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Prozess in Günzburg

19.06.2019

Vergewaltigung am Günzrieder Weiher: Mann muss in Haft

Am Amtsgericht Günzburg wurde eine Vergewaltigung verhandelt.
Bild: Bernhard Weizenegger

Ein 37-Jähriger soll eine Bekannte in seinem Auto vergewaltigt haben. Das Gericht hat keine Zweifel, dass das Opfer die Wahrheit sagt – trotz Erinnerungslücken.

Knapp vier Jahre Gefängnis oder Freispruch? Im Prozess um eine Vergewaltigung am Günzrieder Weiher stehen am Ende zwei gegensätzliche Ansichten. Die Kernfrage für das Gericht: Schenkt es den Aussagen des Opfers Glauben und verurteilt den Angeklagten? Oder überwiegen die Zweifel angesichts der lückenhaften Aussage der Frau?

Gleich zu Beginn des Prozesses legt der 37-Jährige aus dem Landkreis Heidenheim seine Sicht der Dinge dar. Ihm wurde vorgeworfen, eine 40-Jährige aus dem Landkreis Günzburg, die er erst wenige Tage zuvor am Günzrieder Weiher kennengelernt hatte, an eben jenem See zwischen Wasserburg und Kötz in seinem Auto vergewaltigt zu haben. Detailreich schildert der Mann, wie ihm die Frau aufgefallen war, als er am See auf einen Freund gewartet habe. Er habe sie angesprochen, man habe Namen ausgetauscht und dann über Facebook Kontakt aufgenommen. Beim ersten Treffen in der Wohnung der Frau habe man sich geküsst und Zärtlichkeiten ausgetauscht.

Mann entschuldigt sich nach erstem Treffen per Sprachnachricht

Die Anklage wirft dem Mann vor, zudringlich geworden zu sein. Dagegen habe sich die Frau gewehrt und ihre Freundin geholt, die im Nebenzimmer ferngesehen habe. Das sei alles einvernehmlich gewesen, entgegnet der 37-Jährige. Man habe zusammen auf dem Balkon geraucht, dann sei er gegangen. Die Freundin bestätigt das als Zeugin vor Gericht. Sie sagt auch, dass der Mann später eine Sprachnachricht geschickt hat, in der er sich für sein Verhalten entschuldigt. Diese Nachricht, so der Mann, habe es nie gegeben. Beweise gibt es nicht. Das Opfer löschte sämtliche Kommunikation mit dem Angeklagten auf ihrem Handy. Die Entschuldigung habe ehrlich geklungen, sagt die Freundin. „Ich habe dann zu ihr gesagt: Gib’ ihm noch eine Chance.“

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Beim zweiten Treffen am Weiher tauschen die Frau, die zu der Zeit in einer festen Beziehung ist, und der Angeklagte wieder Zärtlichkeiten aus. Nach der Version des Mannes sei es dann auf einer Decke am See zu einvernehmlichem Sex gekommen. Ein zweites Mal hätten sie im Auto auf dem Parkplatz miteinander geschlafen – erneut einvernehmlich. Die Anklage wirft dem Mann dagegen vor, die Frau am See erneut gegen ihren Willen an intimen Stellen berührt zu haben. Weil sie das nicht wollte, sei man zum Auto zurück. Dort habe der Mann sie auf die Rückbank gezerrt, ausgezogen und gegen ihren Willen vaginalen und einmal auch analen Geschlechtsverkehr gehabt. Erst als ein Auto auf den bis dahin verlassenen Parkplatz fuhr, habe er abgelassen.

Aussage des Opfers weist Lücken auf

Warum suchte die Frau nicht direkt am See Hilfe, ließ sich stattdessen von ihrem Vergewaltiger nach Hause fahren? Diese Fragen stellt sich auch das Gericht. Die 40-Jährige wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt, auch der Angeklagte muss den Saal verlassen. Zu groß ist die Belastung, sagt ihre Rechtsanwältin als Vertreterin der Nebenklage. Es zeigt sich, wie auch schon bei der Polizei: Die Frau hat auf viele Nachfragen keine Antworten. Sie kann viele Details der Tat nicht nennen, auch ihre Motive kann sie sich im Nachhinein nicht erklären. Das könne eine Reaktion auf die Tat sein, ein Ergebnis dessen, dass die Frau versucht hat, das Erlebte zu verdrängen. So interpretiert es die Psychotherapeutin, bei der das Opfer in Behandlung ist. Einig sind sich alle Zeugen, dass die Frau extrem aufgelöst wirkte, wenn sie davon erzählte. Bereits unmittelbar nach der Tat sprach sie mit ihrer Freundin darüber, zur Anzeige brachte sie die Vergewaltigung erst drei Monate später. Weil das Verdrängen nicht funktionierte und der Druck zu groß wurde, sagt sie. Weil sie andere Frauen schützen wollte.

Der Angeklagte wurde wegen einer ähnlichen Tat bereits zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. 2013 hatte er eine Frau sexuell genötigt – ebenfalls auf dem Rücksitz seines Autos. Die war aber geflohen, bevor er weiter gehen konnte.

Staatsanwalt fordert fast vier Jahre Haft

Auch deshalb schenkt Oberstaatsanwalt Markus Schroth der Frau Glauben. Dass sie zum Tatzeitpunkt in einer Beziehung war und womöglich ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, lässt er nicht gelten. „Warum sollte die Frau dann direkt danach ihrer Freundin von einer Vergewaltigung erzählen?“ Nebenklagevertreterin Beate Mendle wirft dem Angeklagten gar vor, am See bewusst ein Opfer gesucht zu haben. Verteidiger Joachim Ebert sieht in den Aussagen der Frau nicht genug Beweiskraft für eine Verurteilung. Als „fast schon lebensfremd“ bezeichnet er das Verhalten des Opfers nach der Tat.

Das Schöffengericht um Amtsgerichtsdirektor Henle schenkt der Frau aber Glauben. Der Mann wird zu drei Jahren Haft verurteilt, elf Monate weniger, als der Staatsanwalt gefordert hatte. Während der Angeklagte mit glasigem Blick ins Leere starrt, sagt Henle: „Der Angeklagte hat keine Geduld. Er kam nicht sofort zum Ziel und hat sich das, was er wollte, genommen. Sonst hätte sich die Beziehung normal entwickelt. Da müssen Sie an sich arbeiten.“ Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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