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Landkreis Günzburg

27.07.2020

Was heimische Politiker zum Tod von Hans Jochen Vogel sagen

Als Oberbürgermeister-Kandidat in Günzburg besuchte Rudolf Köppler im Januar 1970 das Münchner Stadtoberhaupt Hans Jochen Vogel. Der versprach, Köppler im Wahlkampf zu unterstützen – und hielt Wort.
Bild: H. Angermaier

Plus Politiker im Kreis Günzburg verneigen sich voller Respekt vor dem SPD-Politiker, der am 26. Juli gestorben ist. Dabei hatten manche einen schwierigen Start mit ihm.

Er zählte zu den wichtigsten Sozialdemokraten des vergangenen Jahrhunderts, galt jahrzehntelang als moralische Instanz der SPD. Hans Jochen Vogel starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren in München. Vorneweg seine Partei, die bayerische Landeshauptstadt München und die Bundesrepublik Deutschland haben dem Politiker viel zu verdanken. Spuren hinterließ der Vollblut-Politiker mit dem großen Herz für die kleinen Leute auch im Landkreis Günzburg.

Für Rudolf Köppler war Vogel ein Idol

Vogel genoss schon früh in seiner Politiker-Laufbahn einen guten Ruf als Mann für scheinbar aussichtslose Situationen. Kein Wunder, dass sich Rudolf Köppler Anfang März 1970 viel vom Auftritt des damaligen Münchner Oberbürgermeisters in Günzburg versprach. Immerhin wollte Köppler Stadtoberhaupt in Günzburg werden – ein in bayerischem Rahmen beinahe unerreichbares Ziel für den „Berliner von der SPD, der in Mischehe mit einer evangelischen Frau verheiratet“ war, wie er sich selbst augenzwinkernd erinnert. Vogels Rede in der Jahn-Turnhalle sollte zum Höhepunkt von Köpplers Wahlkampf werden. Der gewann anschließend mit deutlichem Vorsprung auf seinen Mitbewerber und sagt heute mit anerkennendem Unterton: „Mein Idol Vogel hat damals die Günzburger Wähler mit seinem Stil und seinem unnachahmlichen Humor begeistert. Er hat mir viele Sympathien eingefahren und wesentlich zu meinem Erfolg bei der Oberbürgermeister-Wahl beigetragen.“ Köppler, der bis 2002 Günzburgs Oberbürgermeister blieb, spricht heute noch von dieser Wahl als „entscheidende Wende in meiner Vita“.

In Günzburg trat Hans Jochen Vogel mehrere Male auf. Als Parteivorsitzender der SPD sprach er im Landtags-Wahlkampf 1990 auf dem Schlossplatz.
Bild: Archiv Günzburger Zeitung

Es gab weitere Begegnungen der beiden Politiker. Kurz nach der Kommunalwahl 1970 lud Vogel alle fünf erstmals gewählten SPD-Oberbürgermeister aus Bayern ins Restaurant des zwei Jahre zuvor eröffneten Fernsehturms ein. Köppler erinnert sich an den faszinierenden Ausblick über die Großbaustelle Olympiazentrum und daran, dass Vogel die fünf Stadtoberhäupter gegenüber Medienvertretern als „unsere junge Garde“ vorstellte.

Theo Waigel: "Waren Partner und später Freunde"

Der frühere Bundesfinanzminister und CSU-Vorsitzende Theo Waigel erinnert sich an eine gemeinsame Wegstrecke in drei Etappen. „Wir waren politische Gegner, dann aber auch Partner und später Freunde“, sagt er über den Verstorbenen. Waigel erinnert sich an einen Auftritt Vogels im Krumbacher Stadtsaal, vermutlich im Jahr 1973. Damals war Vogel SPD-Kandidat für das Ministerpräsidentenamt (er unterlag bei der Wahl klar Alfons Goppel, CSU). „Aber er war damals wohl der einzige SPD-Politiker in Bayern, der große Säle füllen konnte.“ Als Vogel 1983 Kanzlerkandidat der SPD wurde, war Waigel als Vorsitzender der CSU-Landesgruppe ebenfalls bereits in einer bedeutenden politischen Position. „Wir haben uns in den Reden nicht geschont. Auch ich war nicht zimperlich. Manches würde ich heute wohl zurückhaltender formulieren“, sagt Waigel.

1989/90, während der dramatischen Monate auf dem Weg zur deutschen Einheit, habe man dann in eine bemerkenswerte Partnerschaft hineingefunden. Für den (von Waigel ausgehandelten) Vertrag zur Währungsunion der beiden deutschen Staaten und für den Einigungsvertrag waren politische Zwei-Drittel-Mehrheiten erforderlich. Die regierende Koalition aus Union und FDP brauchte die Zustimmung der Sozialdemokraten. Deren Fraktionsvorsitzender Vogel sei sich an diesem geschichtlichen Wendepunkt der Verantwortung für Deutschland bewusst gewesen.

In den Jahren danach sei das Verhältnis zu Vogel zunehmend freundschaftlich geworden. Im NS-Dokumentationszentrum in München habe man hervorragend zusammengearbeitet. Mehrfach hat Waigel Vogel privat besucht. „Es ist schön, dass wir schließlich ein so gutes Verhältnis hatten“, sagt Waigel abschließend.

Starke Worte, große Gesten: Hans Jochen Vogel galt als begnadeter Redner. Das unterstrich er auch bei einem Besuch in Günzburg am 27. November 1990. Zu seiner Rechten am Tisch sitzt Werner Gloning.
Bild: Archiv Günzburger Zeitung

Die Erinnerung an einen schwierigen Start mit Hans Jochen Vogel teilt der heimische Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Werner Gloning. Anfang der 70er-Jahre focht er als stellvertretender Landesvorsitzender der Jusos und eindeutiger Vertreter des linken Parteiflügels gar einige Sträuße mit dem Spitzenpolitiker aus. Viele junge Sozialdemokraten empfanden Vogel damals als streng und humorlos – ein Eindruck, den Gloning nach seinen wenigen persönlichen Begegnungen nicht teilt. Heute sagt er: „In der Kommunikation wurden viele Fehler gemacht.“

"Vogel war seiner Zeit voraus", sagt Werner Gloning

Einfach sei Vogel freilich wirklich nicht gewesen, betont Gloning. Im Rückspiegel betrachtet stelle sich allerdings häufig genug heraus, dass Vogel seiner Zeit in vielen Bereichen einfach voraus war, schildert Gloning anerkennend. In Sachen Förderung des öffentlichen Nahverkehrs habe er beispielsweise einmal gesagt: „Es kann nicht sein, dass ein Flugzeug von München nach London weniger Zeit braucht als eine Straßenbahn vom Stachus zum Hasenbergl.“

Insgesamt war Vogel in Glonings Erinnerung ein enorm pflichtbewusster Politiker, der sich stets dort hinstellte, wo niemand sonst hinging. Anders formuliert: „Vogel war im positivsten Sinn des Wortes ein Parteisoldat, also jemand, der bereit ist, der Sache zu dienen.“

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