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Kammeltal

16.11.2019

Volkstrauertag: Darum erinnern sie weiter

Der morgige Volkstrauertag am Ehrenmal in Ettenbeuren hat für die Soldaten- und Kameradschaftsvereine im Kammeltal mit ihren Vorsitzenden Heiko Westphal, Josef Miller und Hans Konrad (von links) eine wichtige traditionsreiche Bedeutung.
Foto: Wolfgang Kahler

Die Soldaten- und Kameradschaftsvereine im Landkreis Günzburg pflegen ihre mehr als 100-jährige Tradition auch ohne Kriegsteilnehmer. In Kammeltal haben sie noch 440 Mitglieder.

Es ist ein Erbe aus schlimmer Vergangenheit: Soldaten- und Kameradschaftsvereine pflegen ihre Traditionen, die auf unsägliche Kriegszeiten zurück gehen. Direkte Verbindungen dazu bestehen heute kaum noch. Im Kammeltal zum Beispiel hat kein derzeitiges Mitglied des Soldaten-und Kameradschaftsvereins den Zweiten Weltkrieg als Soldat miterlebt. Doch die Erinnerung wird gepflegt – zum Beispiel bei den alljährlichen Krieger-Wallfahrten und am Volkstrauertag, der deutschlandweit am morgigen Sonntag begangenen wird.

Welche Bedeutung dieser nationale Gedenktag für sie hat, erzählen Josef Miller, Hans Konrad und Heiko Westphal. Sie sind die Vorsitzenden der drei Soldaten- und Kameradschaftsvereine im Kammeltal, deren Gründung zum Teil bis ins 19. Jahrhundert zurück geht.

Sogar 22 Frauen sind vertreten - früher undenkbar

Zusammen repräsentieren die drei Vereinschefs fast 440 Mitglieder im Alter von 21 bis 90 Jahre. Seit zehn Jahren leitet Josef Miller, 80, die Soldaten-Kameradschaft Behlingen-Ried, Hans Konrad, 69, seit bereits 35 Jahren den Soldaten- und Kameradschaftsverein Goldbach-Hartberg und Heiko Westphal, 57, wurde vor drei Jahren Vorsitzender des Soldaten- und Kameradschaftsvereins Ettenbeuren-Egenhofen-Unterrohr. In dieser mit 258 Mitglieder stärksten Gemeinschaft sind sogar 22 Frauen – früher wäre das undenkbar gewesen.

Soldaten- und Kameradschaftsvereine sind keineswegs ein Relikt der Nationalsozialisten. Sie wurden während des Dritten Reichs sogar aufgelöst. Entstanden sind sie aus den Folgen revolutionärer Ereignisse Mitte des 19. Jahrhunderts und des Ersten Weltkrieges. Hintergrund war einerseits die Pflege der Kriegsgräber aber auch die Aufarbeitung der Kriegsdramatik, die sehr viele Soldaten traumatisiert hatte.

Ein sichtbares Zeichen der Erinnerung sind Kriegerdenkmäler

Als sichtbare Zeichen und Erinnerung an die Opfer wurden Kriegerdenkmäler errichtet. Eines der ersten im Kammeltal entstand bereits 1920 an der Ettenbeurer Pfarrkirche mit einer für ein Dorf „beachtlichen Größe“, wie Josef Miller bemerkt. Dessen Verein aus Behlingen-Ried feiert im nächsten Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Noch deutlich älter ist der Ettenbeurer Soldaten- und Kameradschaftsverein, der von Teilnehmern des deutsch-französischen Krieges von 1871/1872 gegründet wurde.

Dies erfolgte nicht zuletzt als Mahnung für die Jüngeren, dass sich die Grausamkeiten und das Elend des Krieges nicht wiederholen, heißt es in der Vereinschronik. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Eine der herausragenden Aufgaben der Vereine war früher die Unterstützung der Witwen, deren Männer im Krieg gefallen waren. Das ist inzwischen Geschichte, denn Hinterbliebene aus diesen Zeiten leben kaum noch. Ebenso wenig wie aktive Soldaten.

Das ist auch das Problem der Vereine: Es gibt im Kammeltal kaum noch jemanden, der bei der Bundeswehr ist und so als Nachwuchs in Frage kommt. Lediglich im Soldaten-und Kameradschaftsverein Goldbach-Hartberg ist mit dem Schwiegersohn des Vorsitzenden noch ein Mitglied, der selbst im Kampfeinsatz in Afghanistan war. „Unsere Hauptaufgabe ist heute vor allem die Ehrung der Gefallenen“, sagt Konrad, „die Achtung der Vorfahren in Verbindung mit der Erinnerung an die Kriegsteilnehmer“. Genau das passiert am Volkstrauertag am Ettenbeurer Kriegerdenkmal. An dem feierlichen Akt nehmen regelmäßig Angehörige der Bundeswehr teil, denn die Gemeinde pflegt seit vielen Jahren eine Patenschaft mit der Sanitätskompanie in Ulm-Dornstadt.

1943 wurden die Soldatenvereine verboten

Das Nazi-Regime funktionierte den Volkstrauertag in einen Heldengedenktag um. Der sollte statt des Totengedenken der Verehrung der Opfer des Hitlerputsches von 1923 dienen. Die Veteranenvereine wurden im Zuge der Gleichschaltung von den Nationalsozialisten in den Reichskriegerbund eingegliedert, 1943 völlig verboten. Vereinsversammlungen wurden zu Propagandazwecken missbraucht, heißt es in der Chronik des Ettenbeurer Vereins. Die Wiedergründung erfolgte erst acht Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Schreckensereignisse dieser Zeit kamen später in den Vereinen kaum zur Sprache. „Bei uns wurde darüber nie geredet“, sagt Westphal.

Der Festakt am Volkstrauertag soll keineswegs eine Glorifizierung von Waffengängen sein, wie den Soldatenvereinen von Kritikern unterstellt wird, sondern die Erinnerung an die Gefallenen und Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft wachhalten, betonen die Vorsitzenden. „Früher hat man sich mehr mit den Kriegen beschäftigt“, sagt Konrad, „heute steht die Bitte im Vordergrund, dass es keinen mehr gibt.“ Wie in den vergangenen Jahren wird anlässlich des Festaktes die Salutkanone dreimal abgefeuert. Eine Tradition, die nicht bei allen Beteiligten des Volkstrauertages gut ankam und schon auf der Kippe stand. „Das bleibt aber solange ich den Verein führe“, macht Heiko Westphal klar.

Außer der Traditionspflege tragen die Vereine zum gesellschaftlichen Leben im Kammeltal bei. In Ettenbeuren wird seit vielen Jahren gemeinsam mit dem Gartenbauverein das Weinfest veranstaltet, in Goldbach das Peter- und Paul-Fest an der Hartberger Kapelle organisiert.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Volkstrauertag: Darum ist das Erinnern so wichtig

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