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Leipheim

15.05.2019

Tarifstreit: Wanzl-Mitarbeiter wollen sich wehren

Warnstreik Wanzl Leipheim
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Warnstreik bei der Wanzl Metallwarenfabrik in Leipheim. Hunderte Mitarbeiter folgen dem Aufruf der Gewerkschaft IG Metall.
Bild: Bernhard Weizenegger

Hunderte Beschäftigte gehen in Leipheim auf die Straße. Ziel ist ein Tarifvertrag. Welche Angebote tatsächlich auf dem Tisch liegen, darüber gibt es unterschiedliche Angaben der Tarifparteien.

Es ist ein beeindruckendes Bild, das sich da auf der von der Polizei abgesperrten Straße entlang des Wanzl-Firmengeländes bietet: Hunderte Mitarbeiter, gekleidet in rote Plastikwesten und Mützen, ausgestattet mit Trillerpfeifen, machen ihrem Unmut Luft: „Make Tarif great again“ heißt es auf einem der Schilder, die Mitarbeiter hochhalten. „Ein voller Erfolg“ sagt Günter Frey, Bevollmächtigter der IG Metall Neu-Ulm-Günzburg, als er von der kleinen Bühne auf die Streikenden schaut. Schon bei der Frühschicht, die ab 4 Uhr morgens zum Warnstreik aufgerufen war, seien etwa 80 Leute vor dem Werkstor gestanden, „nur eine Handvoll blieb am Arbeitsplatz“. Auch von der Nachmittagsschicht erwarte er wieder eine große Beteiligung, ähnlich groß solle dann am Donnerstag die Zahl der Streikenden im Werk Kirchheim ausfallen.

IG Metall: "Wir lassen nicht locker, bis ihr einen Tarifvertrag habt"

Das Ziel der Gewerkschaft macht Frey in seiner Ansprache deutlich: „Wir werden als IG Metall nicht locker lassen, bis ihr einen Tarifvertrag habt“, verspricht er. Als eine der Hauptsorgen stellen die Beschäftigten und die Gewerkschaft dabei eine mögliche Einschränkung des Weihnachtsgeldes dar. „Der Weihnachtsmann wird arbeitslos“ oder „Finger weg vom Weihnachtsgeld“ steht auf einigen der Schilder zu lesen. Dass das Unternehmen nun vorgeschlagen habe, eine Einschränkung im Falle eines schlechteren Betriebsergebnisses in eine Tarifvereinbarung aufzunehmen, wolle die Gewerkschaft nicht hinnehmen. „Wir wollen denen keine Rechtsgrundlage geben, an euer Weihnachtsgeld zu kommen“, so Frey gegenüber den Streikenden.

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Warnstreik bei Wanzl in Leipheim
Bild: Bernhard Weizenegger

Klaus Meier-Kortwig, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Wanzl, sieht die Sache allerdings etwas anders, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung kurz vor dem Streik sagt. Das Weihnachtsgeld sei in den vergangenen Jahren bei Wanzl auch ohne spezielle Vereinbarung anstandslos gezahlt worden, sagt er – und daran solle zumindest nach dem derzeitigen Stand auch nichts geändert werden. In einem Schreiben, das die Geschäftsleitung vor wenigen Tagen an alle Mitarbeiter verschickt hat und das unserer Redaktion vorliegt, werden die beiden vorliegenden Angebotsvarianten der Arbeitgeberseite vorgestellt. Darin heißt es wörtlich: „Bei beiden Lösungen nehmen wir Abstand von Forderungen zur unbezahlten Mehrarbeit und zur Veränderung der Regelung des Weihnachtsgeldes.“

Gewerkschaft lehnt Angebote der Geschäftsleitung von Wanzl ab

Die Angebote der Wanzl-Geschäftsleitung seien jedoch „so schlecht, dass man sie nur abweisen kann“, sagt Günter Frey draußen vor dem Werkstor und erntet dafür beifällige Pfiffe der Mitarbeiter. Das erste Angebot, welches das Unternehmen gemacht habe, hätte laut Frey eine Kürzung um zehn Prozent des Jahresgehalts für jeden bedeutet. „Das aktuelle Angebot läuft auf etwas ähnliches hinaus“, so Frey weiter.

Der Flächentarifvertrag komme für Wanzl einfach nicht infrage, erklärt Klaus Meier-Kortwig. „Wir haben in unserer Branche andere Voraussetzungen wie Siemens oder BMW.“ Durch die fortschreitende Digitalisierung in der Einkaufswelt befinde sich Wanzl im Wandel, das Segment der Einkaufswagenherstellung, mit der das Unternehmen groß geworden sei und immer noch die Position des Weltmarktführers einnehme, schrumpfe zugunsten anderer Unternehmensbereiche. Das Rekordhoch bei den Rohstoffpreisen sowie die kurzfristige Produktion seien mit verantwortlich. Deswegen strebe das Unternehmen eine betriebliche Lösung im Tarifstreit an.

