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Dialekt

05.04.2014

Warum das „Fleischkiachle“ allmählich zum „Fleischpflanzerl“ wird

Der Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben untersucht die Sprache im schwäbischen Raum, aber auch in Grenzgebieten. 952 Personen wurden befragt, um festzuhalten, welche Wörter in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendet wurden. Auch Edith Burkhart-Funk war an der Erhebung beteiligt.

 In den schwäbischen Wortschatz haben sich viele bairische Wörter eingeschlichen. Forscherin Edith Burkhart-Funk aus Niederraunau erklärt die Ursachen.

Wer in der Früh einen Muntermacher braucht, kann sich in Krumbach ein „Haferl“ Kaffee kaufen. Als Mittagssnack für den kleinen Hunger gibt es hier und da ein „Fleischpflanzerl“ zum Mitnehmen. Und am Wochenende kann man in unserer Region zum Beispiel genüsslich in der „Lenderstuben“ in Balzhausen schlemmen. Was haben all diese Dinge gemeinsam? Sie sind Paradebeispiele aus dem kulinarischen Wortschatz für die Nachahmung des Bairischen (wenn vom Dialekt die Rede ist, schreibt man „Bairisch“ mit „i“).

Dialektforscherin Dr. Edith Burkhart-Funk aus Niederraunau kennt den Grund dafür: „Wir Schwaben haben ein sehr geringes dialektales Selbstbewusstsein.“ Dies mag wohl auch an der gesamtnationalen Geringschätzung des Dialekts liegen: Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Emnid zeigte, dass Schwäbisch neben Sächsisch und Pfälzisch zu den unbeliebtesten deutschen Dialekten zählt.

Doch was sind die Gründe dafür? Innersprachlicher Natur können sie nicht sein. Wie Dialektologin Burkhart-Funk erklärt, weist Schwäbisch auf verschiedenen Ebenen eine weitaus differenziertere Struktur auf, als Hochdeutsch. „Im Schwäbischen gibt es zum Beispiel viel mehr Vokale als im Hochdeutschen“, sagt Burkhart-Funk. Dies lässt das geringe Prestige des Dialekts umso paradoxer erscheinen, denn vokalreiche Sprachen empfinde man in der Regel als „schön“.

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Vokale werden im Schwäbischen oft ohne dazwischenliegende Konsonanten aneinandergereiht. Als Beispiel nennt Burkhart-Funk den Satz „Kaa i au a Oi hau?“ („Kann ich auch ein Ei haben?“). Wie die Expertin erklärt, gibt es den Laut „-oi-“, wie beispielsweise in „Oi“, im Hochdeutschen gar nicht. In der Grammatik seien viele heute nicht mehr dudenkonforme Formen teils sehr alte Formen, die das Hochdeutsche nicht mehr kennt. Trifft Ausdrücke wie „der Butter“ oder „das Teller“ heute nur noch der Rotstift des Deutschlehrers, so gehen diese aufs Oberdeutsche zurück. Und auch auf der anfangs bereits aufgegriffenen Ebene des Wortschatzes lassen sich laut Burkhart-Funk keine Kriterien dafür finden, warum ein hochdeutsches Wort „schöner“ sein soll als ein schwäbisches. So sei zum Beispiel das Wort „Bodenbirne“ sprechender als „Kartoffel“ und die Vokabel „Dachboden“ sei wesentlich assoziationsärmer als das schwäbische Äquivalent „Kornhaus“ („Korahaus“).

Wenn sich also keine innersprachlichen Gründe für die Geringschätzung unseres Dialekts finden, woran liegt es dann, dass wir uns immer weniger zu unseren sprachlichen Wurzeln bekennen? Burkhart-Funk sieht hier historische Ursachen als entscheidend an. Da Schwaben – anders als Altbayern mit seinem königlichen Oberhaupt – keine zentrale Herrschaftsgewalt hatte, habe eine identitätsstiftende Instanz auf politisch-gesellschaftlicher Ebene gefehlt. Aber: „Man kann eine Gesellschaft nie losgelöst von ihrer Sprache betrachten“, sagt Burkhart-Funk. Über die Jahrhunderte hinweg hätte man in Schwaben deshalb auch ein sehr geringes dialektales Selbstwertgefühl entwickelt.

Egal, ob beliebter oder unbeliebter Dialekt – ein Vorurteil gegenüber Mundarten hält sich hartnäckig: Dialekt sprechende Kinder seien im Deutschunterricht, insbesondere was die Rechtschreibung betrifft, benachteiligt. „Das stimmt überhaupt nicht! Freilich werden sich in den ersten Schuljahren mal dialektale Formen in der Rechtschreibung einschleichen. Aber auch Kinder, die Hochdeutsch sprechen, machen Fehler“, meint Burkhart-Funk. Man könne nämlich nicht prinzipiell von der hochdeutschen Lautung auf die Schreibung schließen.

Die These von Burkhart-Funk stimmt mit Studien überein. So wertete zum Beispiel die Universität Oldenburg über 20000 Aufsätze von Dritt- bis Sechstklässlern aus dem gesamten Bundesgebiet aus. Das Ergebnis spricht für sich: Dialektsprecher produzieren etwa 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler. „Dialektsprechende Schüler verinnerlichen sozusagen zwei unterschiedliche Sprachen mit je eigener Grammatik und eigenem Wortschatz“, erklärt Burkhart-Funk.

Wenn das Schwäbische eine auf sprachlicher Ebene eine äußerst reiche Mundart ist, wenn der Dialekt bisher keine nachweisbaren schulischen Probleme nach sich zieht – warum schlemmen wir dann nicht in der „Lenderstub“, bestellen uns kein „Häfele“ Kaffee und nehmen uns mittags kein „Fleischkiachle“ mit?

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