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Projekt

08.03.2017

Unterricht einmal anders

Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit informieren Neuntklässler des Dossenberger-Gymnasiums über das Leben und Schicksal der einst größten jüdischen Gemeinde in Bayern. Die Grundschüler durchlaufen mehrere Stationen in der ehemaligen Synagoge und gehen auf dem jüdischen Friedhof auf Spurensuche.
Bild: Bernhard Weizenegger

Neuntklässler des Günzburger Dossenberger-Gymnasiums schlüpfen in die Rolle der Lehrer. Wie die „Woche der Brüderlichkeit“ abläuft und weshalb alle davon profitieren

Bereits zum 18. Mal findet die Woche der Brüderlichkeit in der ehemaligen Synagoge und am jüdischen Friedhof in Ichenhausen statt. Seit Montag übernehmen die Neuntklässler des Dossenberger-Gymnasiums Günzburg für eine Woche die Lehrerrolle und informieren die Viertklässler von Schulen aus der Umgebung über das Thema Judentum. In diesem Jahr lautet das Motto „Nun gehe hin und lerne“. Es fordert dazu auf, den Dialog zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften zu suchen und zu pflegen, um voneinander und miteinander zu lernen.

Die komplette neunte Jahrgangsstufe des Gymnasiums, also 133 Schüler, hat sich seit den Weihnachtsferien genauestens mit verschiedenen Themenbereichen auseinandergesetzt und Materialien vorbereitet. Im Rahmen des Lernzirkels „Jüdisches Leben – Jüdischer Glaube“ bringen sie nun Viertklässlern die jüdische Geschichte, Kultur und Religion nahe. Betreut werden sie dabei von ihren Religions- und Ethiklehrern.

Michael Salbaum leitet das Projekt mit seinen Kollegen Mechthild Felser, Rudolf Vogel, Nikolaus Kugelmann und Stefan Berlin. Er erklärt, dass dieses Mal 26 Grundschulen aus dem Landkreis, die Heinrich-Sinz-Schule Hochwang/Ichenhausen sowie die Grundschulen Straß und Reutti aus Neu-Ulm mit insgesamt 1099 Schülern anreisen. Auch in diesem Jahr habe man auf das bewährte System gesetzt: In der Synagoge gebe es zehn Stationen zu fünf Themenbereichen, die doppelt besetzt sind, aber unterschiedliche Schwerpunkte behandeln. Die Gymnasiasten unterrichten dabei über die Bereiche „Feste und Feiern“, „Synagoge und Mikwe“, „Schrift und Schriften“, „Juden vor Ort“ und „Berühmte Jüdinnen und Juden“. Die Grundschüler werden dazu in Gruppen aufgeteilt und von den „Guides“ zur nächsten Station geführt. Die Technik-Gruppe sei für den Aufbau, den Abbau und generell einen reibungslosen Ablauf zuständig. Dazu gebe es noch eine Gruppe am Friedhof, die ihre Kenntnisse über diesen Ort vermittelt, sagt der Lehrer. Und es funktioniert einwandfrei: Die Woche der Brüderlichkeit, die ursprünglich ins Leben gerufen wurde, um mehr Besucher in die Synagoge zu locken, ist mittlerweile eine bundesweit einzigartige Tradition.

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Reichlich Erfahrungen sammeln

Neben den Grundschülern sammeln auch die Jugendlichen reichlich Erfahrungen. „Sie entwickeln ein besseres Verständnis für die Lehrergruppe“, erklärt Salbaum. Während der Projektwoche komme es darauf an, dass die Neuntklässler Probleme selbstständig lösen. „Wir Lehrer räumen nicht alle Steine aus dem Weg“, berichtet Salbaum. Die Schüler müssten beispielsweise selbst einen Weg finden, um mit Viertklässlern zu kommunzieren, die aufgrund ihres Flüchtlingshintergrundes wenig Deutsch können. Die Woche sei aber ideal, um sich über das spätere Berufsfeld Gedanken zu machen. Schüler merken schnell, ob es ihnen Spaß macht, mit kleinen Kindern zu arbeiten. „Manchmal kommen versteckte Talente zum Vorschein, wenn zum Beispiel Neuntklässler, die im Unterricht unauffällig waren, richtig aufblühen.“ Dass das nicht immer einfach ist, versteht sich von selbst. „Herr Berlin, ich will beim nächsten Mal eine reine Mädchengruppe!“, klagt ein Gymnasiast über manch anstrengenden Viertklässler.

Salbaum ist sich sicher, dass die Informationen auch länger im Gedächtnis der Neuntklässler bleiben, da sie sich alles selbst erarbeiten müssen. Es habe eine ganz andere Wirkung, wenn außerhalb des Klassenzimmers gelernt wird. Interessant sei noch, wie schnell die Kinder die Nähe zu den Jugendlichen suchen. „Die fünf Jahre Altersunterschied sind ideal“, weiß Salbaum aus Erfahrung.

Religionslehrer Stefan Berlin, der in diesem Jahr zum achten Mal dabei ist, findet es toll, wie man die Geschichten, die hinter den Informationen stecken, lebendig machen und anschaulich gestalten kann und wie sehr sich die Neuntklässler beteiligen: „Alle wollen ihre Sache gut machen, für sich selbst und für die Grundschüler.“ Er erklärt, dass in der kurzen Zeit nicht das gesamte Wissen tiefgreifend gefestigt werden könne. Die besondere Atmosphäre, die Begegnung und die Erfahrungen mit dem Ort bleiben aber dauerhaft im Gedächtnis hängen.

Den Gymnasiasten bereitet das Schulprojekt wirklich Freude. „Wir lernen Vieles über jüdische Friedhöfe, Juden und die Stadt Ichenhausen, was wir zuvor noch nicht wussten“, erzählt Neuntklässler Volkan. Die Jugendlichen Annemarie und Lukas sind sich einig: Es macht richtig Spaß, auch wenn lebhaftere Kinder dabei sind, die mehr Aufmerksamkeit brauchen. Und zwei Schülerinnen, Marie und Iris, können sich sogar vorstellen, Grundschullehrerinnen zu werden. „Es ist abwechslungsreich und es macht Spaß, den Kindern interessante Informationen mitzugeben“, sagen sie.

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