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Justiz

17.04.2015

Was Emma mit Ecstasy zu tun hat

Um Drogengeschäfte im großen Umfang ging es vor dem Günzburger Amtsgericht.

Ein 21-Jähriger aus dem Landkreis war noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Doch jetzt stand er wegen Dutzender Delikte vor Gericht. Und hatte noch Glück dabei

Weiße T-Shirts spielen eine Rolle, ein Taschenrechner ebenfalls, und Emma ist auch dabei. Das mag rätselhaft klingen. Für den Polizisten, der wegen umfänglicher Drogengeschäfte gegen einen knapp 21-Jährigen aus dem Landkreis ermittelt hat, sind diese Begriffe aber alles andere als ein Rätsel. „Emma ist ein Synonym für Ecstasy“, sagte der Beamte vor Gericht, der „Taschenrechner“ fungiert in der Szene als Bezeichnung für die Waage. Nur die T-Shirts haben nach Einschätzung des Polizisten diesmal nicht recht ins Bild gepasst.

29 Anklagepunkte verlas die Staatsanwältin vor dem Günzburger Jugendschöffengericht, der schwerwiegendste Vorfall stand ganz am Anfang ihrer Liste: Im November 2013 hat der damals 19-Jährige in Leipheim 180 Gramm Marihuana gekauft und davon 70 Gramm weiterverkauft. 90 Gramm Marihuana fand die Polizei drei Tage später bei der Wohnungsdurchsuchung. Von wem er den Stoff gekauft hatte, sagte der junge Mann dem Gericht allerdings nicht. Auch nachdem Richter Walter Henle noch ein bisschen nachgebohrt hatte, wollte er den Namen nicht verraten.

Der Angeklagte blieb dabei: „Namen sag ich leider nicht“ – weder, vom wem er den Stoff hatte, noch, an wen er das Rauschgift weiterverkaufte. Seine Kunden hätten ihn „gestresst“ und zum Drogenverkauf gedrängt. Mit den Deals habe er seinen eigenen Bedarf finanzieren wollen, das seien schon mal fünf Joints am Tag gewesen. „Das bläst einem das Hirn weg!“, sagte Richter Henle dazu. Der Angeklagte, der mit 16 Jahren in den Drogenkonsum eingestiegen war, wohl auch, um den Kummer über die Trennung seiner Eltern zu kompensieren, war anderer Meinung: „Doch. Das geht schon.“ Er sei trotzdem immer pünktlich an seinem Ausbildungsplatz gewesen, habe nicht gefehlt.

Die Lehre hat der Angeklagte inzwischen abgeschlossen. Mit Drogen habe er nichts mehr zu tun, versicherte der bis dato völlig unbescholtene junge Mann vor Gericht, denn: „Wenn man den ganzen Tag verballert ist, das hat ja auch keinen Sinn.“ Mit den Leuten aus der Drogenszene habe er so gut wie nichts mehr zu tun.

Mehr als ein Dutzend Vorwürfe wegen Kauf, Besitz und Handel von Marihuana in kleineren Mengen stellte das Gericht ein. Das sind die Fälle, die der Angeklagte vor Gericht bestritten hatte, und die ihm auch nicht nachgewiesen werden konnten. Auch diesen Verkäufen von Kleinmengen seien immer Chats vorausgegangen, sagte Henle. Egal, ob es sich um Vorwürfe handelt, die der Angeklagte einräumte, oder um solche, die er abstritt, immer sei das gleiche Vokabular aus der Szenesprache benutzt worden.

Allein schon die Rauschgiftgeschäfte, die der Angeklagte vor Gericht gestanden hat, darunter auch der Kauf von Ecstasy, würden nach dem Erwachsenenstrafrecht für eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr reichen, machte das Gericht dem knapp 21-Jährigen deutlich. Dennoch waren Henle und die beiden Schöffen in der Hauptverhandlung „hin- und hergerissen“ (Henle), auch Verteidiger Walter Deistler sprach von einem „ungewöhnlichen Fall“: Erst war der junge Mann nie im Konflikt mit dem Gesetz, „und dann fällt er gleich massiv auf.“

Das Schöffengericht gab dem Angeklagten eine Chance und nutzte eine spezielle Möglichkeit des Jugendrechts. Zwar stellte Henle die Schuld des jungen Manns fest, er stellte aber die Entscheidung zurück, ob tatsächlich eine Jugendstrafe verhängt werden muss. In den nächsten zwei Jahren kann der knapp 21-Jährige sich bewähren. Er darf sich nichts zuschulden kommen lassen, muss 2000 Euro an die Drogenhilfe zahlen und drei Beratungsgespräche absolvieren. „Wenn Sie jetzt rausgehen, sag ich Ade und nicht Auf Wiedersehen“, sagte Henle nach dem Urteilsspruch – und das war keine Szenesprache, sondern wirklich so gemeint.

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