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Landkreis Günzburg

13.11.2018

Wenn die Dörfer ausbluten

Vor einem Jahr wurden einige Gebäude in Ortskern von Bachhagel abgerissen, darunter eine alte Bäckerei und ein ehemaliges Gasthaus. Jahrelang hatte sich niemand gefunden, der in die alten Häuser investieren wollte. Dort entstehen nun ein neuer Dorfplatz und ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage. Ziel der Maßnahmen ist es, die Ortsmitte zu beleben.
Bild: Andreas Schopf

Ein Team von Donautal-Aktiv konzentriert sich auf das Leben und Wohnen auf dem Land. Ein Vortrag in Burgau ist ebenfalls diesem Thema gewidmet.

Stehen die Ställe inzwischen leer? Sind die Kinderzimmer verwaist? Oder suchen Sie dringend eine kleine Wohnung, damit Sie endlich von zuhause ausziehen können? „Wir haben viel Wohnraum, aber er passt nicht zu unseren Bedürfnissen“, fasst Lothar Kempfle das Problem zusammen. Statistisch gesehen gibt es in den Landkreisen Dillingen und Günzburg sehr viel Wohnraum, weiß der Geschäftsführer von Donautal-Aktiv. Doch immer öfter leben dort einsame Menschen, die ihren Partner verloren haben, die Kinder leben woanders. Jungen Menschen, die in ihrem Heimatort bleiben wollen, finden nichts Passendes. Sie ziehen in die nächste Stadt oder bauen ihr Eigenheim auf die grüne Wiese, schildert Kempfle das Szenario.

Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden von der Bevölkerung wahrgenommen. „In Bürgerworkshops haben wir festgestellt, dass die Situation verzweifelt ist – und es gibt keinen guten Handlungsansatz. Deswegen wollen wir das Thema zum Thema machen.“ Mehr könne der Verein mit Sitz in Bächingen nicht tun.

Lothar Kempfle will Dorfgemeinschaften gewinnen

Auch die Bürgermeister im ländlichen Raum seien bereits ausgelastet. Deswegen sucht Kempfle einen anderen Ansatz: Er will interessierte Dorfgemeinschaften gewinnen, die das Problem erkennen und gemeinsam lernen wollen, wie ihr Dorf zukunftsfähig wird. Oft fehle es gar nicht am Geld, sondern an Knowhow und Handlungsbedarf.

Modellkommunen könnten sich im Rahmen eines Leader-Projektes mit Ideen wie seniorengerechtem Wohnen beschäftigen. Es müsse auf jeden Fall etwas passieren, sagt Kempfle, denn: „Der eine ist mit seinem Haus überfordert, der andere findet keinen Wohnraum und geht, die Dörfer bluten aus, der Kindergarten rechnet sich nicht mehr, die Bushaltestelle wird nicht mehr angefahren…“

Interessierte sollen unterstützt werden

Donautal-Aktiv will Interessierte unterstützen, zum Beispiel im Rahmen von Arbeitskreisen, mit der Erstellung von Leerstandskatastern als Datenbasis, mit Maßnahmen zur Sensibilisierung der Kommunen und ihrer Einwohner und durch Koordinierung eines Entwicklungsnetzwerkes, schlägt Kempfles Kollegin Andrea Zangl vor. Würden 20 von 60 Kommunen etwas bewegen, könnten andere nachziehen und hätten es leichter. Wenn man etwas ändert, leiste man etwas für das Dorf: Neue, altersgerechten Wohnformen für ältere und jüngere Menschen, verbunden mit Mobilitätsergänzungen und Barriereabbau sowie die Investition in kulturelle Bildung stärken die Verwurzelung, halten die Menschen auf dem Land oder motivieren sie dazu, sich später dort wieder anzusiedeln, sagt Zangl.

Kempfle weiß, dass das in der Schweiz bereits klappt. Deswegen will sich das Team Regionalentwicklung von Donautal-Aktiv bis 2022 auf das Thema „Leben und Wohnen auf dem Land“ konzentrieren. Ziel müsse es sein, dass die wichtigsten Funktionen öffentlicher Daseinsvorsorge gewährleistet sind und das Dorf als attraktiver Wohn- und Lebensort erhalten wird.

Eine gesunde Dorfstruktur ist die Zukunft

Maßnahmen wie Image-Kampagnen, Ortskernbelebungen oder erste Startprojekte mit Hauseigentümern, die Beratungsgutscheine bekommen, sollen dazu beitragen. Eine gesunde Dorfstruktur und eine gute Dorfgemeinschaft sorgen für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer Dörfer, sind Zangl und Kempfle überzeugt.

Am Donnerstag, 15. November, wird Sabine Müller-Herbers über das Thema „Aktive Innenentwicklung – eine Chance für zukunftsfähige und lebendige Dörfer“ sprechen. Ihr Vortrag beginnt um 16 Uhr in der Kapuzinerhalle in Burgau. Die Referentin, tätig bei der Baader-Konzept GmbH, wird erläutern, was Innenentwicklung bedeutet, welche Zielgruppen miteinbezogen werden und Handlungsansätze aufzeigen. Im Anschluss ist Zeit für Diskussion.

Auch die Jugend ist gefragt

Donautal-Aktiv will in einem weiteren Schritt die Teilhabe Jugendlicher an der Kommunal- und Regionalentwicklung stärken. Zusammen mit den Kreisjugendringen der beiden Landkreise, dem Bayerischen Kreisjugendringen und kommunalen Akteuren sollen moderierte Zukunftswerkstätten wissenschaftlich begleitet werden. Der Verein hat im Rahmen eines P-Seminars am Dillinger Sailer-Gymnasium eine interessante Entwicklung festgestellt. 15 Schüler haben sich mit dem Thema Heimat beschäftigt. Unter dem Motto „Warum lebe ich gerne hier“ oder „Warum lebe ich nicht gerne hier“ verteilten sie Fragebögen und sammelten erste Erkenntnisse, was junge Menschen in der Region vermissen. „Mobilität fehlt, aber sozialer Zusammenhalt bindet“, sei ein Fazit laut Kempfle gewesen.

Was ihn aber am meisten überraschte: Anfangs hätten wenige der Schüler eine Bleibeperspektive geäußert, doch am Ende kippte das: Weil sich die Jugendlichen mit ihrer Heimat beschäftigten, sahen sie selbst, was die ihnen gebracht hat. Das Thema habe etwas bewirkt. „Also muss es uns gelingen, an die Jugendlichen heranzukommen, sie ernst zu nehmen, dann bewirken wir was“, hofft Kempfle. Wichtiger als Standortfaktoren sei die Verwurzelung im Heimatdorf. Sei einem das wichtig, treibe man die Entwicklung selbst mit an.

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