1. Startseite
  2. Lokales (Günzburg)
  3. Unfallzahlen sollten sinken - doch das tun sie nicht

Kreis Günzburg

27.02.2018

Unfallzahlen sollten sinken - doch das tun sie nicht

Die aktuelle Verkehrsunfallstatistik der Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West gibt Auskunft über die Anzahl und Art der Verkehrsunfälle im Jahr 2017. Die Fotos zeigen eine funktionierende Rettungsgasse während einer Unfallbergung auf der A8, Ablenkungen des Fahrers am Steuer durch Smartphone und in einem Lkw-Cockpit durch Beschäftigungen wie Rauchen oder Kaffee kochen.
Bild: Bernhard Weizenegger

Die Zahl der Unfälle im Bereich des Präsidiums Schwaben Süd/West ist auf einem Höchststand. Was die Polizei als Ursache sieht – und was sie dagegen tun will.

Das Video, das Jürgen Krautwald den Pressevertretern da vorführt, hinterlässt Kopfschütteln. Eine Autofahrerin hat es aufgenommen: Die kurze Sequenz zeigt eine Rettungsgasse auf der Autobahn, Fahrzeuge haben sich links und rechts aufgereiht, um in der Mitte Platz zu lassen für die Rettungskräfte, die ein Stück weiter zu einem Unfall fahren sollen, um dort Menschen zu helfen. Doch durch die Rettungsgasse fährt in diesem Moment kein Polizeiauto, Feuerwehrfahrzeug oder ein Rettungswagen – sondern ein Lastwagen in flottem Tempo.

Was der Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in dem kurzen Film zeigt, ist exemplarisch für das, was Polizeivizepräsident Guido Limmer und der Chef der Autobahnpolizei Günzburg, Werner Schedel, aus der Unfallstatistik des Jahres 2017 berichten: Unachtsamkeit, Selbstüberschätzung und Sorglosigkeit sind der Grund für die meisten der 28 216 Unfälle, die sich im vergangenen Jahr im Zuständigkeitsbereich des Präsidiums von der Donau bis zu den Allgäuer Alpen ereignet haben. 70 Menschen starben in diesem Jahr bei Unfällen. „Damit haben wir unser langfristiges Ziel, die Unfallzahlen und die Zahl der Unfalltoten bis 2020 um 30 Prozent zu reduzieren, erneut verfehlt“, sagt Limmer.

Er erinnert an den Unfall am Neujahrsmorgen bei Woringen auf der Autobahn A7 – sechs Menschen im Alter von 15 bis 23 Jahren starben. An die beiden Menschen, die im März 2017 auf der Autobahn bei Leipheim ums Leben kamen, weil sie beim Reifenwechsel auf dem Standstreifen der A8 von einem Sattelzug erfasst wurden. Oder an den tragischen Unfall mit vier Toten im August bei Immenstadt, als ein Motorradfahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor und eine Familie erfasste, die sich auf einem Fußweg befand. „Der Gutachter hat übrigens festgestellt, dass der Motorradfahrer keinen Wheelie gemacht hat, wie zunächst in Sozialen Netzwerken behauptet wurde“, betont Limmer. Tatsächlich sei der Fahrer aber mit 110 bis 120 Stundenkilometern bei erlaubten 70 unterwegs gewesen.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Autonomes Fahren könnte viele Tote und Verletzte verhindern

„Wir haben bei den schweren Unfällen nach Hauptursachen gesucht“, so der Polizeivizepräsident. „Es sind aber keine speziellen Strecken, keine Unfallschwerpunkte, an denen man technisch etwas machen könnte, festzustellen.“ Die Hauptursache liegt an anderer Stelle, sagt Limmer: Einer Studie des Herstellers Audi zufolge liegt bei 85 Prozent der Unfälle die Ursache in menschlichem Versagen, das „Abkommen von der Fahrbahn“ steht am Häufigsten im Polizeibericht. „Man fragt sich schon: Sind vielleicht Essen, Trinken, das Herumspielen am Navi oder am Radio, das Smartphone, ein quengelndes Kind auf der Rückbank oder der Beifahrer häufiger die Unfallursache?“

Nicht von ungefähr hänge in öffentlichen Verkehrsmitteln der Hinweis „Nicht mit dem Fahrer sprechen“. Allein 3200 Unfälle innerhalb geschlossener Ortschaften seien im vergangenen Jahr auf unzureichenden Abstand zum Vordermann zurückzuführen. Limmer glaubt aber, dass sich diese Problematik bald entspannen könnte, wenn das autonome Fahren sich durchsetzt und die Fahrzeuge immer mehr selbst das Steuer übernehmen. „Das könnte viele Unfalltote und Verletzte auf unseren Straßen verhindern.“

Die fehlende Rettungsgasse ist und bleibt ein Problem

Mehr Aufmerksamkeit am Steuer – das wünscht sich auch der Leiter der Günzburger Autobahnpolizei Werner Schedel. „Ich hatte eigentlich gehofft, dass durch den dreistreifigen Ausbau der A8 das Problem geringer wird.“ Doch auch auf der deutlich breiteren Fahrbahn haben die Einsatzkräfte nach wie vor damit zu kämpfen, dass die Verkehrsteilnehmer keine Rettungsgasse bilden. Oder, wie im eingangs gezeigten Video zu sehen, diese als schnelle Durchfahrtsmöglichkeit nutzen.

