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30 Jahre Mauerfall

17.11.2019

Warum ihr Flug aus der DDR in die Freiheit scheiterte

Ines-Andrea Reinhold von Drüben erzählte in der Rettenbacher Gemeindehalle von den zahlreichen Fluchtversuchen zusammen mit ihren Eltern aus der ehemaligen DDR in die Freiheit.
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Ines-Andrea Reinhold von Drüben erzählte in der Rettenbacher Gemeindehalle von den zahlreichen Fluchtversuchen zusammen mit ihren Eltern aus der ehemaligen DDR in die Freiheit.

Plus Die Zeitzeugin Ines-Andrea Reinhold von Drüben berichtet über die mehr als ein Dutzend Fluchtversuche mit ihrer Familie viele Jahre vor dem Mauerfall.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer. „Man muss sich bewusst sein, die Front des Kalten Kriegs verlief mitten durch Deutschland“, betonte Georg Haindl, der Vorsitzende des Krieger- und Soldatenvereins Rettenbach, der in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung in die Rettenbacher Gemeindehalle eingeladen hatte. „Unsere Generation ist damals durch die Ostzone gefahren, wenn man nach Berlin wollte“, erinnerte Hans Joas, Seminarleiter und Regionalbeauftragter der Hanns-Seidel-Stiftung hinzu. Ines-Andrea Reinhold von Drüben ist Zeitzeugin und kam bereits sieben Jahre vor dem Mauerfall in die Bundesrepublik. Insgesamt 13 Fluchtversuche hatte sie zusammen mit ihrer Familie zuvor unternommen und berichtete jetzt davon.

„Von Drüben?“ Beim Namen der Referentin zeigte sich bei den etwa 50 Besuchern, darunter auch die jüngere Generation, in der Rettenbacher Gemeindehalle ein Schmunzeln. „Was wir als Familie vollbracht haben, macht nicht jeder“, erklärte die Rechtsanwältin. Den Zusatz zu ihrem Familiennamen Reinhold – ihre Kanzlei in Gauting bei München trägt den Künstlernamen ebenfalls – sehe sie als eine Auszeichnung, ein Statement.

Bei all dem Jubel über den Mauerfall und über die Wiedervereinigung dürfe man nicht vergessen, was in der ehemaligen DDR geschehen sei. „Um die Zukunft zu gestalten, muss man wissen, was in der Vergangenheit passiert ist.“ Sie erinnerte an eine Schreckenschronik mit 1378 Kilometern innerdeutscher Grenze, 55000 Selbstschussanlagen, 1,4 Millionen Minen und an die rund 870 Todesopfer. Aber auch an spektakuläre Fluchtversuche: Wie 57 Menschen 1964 durch einen 145 Meter langen Tunnel in die Freiheit gelangten, und an die Flucht zweier Familien 1979 in einem selbst gebauten Heißluftballon.

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Vater der Familie Reinhold führte selbstständigen Handwerksbetrieb

Ihre eigenen Eltern zählten zu den eher privilegierten Familien in der ehemaligen DDR. Ihr Vater führte in Gera einen der wenigen selbstständigen Handwerksbetriebe. „Uns ging es nicht darum, uns in der Bundesrepublik wirtschaftlich zu verbessern. Uns ging es um die Freiheit, um eine freie Entscheidungsbefugnis, wie und wo man sein Leben führe. Wir wollten aus diesem Staat weg“, fährt sie fort. Die ständige Vertretung der Bundesrepublik in der DDR in Ostberlin, auch nicht der fröhlich „Ein Männlein steht im Walde“ pfeifende Botschafter, habe weiterhelfen können. Vielmehr sei man dort aus dem tristen und verfallenen Alltag mit hellen, freundlichen und duftenden Räumen konfrontiert worden. Für die Reinholds war klar: Man war auf sich selbst angewiesen.

