr als Dreistundenevent mitgebracht haben, eher nicht. Keine von bachschem Seelenharm befruchtete Musica sacra, vielmehr ein vokal-melodisches Kraftpaket, das beim Publikum helle Begeisterung entflammte.

Von nichts als der Stimme getragene A-cappella-Klangfarben noch und nöcher. Bereits die vom großen Chor angestimmten Madrigale, vom moderierenden und aus der Mitte des Saals heraus dirigierenden Chorleiter Reinhard Kammler als "Schlager der Renaissance" bezeichnet, animierten mit ihren ausgeklügelten, den Raumklang auskostenden Echoeffekten zu ersten Bravos aus den gut besetzten Zuhörerreihen.

Und dann erst die Knabensoprane mit holladrio-visionärem Alpenpanoramablick. Mit deutschem Volksliedgut, fern aller Heimat und sonst wie tümmelnden Drehorgelästhetik, dafür mit chorischer Präzision alle Nuancen aufspürend und detailraffinierten, tonmalerischen Gesten. Kostproben aus der "Stimmwerkstatt" der Augsburger Talentschmiede, auf großen Opernbühnen agierende Knabensolisten, die, glasklar intoniert, mit drei Duetten Naturschönheit und schönes Wetter priesen.

Bis hierher eine von hohen Stimmen dominierte Chorästhetik. Würzig, wonnig, weich und warm. Manchmal wehmütig, doch immer wunderbar. Wie aber sieht es aus, wenn die "Herrlichkeit" schwindet? Also nach dem Stimmbruch? Gut sieht es aus. Sehr gut.

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Vergnüglich

Nämlich schroff, schimmernd und schräg. Bissig, bizarr, brausend und vor allem blumig. Herrlich vor sich hintränender tenoraler Wohllaut, wonniglich in sich selbst schwelgend und mit sadomasochistischer Vergnüglichkeit blinzelnd: Veronika, der Lenz ist da!

Bei alldem wurde Neugier geweckt auf das, was für nach der Pause als "Schmankerl" angekündigt wurde - und sich als sängerische Wucht des Namens "Jukevox" entpuppte. Fünf junge Männer, "Ehemalige" aus den Reihen der Augsburger Domsingknaben, die es einfach nicht lassen konnten und sich, jenseits allen Schnickschnacks plärrender Unterhaltungsindustrie, zu einer vielschichtigen Explosion aus gesanglichem Können und fantasievoller Belebung zusammenfanden.

Satte eineinhalb Stunden, in der so ziemlich alle Sterne vom Himmel pop-vokaler Glückseligkeit geholt wurden: Simon & Garfunkel, Queens, Beatles, Jackson Five, Bon Jovi, Take That und Beach Boys. Auf Englisch, Deutsch und Denglisch. Ein stilistisch wie sanglich hinreißend umgesetzter Gefühlszwiespalt zwischen Rock around the Pop und O Donna Klara, ich hab' dich tanzen gesehen. Traumhaft.

A capella vom Feinsten, bis hin zur finalen Geste plausibler Entsagungsdramatik. "Was zum Mitmachen" fürs Publikum: "Mein Schatz, ich verlass' dich!" Na schön, muss auch mal sein!

Kartenvorverkauf für das Konzert der Augsburger Domsingknaben "Bach in Rokoko" am 26. und 27. September bei der GZ, Telefon (08221) 91740.

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