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Landkreis Günzburg

26.12.2019

Vor 50 Jahren gingen Jettingen und Scheppach zusammen

Das derzeit eingerüstete Rathaus von Jettingen-Scheppach (vor dem Zusammenschluss war es das von Jettingen) steht einen Kilometer vom früheren Scheppacher Rathaus (heute das Feuerwehrgerätehaus) entfernt.
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Das derzeit eingerüstete Rathaus von Jettingen-Scheppach (vor dem Zusammenschluss war es das von Jettingen) steht einen Kilometer vom früheren Scheppacher Rathaus (heute das Feuerwehrgerätehaus) entfernt.
Bild: Till Hofmann

Plus Warum ausgerechnet Jettingen und Scheppach vor einem halben Jahrhundert ein Vorbild für ganz Bayern geworden sind. Und wo der Bürgerwille am Ende dann doch nicht zählte.

In wenigen Tagen steht eine „Goldene Hochzeit“ in Jettingen-Scheppach an. Es geht aber nicht um ein Brautpaar aus Fleisch und Blut. Und ausgelassen gefeiert wird wohl auch nicht. Die wenigsten dürften noch wissen, dass es am 1. Januar 2020 genau 50 Jahre her ist, dass aus zweien eins wurde – aus Jettingen und Scheppach die Marktgemeinde Jettingen-Scheppach.

Und noch weniger Menschen ist bekannt, dass diese vom Staat finanziell massiv geförderte Verschmelzung quasi vor der Haustür des damaligen bayerischen Innenministers Bruno Merk als eine Art Blaupause galt für die Gebietsreform im Freistaat, die im Juli 1972 begann und bis zum Mai 1978 dauerte. In dieser Zeit wurde die Zahl der Landkreise halbiert und die der Gemeinden um über 5000 reduziert.

Der Innenminister hatte einen schweren Stand - auch bei Strauß

Das Ziel Merks war es, anstelle des kommunalen Flickerlteppichs Einheiten zu schaffen, die deutlich effektiver zu verwalten sind. Damit schuf sich der aus Kötz stammende Innenminister beileibe nicht nur Freunde. Auch der allmächtige CSU-Chef Franz Josef Strauß war alles andere als ein Anhänger der Gebietsreform – und Merk hatte einen schweren Stand. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn nicht wenige Bürgermeister und Landräte dürften Strauß in den Ohren gelegen haben. Schließlich gab es einiges zu verlieren – insbesondere die Selbstständigkeit, das eigene Amt.

Vor 50 Jahren gingen Jettingen und Scheppach zusammen

Auf „freundlichem Terrain“ wurde der schwäbische Pilotversuch vorbereitet. Schließlich waren der damalige Innenminister sowie die Bürgermeister Heinrich März (Scheppach) und Ernst Walz (Jettingen) nicht nur CSU-Parteifreunde, sondern verstanden sich auch privat ausgezeichnet. Das ging so weit, dass Merk ein Patenonkel von einem der Söhne März’ wurde.

Der erste Zusammenschluss dieser Art im Freistaat

„Es war der erste Zusammenschluss dieser Art in Bayern“, bestätigt Blasius Klein. Der heute 84-Jährige ist der einzige noch lebende Zeitzeuge, der aus der Nähe mitbekommen hat, was sich da anbahnte. Der ehemalige Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung Scheppach und später Jettingen-Scheppach spricht von „relativ kurzfristigen Überlegungen“ für dieses Unterfangen, die ab der Mitte des Jahres 1969 aufgekommen seien. Bei einer Besprechung am 8. September 1969 im Innenministerium in München wurden die wichtigsten Kriterien festgezurrt.

Es ging stets um das Beste: Geld

Zehn Punkte sind in dem gut 50 Jahre alten Protokoll aufgeführt – von den staatlichen Schlüsselzuweisungen und dem Verkehrswesen über die Kanalisation, der Regulierung des Rieder Bachs bis hin zur Friedhofserweiterung, dem einen Turnhallenbau und der Modernisierung des Krankenhauses zu einem Altenpflegeheim. In all diesen Punkten ging es stets um eines: Geld. Der Vorgriff auf die anstehende und beabsichtigte Gebietsreform sollte unbedingt ein Erfolg sein. Deshalb wurde mit ordentlich hohen Summen den klammen Kommunen das Zusammengehen schmackhaft gemacht.

Die ehrenamtlichen Bürgermeister März und Walz hatten offenbar auch kein Problem mit dem Loslassen. Mit der Entscheidung des Ministeriums zwei Tage vor Heiligabend, Jettingen und Scheppach mit dem Jahreswechsel eine gute Woche später eins werden zu lassen, war das Ende der Rathauschefs auch besiegelt.

Knappich für März und Walz

Die beiden wurden mit der kommissarischen Leitung der neuen Gemeinde beauftragt, die Wahl des neuen Gemeinderats für den 15. März 1970 festgelegt. Im Mai wurde der parteilose Kreiskämmerer aus Marktoberdorf, Theodor Knappich, zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister Jettingen-Scheppachs gewählt. Walz hatte mit der Schwäbischen Pappenfabrik ein gut gehendes Geschäft. Und Steuerberater März verzichtete offenbar auch gerne auf den Posten des Bürgermeisters. 1976 wurde Knappich von Peter Ploeckl abgelöst, der 2002 starb. Sein Nachfolger wurde Hans Reichhart senior, der nach wie vor im Amt ist, in vier Monaten aus Altersgründen aber ausscheidet.

Die Politik war sich einig. Es galt aber auch, den Bürgerinnen und Bürgern die Fusion schmackhaft zu machen.

Vorzüge werden in Broschüren aufgelistet

In Broschüren „Gedanken zur Zusammenlegung der Gemeinden Jettingen und Scheppach“ wurden getrennt für beide Ortsteile die Vorzüge eines Zusammenschlusses vorgestellt – und in einer späteren Bürgerversammlung nochmals über die Vorteile informiert. Das klang jedenfalls für die Jettinger Bevölkerung überzeugend. In einer Abstimmung am 30. November 1969 haben sich 975 Bürger aus Jettingen für und nur 131 Stimmberechtigte gegen den Zusammenschluss ausgesprochen.

Ein viel knapperes Ergebnis gab’s dagegen in Scheppach. Hier drangen die Argumente dann doch nicht bei ausreichend vielen Menschen durch. 375 Scheppacher wollten mit Jettingen nicht zusammengehen. 356 votierten dafür.

Ein Beschluss mit kurzer Überlebensdauer

Das löste drei Tage später heftige Debatten im Scheppacher Gemeinderat aus. Denn sechs Wochen zuvor hatten die Gemeinderäte eine Zusammenlegung mit Jettingen beschlossen – jedoch nur vorbehaltlich der Zustimmung der Bürgerschaft.

Jetzt galt das offenbar nicht mehr. Mit sieben zu zwei Stimmen machte das Scheppacher Ortsparlament den Weg frei für eine gemeinsame Zukunft beider Orte unter einem Dach.

Im Vergleich zum Jahresende 1968 ist die Einwohnerzahl in beiden Ortsteilen bis Juni 2019 um fast ein Drittel gestiegen. Ein Plus an 1409 Einwohnern (mit Hauptwohnsitz) entspricht einer Steigerung von 31,5 Prozent.

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