Schedel beschriebt, wie er im vergangenen Jahr auf dem Weg zu einem Motorradunfall mit tödlichem Ausgang war – und nur mit Mühe und dem Einsatz des Martinshorns die Zufahrt frei machen konnte. „Das kostet uns wertvolle Minuten. Wir brauchen Zeit für die Unfallopfer, Zeit, um auch unser Staumanagement aufzubauen.“ Nicht nur die Unfallbeteiligten, auch die Menschen, die im Stau stehen, leiden darunter. Wenn die Rettungsgasse sich wieder schließt, kommen auch Fahrzeuge wie Autokräne oder Kehrmaschinen nicht durch, die notwendig sind, um die Straße auch für alle anderen wieder frei und befahrbar zu machen.

Gaffen ist keine Lappalie

An der Unfallstelle angekommen, gehen dann aber die unangenehmen Aufgaben für die Polizei weiter – wenn Gaffer auftauchen. „Es ist einfach nur schade, dass sich die Polizei mit diesem Phänomen befassen muss“, sagt Schedel. Denn die Polizeibeamten haben an der Unfallstelle eigentlich anderes zu tun, als Unbeteiligte vom Filmen oder Fotografieren abzuhalten – stattdessen bleibt den Einsatzkräften oft nichts anderes übrig, als die Gaffer selbst zu fotografieren, um diese danach anzuzeigen. Das ist keine Lappalie: Ein Lkw-Fahrer, der ausstieg, um die Versorgung eines schwerstverletzten Motorradfahrers auf der A8 zu filmen, hat einen Strafbefehl über 2300 Euro und ein Fahrverbot erhalten. Dabei wäre es doch alles so einfach – mit ein wenig mehr Rücksicht auf die anderen und etwas mehr Einsicht.

Im Landkreis Günzburg gab es im vergangenen Jahr insgesamt 3760 Verkehrsunfälle, dabei wurden 720 Menschen verletzt und 15 getötet. Ein Jahr zuvor waren es 3497 Unfälle mit 643 Verletzten und sieben Toten.

Die Polizei hat die Motorradfahrer genauer im Blick

Ein wichtiger Termin für viele Zweiradfahrer ist der 1. März: Dann beginnt für viele die Gültigkeit des Saisonkennzeichens ihrer Maschine – auch wenn die kühlen Temperaturen den tatsächlichen Start vielleicht noch etwas verzögern werden. Die Polizei hat sich in diesem Jahr vorgenommen, auf die Zweiradfahrer ein besonderes Auge zu werfen. Denn mit 16 Unfalltoten und 686 Verletzten im Vorjahr im Gesamtgebiet des Präsidiums stellen sie eine überproportional große Gruppe dar.

Und sie sind leider oft auch diejenigen, die den Unfall verschulden, sagt Andreas Wagner, Vize-Leiter der Verkehrspolizei Kempten. „Zehn der 16 Getöteten haben den Unfall selbst verursacht, vier davon waren alleinbeteiligt.“ Bei den sechs weiteren Todesopfern waren andere die Auslöser: Autofahrer, die die Vorfahrt missachtet haben, Traktor-Lenker, die abbogen, ohne auf das Zweirad zu achten. Am häufigsten, so Wagner, ist nicht angepasste Geschwindigkeit der Biker die Ursache, gefolgt von zu geringem Abstand, Kurvenschneiden und Überholen bei unklarer Verkehrslage.

Diese Saison soll verstärkt kontrolliert werden, vor allem im Allgäu. Wagner: „Wir werden mit einer Motorradstreife, aber auch einem zivilen Motorrad unterwegs sein. Wegen der Fahreridentifizierung messen wir außerdem die Geschwindigkeit vor allem mit der Laserpistole und halten die Fahrer danach direkt an.“ Thema ist auch die Beschaffenheit der Reifen und Lärm. Verstöße können teuer werden: Wird bei der Messung des Standgeräuschs ein zu hoher Wert festgestellt, kann das mehrere hundert Euro kosten.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20CSU_K%c3%b6tz_Vorstandschaft.tif
Parteien

Führungswechsel in Kötz

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden