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Fußball

04.07.2020

Was Fußball-Fans im Landkreis Günzburg von Geisterspielen halten

Die Grünwalder Straße nach Ichenhausen geholt: Thomas David, Chef der Blue Lions Krumbach, bezeichnet sich selbst als „Allesfahrer“. Auch auswärts sind er und seine Nächsten meistens dabei, wenn die Löwen antreten.
Bild: Bernhard Weizenegger

Plus Wie Fanklub-Vorsitzende im Landkreis Günzburg die Zeit der corona-bedingten Beschränkungen erleben. Eine Hoffnung eint den Zwölften Mann über alle Rivalitäten hinweg.

Die unbekümmerte Fröhlichkeit ist verloren gegangen. Und das hat ausnahmsweise nichts oder höchstens am Rande mit sportlichen Resultaten zu tun. Deshalb kann auch niemand vorhersagen, ob sie jemals wiederkehren wird. Denn Fußball-Fans erleben die Corona-Pandemie auf spezielle Art. Für viele sind die Auswirkungen der Krise, die momentan im scheinbar unbeschwert daherkommenden Wort Geisterspiel kulminieren, fast eine persönliche Beleidigung. Die Phase der erzwungenen Indirekt-Teilnahme am Geschehen peinigt die Fans. Und sie alle leiden fürchterlich. Obwohl sie, objektiv betrachtet, kerngesund sind. Und obwohl sie im Innern alle wissen, dass der unaufhaltsam um die Welt ziehende Virus wesentlich ärgere Nöte hervorruft als Kummer über entgangene Stadion-Erlebnisse. Den Schmerz der Fans muss nicht jeder verstehen, er ist eine Frage der Haltung. Ein Paradebeispiel liefert Thomas David, Vorsitzender des 1860-Fanclubs Blue Lions Krumbach.

So lange er denken kann, trägt David die Überzeugung „Wo die Mannschaft hinfährt, fahren wir hinterher – für mich gehört sich das einfach“ mit sich herum. Und er lebt auch danach. Von Ausnahmen abgesehen, fiebert der Ichenhauser immer im Stadion mit, wenn sein Lieblingsverein auf dem Rasen steht.

Wie ein Hammerschlag ist die Zäsur da

Und plötzlich, wie ein Hammerschlag, ist die Zäsur da. Nächste Station Grünwalder Straße? Von wegen. Ausgangsbeschränkungen und Veranstaltungsverbote ratterten im März wie ein Bulldozer über die zart knospenden Aufstiegsträume der Löwen. Was hier an Atmosphäre zerstört wurde, war mit dem aus finanzieller Not geborenen und zaghaft entzündeten Geisterspiel-Lichtlein im späten Frühling nicht mehr zu retten. David fasst das in die Worte: „Geisterspiele sind nach gesundem Menschenverstand verständlich, als Fußball-Fan ist die Corona-Zeit aber einfach scheiße. Mir fehlen das Stadion, die Leute, die bekannten Gesichter, die Atmosphäre.“

Mit Löwen-Blues haben diese Worte nichts zu tun; wirklich alle Fußball-Fans fühlen sich derzeit schlecht. Werner Motzet, Chef des FCA-Fanklubs Moosdeifl, sagt über Geisterspiele: „Dem Fußball wird seine Seele genommen.“ Die Notwendigkeit, die Bundesliga-Saison sportlich zu beenden, erkennt er an und der erneute Klassenerhalt seiner Augsburger stimmt ihn natürlich positiv. Aber glücklich war Motzet in all den Wochen nicht. „ Fernsehen ist ein minimaler Ersatz für Stadion-Atmosphäre und nur in Fanklub-Stärke einigermaßen auszuhalten“, sagt er über jene Begegnungen, die er gemeinsam mit anderen Moosdeifl-Mitgliedern verfolgt hat – „immer im erlaubten Rahmen“, wie er angesichts wechselnder Ge- und Verbote betont.

Kein Profi-Besuch beim FCA-Fanclub in Jettingen

Besonders bitter aus Sicht der FCA-Fans wirkte sich aus, dass ihnen für Anfang April der Besuch eines Profis in Jettingen zugesagt war. Dieses Treffen ging corona-mäßig ebenso in die Binsen wie die geplante Fahrt zum Spiel in Mainz.

Und das war noch lange nicht alles, glaubt Motzet. Für Zuschauer, die ihren Stammplatz im Stehplatz-Bereich der Stadien haben, sieht er in Sachen Zutrittsbeschränkungen sogar auf längere Sicht schwarz. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass das globale Unternehmen Profifußball die nächste Spielzeit zur Not auch unter Geisterspiel-Bedingungen starten und sich die irgendwann anstehende Öffnung der Fußballstadien in kleinen Schritten vollziehen wird. Für das Stadion in Augsburg mit seinen etwas mehr als 30000 Plätzen prophezeit er in einem ersten Schritt um die 5000 Zuschauer.

Eine derart gestaltete Lockerungspolitik sieht auch Werner Anderhofstadt kommen. Für den Start nach der Corona-Krise glaubt der Vorsitzende des Bayern-Fanklubs Gute Freunde Leipheim/Bibertal an 10000 oder, wenn’s gut geht, 20000 Besucher in der Arena im Münchner Norden.

Der Bayern-Fan und das Kartenproblem

Wobei sich das Thema Stadionbesuch aus der Perspektive eines Bayern-Fans schon in normalen Zeiten völlig anders gestaltet als für Anhänger der meisten anderen Vereine. Es ist kein Geheimnis, dass aufgrund der unglaublichen Zahl an Interessenten aus aller Welt selbst langjährige Unterstützer bei Weitem nicht für jedes Wunsch-Heimspiel eine Eintrittskarte erhalten. Mit dem Zuschlag für fünf Partien pro Spielzeit gelten die Gute Freunde-Mitglieder bereits als Stammfahrer.

Vielleicht auch deshalb sieht Anderhofstadt für eine erste Phase mit noch wenigen Zuschauern keinen Karten-Neid unter den Fans aufkommen. Ganz anders beantwortet der Blue Lions-Chef diese Frage. „Ich finde, 2000 oder 3000 Besucher im Stadion bringen nichts. Da gibt’s nur Streit unter den Fans, wer jetzt rein darf und wer nicht“, sagt David. So lange die Realität gar Geisterspiele verheißt, erwartet sich der Ichenhauser etwas anderes von den Entscheidungsträgern: „Diese Spiele sollten im frei empfangbaren Fernsehen kommen. Fußball ist doch für uns Fans gemacht. Da müssten die Verantwortlichen mal anfangen zu überlegen.“

Die Leidenschaft der Dynamo-Fans

Eine ganz besondere Leidenschaft verbindet seit jeher die Fans von Dynamo Dresden mit ihrem Verein. Mehr als 500 Kilometer einfache Strecke trennen die im Landkreis Günzburg lebenden Mitglieder des Fanklubs Kultras von jedem Heimspiel-Besuch und trotzdem können Präsident Torsten Jocksch und seine Freunde gar nicht anders, als sich immer wieder ostwärts aufzumachen. In Jocksch steckt das einfach drin, er ist „mit Herz und Seele Dresdner“, wie er bekennt.

Dresden auf den Fahnen und in den Herzen: Der Kultras-Vorsitzende Torsten Jocksch (hinten links) wohnt in Jettingen-Ried. Er freut sich mit seiner Familie und weiteren Dynamo-Fans aus der Region schon auf die Zeit nach Corona.
Bild: Bernhard Weizenegger

Im Moment ist der sonst so mitreißend Gutgelaunte vor allem traurig. Er macht das Modell Geisterspiele mitverantwortlich für den Abstieg der Sachsen aus der Zweiten Liga. „Diese Spiele sind völliger Quatsch. Man hätte wie in anderen Ländern die Saison abbrechen können. Aber sie wurde auf Teufel komm raus durchgeknüppelt“, sagt Jocksch in seinem persönlichen Saisonfazit. Das beinhaltet freilich auch die Erkenntnis: „Wir hatten es bereits im Sommer 2019 verpasst, die richtigen Spieler zu verpflichten. Im Winter war es dann fast zu spät.“

Aber Jocksch zählt zu jenen Fans, die den Treueschwur „Liebe kennt keine Liga“ leben. Langsam, aber sicher entwickelt er Optimismus für die Zeit nach Corona. „Irgendwann wird auch für uns wieder die Sonne scheinen. Wir stehen immer wieder auf“, betont er – und hofft wie alle Fußball-Fans, dass er bald wieder ins Stadion darf, um ein Farbtupfer zu sein im weltumspannenden Panorama namens Zwölfter Mann.

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