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Leipheim

30.10.2017

Sturm und Klang bei den Tastentagen

Echo-Preisträger auf dem Weg zur Pianistenkarriere: William Youn beim Abschlusskonzert der Leipheimer Tastentage.
Bild: Helmut Kircher

Zum Abschluss der Leipheimer Tastentage trumpft ein junger koreanischer Pianist mit Mozart und Schubert auf.

In Korea ist er geboren, in den USA aufgewachsen, in Deutschland hat er studiert und seine Wahlheimat ist seit Jahren München. Der Lorbeer seiner Wunderkind-Zeit als Pianist ist bei William Youn, 34, längst den Ansprüchen ernsthaften Profitums gewichen. Er eilt nunmehr, auf den Wegmarken von Wettbewerbserfolgen und konzertanten Höhenflügen, zielgerichtet – die Verleihung des „Echo Klassik 2017“ beweist es – die steilen Stufen einer internationalen Karriereleiter empor. Nach Wohlfühlklängen der Liebe, Leidenschaft und Lebenslust im Verlauf der diesjährigen Tastentage im Leipheimer Zehntstadel war es an ihm, mit Tastenspielen hehrer Klassik das Abschlusskonzert der Veranstaltungsreihe mit der Aura gehobenen Solisten-Anspruchs zu umkränzen. Es endete im Jubelregen begeisterten Bravobeifalls.

„Es ist wichtig, dass die Musik ihre Emotionalität nicht verliert, es darf keine Wissenschaft daraus werden.“ Mit dieser Einstellung spricht der junge Pianist nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Zuhörern aus reinstem Herzen. Zumindest denen, die guten Willens sind. Sonaten von Mozart und Schubert hat er zur Beweislage emotionaler Tiefe einer ungetrübt pulsierenden Musiksprache vorgelegt. Zerbrechliche Abgründe pianistischer Leichtigkeit. Und damit fangen die Schwierigkeiten an. Beim etwas wetterfühlig ruppigen Klang des Yamaha-Flügels, vor allem aber bei Mozart. Wegen der relativ geringen Menge an Noten. Die sind zwar nicht übermäßig schwer, verzeihen aber keinen Fehler, keine noch so hingeschluderte Unsauberkeit, keine noch so flüchtige Unkorrektheit. Youn weiß das. Klar. Er ist hellwach, lebendig, natürlich.

Messerscharf modelliert die Perlenkette zwanglos aneinander gereihter Einfälle im ersten Allegro der C-Dur-Sonate (KV 330), die hingetupften Staccati der Dreiklangintervalle, die glitzernden Legato-Verzierungen. Sensibel und fein differenziert die melodische Schlichtheit, die virtuos schmerzlichen Modulationen im zweiten und das heitere, poesievoll hingetupfte Allegretto des volksliedhaften Finalsatzes. Natürlich, wir wissen nicht, wie zu Zeiten Mozarts seine F-Dur-Sonate (KV 332) gespielt wurde. Vielleicht nicht ganz so frei von äußeren Effekten, wie sie der Koreaner interpretiert. Er spielt wie es ihm sein Herz (auch das Mozarts vielleicht) eingibt: Auf der Suche nach Sinn und neuer Sinnlichkeit, die in schwärmerisch schlichter Wahrheit die Musik zum Leuchten bringen. Mit emotionalem Nachdruck draufgängerisch hingezärtelt. Eminent lebendig, mal in erhabener Trostlosigkeit, mal in stilisierter Lebens-Hochform den Klang hinter den Noten aufspürend. Bewundernswert plausibel. So muss Mozart klingen, so will man ihn hören.

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Endlich konnte Franzl aus dem Schatten des Übervaters treten

Die viersätzige B-Dur-Sonate Nr. 21 (D 960) war die letzte, die Franz Schubert in seinem Todesjahr 1828 – gerade mal 31 Jahre alt – geschrieben hat. Befreit geschrieben hat, so darf man annehmen. Denn Übervater Beethoven, der Alleinherrscher über Ton und Klang, starb im Vorjahr und so konnte Wiens „Schwammerl-Franzl“ endlich, endlich aus dessen allmächtigem Schatten treten. Wahrscheinlich unbewusst, aber irgendwie doch fühlbar, nahm Schubert in seiner finalen Sonate Abschied von dieser Welt. Zwar ohne viele technisch-virtuose Probleme, steckt doch eine hohe Anforderung an Klangkultur, Leuchtkraft, dynamischer Kraft und diffiziler Ausdrucksartikulation im Notentext. Eine Seelenwanderung durch des Komponisten Abgründe.

Auf das existenziell Bedrohliche, das ständig in dieser Komposition mitschwingt und nur selten ganz ausgeblendet wird, antwortet der Pianist sowohl mit einer bombastisch aufbegehrenden Ekstase aus Sturm und Klang als auch in aufgeweicht versöhnlich lächelndem Dolceklang. Eine Sphäre irdisch-unirdischen Glücks, die einer Balance aus Schmerzton-Vision und Klanggebungs-Wucht die Waage hält, einer Tanzstückchen-Heiterkeit und rätselhaft ausklingend verklärender Gelassenheit. William Youns pianistische Erzählkunst haftet gerade dort auf dem Boden spürbarer Sensibilität, wo kantig gemeißelte Verzweiflungswogen auf einen morbid-leisen Pianissimo-Charme der Heiterkeit treffen. Schubert für Fortgeschrittene. Selbst in der kurzen draufgesetzten Zugabe („Ich muss zum Zug“) eines biedermeierisch-gefühligen Chopinwalzers steigt er, gedankenbefrachtet und mit beklemmendem Drive, in eine wohlig tiefe Seelenlage.

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