Das bietet das Unternehmen an

Aus dem Schreiben der Geschäftsleitung gehen zwei Angebotsvarianten hervor: Die eine sei eine „kleine Lösung“ in einer betrieblichen Regelung bis Ende 2020. Sie sieht eine Erhöhung der Entgelt-Tabellen um zwei Prozent vor, außerdem 4,3 Prozent zusätzlich ab einer Rendite von drei Prozent in diesem Jahr. „Ab zwei Prozent Rendite würden wir bereits eine anteilige Erhöhung bezahlen“, sagt Klaus Meier-Kortwig. Außerdem vorgesehen sei eine Betriebsvereinbarung zur Leiharbeit. Regelungen zu Fahrgeld, Arztbesuchen und Kleidergeld würden dafür beendet. Die zweite Variante, welche das Unternehmen vorschlägt, sieht einen Tarifvertrag bis Ende 2021 vor. Der Inhalt: Wie bei Variante eins, nur zusätzlich mit der Einführung einer betrieblichen Altersteilzeit für vier Prozent der Anspruchsberechtigten. Außerdem soll in dieser Variante das Leistungsentgelt um zwei Prozent sinken, gleichzeitig eine „echte“ leistungsorientierte Vergütung eingeführt werden. Stattdessen sollen jährlich bis zu 800 000 Euro in die systematische Personalentwicklung fließen.

Die Mitarbeiter von Wanzl in Leipheim machen Lärm für einen Tarifvertrag - nach der Nachtschicht heute morgen sind auch hunderte Mitarbeiter der Tagesschicht zum Warnstreik vor das Werkstor gekommen. Mehr dazu lest ihr später hier.

Gepostet von Günzburger Zeitung am Mittwoch, 15. Mai 2019

Eine Rechnung, die für Jürgen Bayer nicht aufgeht. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Wanzl, betont aber bei seiner Ansprache vor dem Werkstor, dass er heute „als IG Metall-Mitglied und als normaler Beschäftigter“ zu den Kollegen spreche. Das Unternehmen würde sich durch die Kürzung des Leistungsentgelts mehr als das Doppelte der angegebenen 800 000 Euro sparen, rechnet Bayer vor. Bayer spricht von einer „kreativen Vorstellung“ der Geschäftsleitung, die neben dem Brief an alle Beschäftigten auch ein Video produzieren und im hauseigenen Intranet veröffentlichen ließ, in der die beiden Angebote ebenfalls dargestellt wurden. Darin ist auch die Rede davon, dass das Unternehmen jetzt zugesagt hat, unabhängig von den Verhandlungen bereits ab dem 1. Juli 2019 eine Erhöhung von zwei Prozent der Entgelttabellen zu bezahlen. „Uns fehlen diese zwei Prozent schon mehr als zwei Jahre“, sagt Bayer mit Blick auf den aktuellen Flächentarif der IG Metall. „Wenn es jetzt heißt, dass die zwei Prozent jetzt schon einen Monat früher als geplant gezahlt werden, würde man in Amerika sagen: Das sind Fake News.“

Buhrufe und Pfiffe von den Streikenden

Abseits der Bühne sagt der Gewerkschafter, dass er sich einerseits freue über die große Beteiligung seiner Kollegen. „So aktiv wie heute waren wir noch nie.“ Andererseits gebe es im Betrieb immer noch viele, die Wanzl nach wie vor für ein Familienunternehmen halten würden. „Es müssten noch viel mehr Kollegen registrieren, dass diese Zeiten vorbei sind.“

Kämpferischer wird offenbar auch der Umgang miteinander: Günter Frey schildert den Streikenden, dass die Jugend- und Auszubildendenvertretung die Azubis der Firma darüber informieren wollte, wie der Streik ablaufe – der Ausbilder habe das jedoch abgelehnt und den Zutritt zur Firma verweigert. Die Streikenden quittieren das mit Buhrufen und Pfiffen – und applaudieren später der Vorsitzenden der Jugendvertretung, Jasmin Zink, die auf der Bühne sagt: „Die Kohle muss bei Wanzl endlich wieder gerecht verteilt werden. Wir als Azubis sind die Zukunft von Wanzl – das muss man auch am Lohn sehen.“

Er hoffe, sagt Günter Frey, dass die Geschäftsleitung bald wieder zu Verhandlungen bereit sei. Andernfalls sei die IG Metall zu weiteren Streiks bereit. Das scheint auch bei vielen Beschäftigten der Fall zu sein: Wenn sich nichts bewegt, „dann gehen wir wieder raus, aber länger“, meldete sich einer der Streikenden zu Wort und erntete dafür großen Applaus seiner Kollegen. Als Günter Frey dann nach knapp einer Stunde die Veranstaltung auflöst, weist er die Streikenden darauf hin, dass sie jetzt nach Hause gehen oder noch ein wenig bleiben und sich in der Streik-Fotobox der IG Metall ablichten lassen können, zur Erinnerung an diesen Warnstreiktag. „Ihr könnt natürlich, wenn ihr möchtet, auch wieder an eure Arbeitsplätze zurückkehren“, schickt Frey hinterher. Doch durch das Werkstor geht an diesem Mittag keiner mehr.

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