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Unser fragiles Paradies zeigt sich auch im Landkreis

Kommentar Von Till Hofmann
10.11.2018

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Was hat das mit uns heute zu tun? Sehr viel - wie sich an einer Geschichte aus Günzburg zeigt.

Das wäre es: Der Wasserhahn in der Küche spuckt kein Wasser aus, sondern es fließt – je nach Auswahl – Wein oder Milch oder Honig aus ihm. Das, was sich wie die Endstufe eines „smart home“ anhört, gibt es schon viel länger – in der Märchenliteratur; und nicht nur auf ein Haus ausgerichtet, sondern gleich auf ein Land ausgedehnt: auf das Schlaraffenland. Dort hocken und liegen sie also, die Faulenzer. Sie würden es nicht oder allenfalls zu spät mitbekommen, wenn sich ihre Daseinsbedingungen dramatisch ändern würden.

Bekommen wir es mit, wenn die Demokratie ausgenutzt, ausgehöhlt, attackiert wird? Ist sie uns so selbstverständlich geworden wie eine Ware im Selbstbedienungsladen zum Schleuderpreis? Das darf man sich durchaus in Erinnerung rufen, wenn Zeitgenossen angesichts der Gedenktage im November geneigt sind, genervt abzuwinken und zu fragen, warum man den alten Käse wieder und wieder servieren muss.

In acht Tagen darin ausgebildet, andere umzubringen

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Wie konnte man in eine solche Katastrophe geraten? Waren das alles Hurra-Patrioten und nationalistische Dumpfbacken? Die Schicksale der Günzburgerin Lizzy Leimer, geboren 1886, und des fünf Jahre jüngeren Friedo Talg aus dem niedersächsischen Soltau (lesen Sie hier die Geschichte der beiden) belehren uns eines Besseren. Die freiheitsliebende Lizzy machte sich, volljährig geworden, nach Frankreich auf – und organisierte in Paris das Leben einer reichen Familie, bevor sie vor Kriegsbeginn wieder zurück in die Heimat kam. Wie mutig das damals war, einfach die Zelte abzubrechen!

Friedo, der Sohn eines Schneidermeisters, träumte von Tuchfabriken in England, die er sich anschauen und sich das Wissen aneignen wollte. Das Schicksal meinte es anders mit ihm. Er musste alles stehen und liegen lassen und wurde in Augsburg 1914 in acht Tagen darin ausgebildet, wie man am besten Feinde umbringt. Töten oder getötet werden: Diese Wahl machte Menschen zum bloßen Material, das von Generalen auf den Schlachtplänen hin- und hergeschoben wurde.

Die Menschen vor 100 Jahren waren nicht anders als wir heute

Die Augenblicke des Glücks und der Liebe von Lizzy Leimer und Friedo Talg, die sich zufällig kennengelernt hatten, wogen die Grausamkeiten des Krieges nicht auf. Dass wir davon erfahren dürfen, ist Caro Clement zu verdanken, die Talgs Briefe von der Front mit einem Buch unsterblich gemacht hat. Am Donnerstag las sie daraus in Günzburg vor.

Welche Lehre ziehen wir daraus? Dass wir auf der Hut sein und für unsere Art des Zusammenlebens eintreten müssen. Auch die Menschen vor 100 Jahren hatten Werte, Wünsche, Träume von einer besseren Zeit. Sie waren im Grunde nicht anders als wir, was den Umkehrschluss zulässt, dass wir auch nicht anders sind als sie – und nicht gefeit davor, Rattenfängern mit ihren einfachen Parolen auf den Leim zu gehen. Ein Blick in die unruhige Welt 2018 mit ihren Krisenherden genügt, um die Fragilität von Freiheit und Frieden zu erkennen. Wenn Erkenntnis der erste Schritt ist, sich selbst zu engagieren – etwa in Bürgerinitiativen, für den Naturschutz oder in Partnerschaftskomitees – und Diskussionen nicht beredten Meinungsmachern zu überlassen, dann sollte Folgendes bewusst werden: Die Demokratie ist ein Paradies, aus dem wir jederzeit vertrieben werden können.

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