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Burgau

01.10.2019

Theater: Reden wir über die DDR

Fred Brunner, Wini Gropper, Dörte Trauzeddel und Daniela Nerig reden darüber wie es war, damals in der DDR: „Born in the GDR“ feierte am Samstag Premiere im Neuen Theater Burgau.
Bild: Rebekka Jakob

Das Stück "Born in the GDR" des Neuen Theaters Burgau und des Sensemble-Theaters Augsburg ist ein Crashkurs in Sachen DDR. Dabei geht es nicht nur um Stierblut, FKK und den Lipsi-Schritt.

Es wird viel geredet in diesen Tagen über die Zeit, als die Mauer fiel. Genau 30 Jahre ist es her, dass in der Prager Botschaft Außenminister Hans-Dietrich Genscher der Jubel der Menschen entgegenbrandete, die die DDR verlassen hatten. Aber wie war es denn damals, das Leben in der DDR, vor dem Fall der Mauer? Dörte Trauzeddel hat für die Textcollage „Born in the GDR“ alte Kisten aufgemacht und gibt Einblicke – auch in ganz persönliche Geschichten – garniert mit viel Musik. Am Samstag feierte das Stück, eine Inszenierung von Dagmar Franz-Abbott, Premiere im Neuen Theater Burgau, am Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober, wird die Augsburger Uraufführung im Sensemble-Theater sein.

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Kindheit in der DDR: Wenn der Hauptmann den Kinderzirkus untersagt

Wie Daniela Nering, die mit ihr auf der Bühne steht, hat Dörte Traudzeddel ihre Kindheit in der DDR verbracht. Wini Gropper und Musiker Fred Brunner übernehmen quasi den West-Part – und tauchen mit in das Geschehen in diesem Land ein, das zeitlich und räumlich so nah und doch so fern war und heute wieder ist. Aus den alten Kisten werden Erinnerungen hervorgekramt, an ein Leben hinter der Mauer, das man sich als Kind des Westens nicht vorstellen kann. Dass die Vorfreude auf eine Kinder-Zirkusvorstellung jäh getrübt wird, weil plötzlich „Hauptmann Wunderlich“ an der Türe klingelt und die vermeintlich subversive Vorstellung erst mal untersagt – die von Kinderhand gemalten Plakate lagen da längst bei der Stasi. Zum Lachen ist das, wenn es damals nicht so ernst gewesen wäre. Und was sagt man dazu, wenn eine junge Frau nicht Abitur machen darf, weil herauskommt, dass sie Freunde zum Konzert in die Kirche eingeladen hat? Ein Irrsinn – den Dörte Trauzeddel in der eigenen Familie erlebt hat.

Der nüchterne Blick der Stasi-Akten auf eine Tragödie

Die Geschichte, die Daniela Nering im berührendsten Moment des Abends aus alten Stasiakten vorliest, ist mit Irrsinn nicht mehr zu beschreiben – hier geht es um eiskalte Staatsgewalt. Der nüchterne Ton, in dem die Akte beschreibt, wie Mutter und Kind nach Hause kommen, die vergeblich auf den in Leipzig längst verhafteten Vater gewartet haben, gibt den unverblümten Blick des Spitzels durch die Fenster in Wohn- und Kinderzimmer preis. Am nächsten Morgen wird die Mutter verhaftet, das Kind kommt ins Kinderheim. Das Kind ist Daniela Nering. „Man sagte mir, Mutti sei längere Zeit verreist.“ Egal ob Ossi oder Wessi: In diesem Moment tut es so richtig weh.

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Manches war einfach nur komisch - wie der Lipsi-Schritt

„Born in the GDR“ ist kein Blick zurück im Zorn – aber es ist auch ein unverstellter, frei von süßlicher Ostalgie gehaltener Blick, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. So war es nun einmal, das Leben in der DDR. Manchmal war es auch einfach nur komisch. Ja, dass der Lipsi ein ziemlich bescheuerter Tanz war, wusste man schon 1959, da konnte Helga Breuer noch so inbrünstig behaupten, „Heute tanzen alle jungen Leute, den Lipsi-Schritt ...“ Und manchmal war es, bei allen Schwierigkeiten, Gefahren und aller Angst, sogar schön. Wenn die Familie im Konsum-Markt Melonen ergattern konnte. Oder wenn die Erwachsenen bei Stierblut, dem „einzig trinkbaren Rotwein in der DDR“ ins diskutieren kamen, und die Kinder ungestört spielen konnten.

Natürlich geht es auch um FKK

Oder wenn es klappte mit dem Urlaub an der Ostsee. „Heißer Sommer“, das Titellied des gleichnamigen DDR-Musikfilmes von 1968 erzählt davon. Oder auch Nina Hagens größter Hit in der DDR, der auch im Westen ein Klassiker wurde: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Und natürlich gehörte zum Ostseeurlaub auch der FKK-Strand, egal bei welchem Wetter. Den lässt das Stück ganz selbstverständlich nicht aus, ein wenig nackte Haut inklusive. Denn, wie hat Mutti immer gesagt? „Das reißt heute noch auf.“ Getreu diesem Motto lassen die Darsteller – ganz selbstverständlich – im Stück also auch die Hüllen fallen. Diese Freiheit nehmen sich die Schauspieler, genauso wie die Menschen in der DDR.

Es ist ein kleiner Crashkurs in Sachen DDR, den das Neue Theater Burgau und das Augsburger Sensemble-Theater in ihrer zweiten Kooperation geschaffen haben, rechtzeitig zu 30 Jahren Mauerfall. Bevor wir all das vergessen haben.

Weitere Aufführungstermine und Tickets für Burgau gibt es auf den Seiten des Neuen Theaters Burgau, für Augsburg beim Sensemble-Theater.

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