Sie reichten einen Antrag ein, für sechs Wochen über Ungarn und Rumänien nach Bulgarien zu verreisen. Mit einem Lada Shiguli und einem QEK Junior Wohnanhänger machten sie sich auf den Weg, um irgendwo entlang des Eisernen Vorhangs die Grenze zu überwinden. Ein undenkbares Risiko: Man habe nie gewusst, was in den nächsten Stunden passiere, ob plötzlich die Staatssicherheit vor dem Wohnwagen stehe, erzählte die Rechtsanwältin. Nahe Temeswar, an der Grenze zum damaligen Jugoslawien, entpuppte sich ein angeblicher rumänischer Grenzschleuser als Teil einer Schleuserbande, der es lediglich um materielle Werte ging.

In einem der nächsten Orte hätten Bewohner möglicherweise sogar zur Flucht über die Donau geholfen – allerdings unter der Bedingung, dass sie selbst zurückgeblieben wäre und den Sohn des Dorfältesten geheiratet hätte. Auch die Ideen, vom Schwarzen Meer in einem Schiff als blinde Passagiere oder sich mittels eines Wurfankers unter Wasser an eines der Frachtschiffe auf der Donau zu hängen, scheiterten.

Flugzeug war mit Wartburg-Motor und Holzpropeller ausgestattet

Eine Flucht zu Land oder Wasser sei nicht möglich gewesen. „Aber, wenn Du es einmal angefangen hast, dann ziehst Du es auch durch“, erzählte Ines-Andrea Reinhold von Drüben. Der neue Plan war: Ein zusammenlegbares Flugzeug zu bauen, welches den Zweck erfüllen sollte, sie lediglich über die Grenze zu bringen – mit Wartburg-Motor und handgefertigtem Propeller aus Eschenholz. Als weitere Bauteile dienten die Rückwände des Wohnzimmerschranks. Nahe der Grenze zur Bundesrepublik wurde eine geeignete Startfläche gefunden. Das Zusammenbauen sei x-mal geübt worden und plötzlich sei das Flugzeug dagestanden. Erneut habe sich die Ungewissheit gezeigt: Würde das Fluggerät abheben? Es hob übrigens nicht ab, wegen einer am Boden liegenden Bierflasche, die das Bugrad zerriss. Entdeckt worden sei der Fluchtversuch glücklicherweise nicht.

Die Reinholds gingen auf Provokation. Ein Gesetz, welches den Bau und den Besitz eines Flugzeugs verbietet, gab es auch in der DDR nicht. Also meldeten die Reinholds das zerlegbare Flugzeug zum Patent an, boten einer Fliegerzeitschrift ein Exklusivinterview und fragten beim Verkehrsministerium nach einem Flugplatz für Start- und Steuerversuche an.

Das Flugzeug wurde konfisziert

Damit kam die DDR-Maschinerie in Gang: Das Flugzeug wurde konfisziert, es folgten stundenlange Verhöre, obwohl die Reinholds gegen kein Gesetz verstoßen hatten. Nach ihrer Forderung, entweder zur Rückgabe des Flugzeugs oder auf einen Schadenersatz in Höhe von einer Million DDR-Mark, folgte ein zweijähriger Beschwerdekrieg. Bestechungsversuche der Staatssicherheit, unter anderem, das Flugzeug als Kampfmittel der Volksarmee zum Wohle des Sozialismus weiterzuentwickeln, lehnten die Reinholds ab. „Begleitet von der DDR-Hymne wurden uns feierlich die Pässe abgenommen, die Staatsbürgerschaft aberkannt und wir wurden zwangsausgewiesen.“

Am 7. Oktober 1982 verließ die Familie über die Brücke der Deutschen Einheit bei Rudolphstein die DDR. Die Willkommensgrüße, wie es sie nach dem Mauerfall gegeben habe, seien damals ausgeblieben. Man komme ja aus der DDR, habe es geheißen. Dennoch gelang es im Westen, die Firma wiederaufzubauen. Die Firma Reinhold mit Sitz in Gauting agiert heute bayern- und bundesweit. Neben ihrer Anwaltskanzlei ist Ines-Andrea Reinhold von Drüben unter anderem in der Hanns Seidel Stiftung tätig und engagiert sich im Wertebündnis Bayern: „Freiheit ist die Macht, sich individuell entscheiden zu können. Ich würde es heute wieder machen, diese sieben Jahre habe ich gewonnen.“

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