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Günzburg

13.10.2016

Wenn die Klinik nach Hause kommt

Die Visite beginnt an der Türklingel: Seit zehn Jahren behandelt das Team des Home Treatment Günzburg psychisch kranke Menschen zuhause.
Bild: Foto: Federico Gambarini/dpa

Seit zehn Jahren gibt es beim Günzburger Bezirkskrankenhaus eine Alternative zum stationären Aufenthalt. Und ein Angebot, das sich speziell an Gesunde richtet

Die Visite beginnt an der Haustüre – und manchmal findet sie gleich ganz dort statt. Ein Team des Bezirkskrankenhauses Günzburg bringt seit zehn Jahren die Behandlung direkt zu den Patienten nach Hause. Home Treatment heißt der Bereich, mit dem das BKH in Süddeutschland eine Vorreiterrolle übernommen hat. Das Ziel: Menschen, die an schweren psychischen Erkrankungen leiden, einen Klinikaufenthalt zu ersparen.

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Grundvoraussetzung dafür ist: Die Patienten müssen damit einverstanden sein, dass die Teams, die immer entweder aus zwei Pflegekräften, einem Arzt und einer Pflegekraft oder einer Pflegekraft und einer Sozialpädagogin bestehen, zu ihnen in die Wohnung kommen. Teammitglied Iris Zimmermann gibt zu: „Manchmal haben wir auch die ersten Termine auf der Treppe vor dem Haus verbracht. Aber es wird besser.“ 30 Patienten sind es mittlerweile, die gleichzeitig behandelt werden, im Umkreis von gut 30 Kilometern um Günzburg und auch darüber hinaus. Menschen in den Landkreisen Günzburg, Neu-Ulm, Dillingen, Augsburg, teilweise auch in den baden-württembergischen Kreisen Heidenheim, Ulm und Alb-Donau-Kreis stehen auf der Besuchsliste. Seit 2013 gibt es das Home Treatment auch in Donauwörth, wo die bisherige Günzburger Zweigstelle mittlerweile eigenständiges Bezirkskrankenhaus geworden ist. Laut Dr. Karel Frasch werden hier sechs bis acht Patienten zeitgleich betreut, das Donauwörther Team fährt dazu bis zu 41 Kilometer weit. Die meisten Patienten, die das Home Treatment nutzen, sind Frauen, mehr als die Hälfte von ihnen hat mehrfache Diagnosen psychischer Erkrankungen.

Hannes Müller, Pflegerischer Leiter in Günzburg, schätzt, dass in den vergangenen zehn Jahren etwa 1100 Patienten so betreut wurden. Die Teams fahren mit neutralen Autos bei den Wohnungen vor, um dort zu behandeln wie in der Klinik auch: mit Medikamenten, mit psychotherapeutischen Gesprächen, Ergo- und Bewegungstherapie, Akupunktur und Lichttherapie und Gedächtnistraining. Dreimal pro Woche kommt der Besuch aus der Klinik, einmal ist immer ein Arzt mit dabei. Und nicht nur die Erkrankten werden betreut, sondern auch die Angehörigen: Paar- und Familiengespräche gehören ebenfalls zum Aufgabengebiet.

Wenn die Klinik nach Hause kommt

Das Gesundheitssystem kümmert sichnur um die Kranken

Um die Familien psychisch Erkrankter kümmert sich ebenfalls seit zehn Jahren ein weiteres Angebot des Bezirkskrankenhauses: „Fips“ unterstützt vor allem Kinder erkrankter Eltern. Doch genauso wie beim Home Treatment steckt darin ein Finanzierungsproblem, sagt Thomas Düll, der Vorstandsvorsitzende der Bezirkskliniken Schwaben. „Die Kinder psychisch kranker Eltern sind gesund – und unser Gesundheitssystem kümmert sich nur um die Kranken.“ Zumindest beim Home Treatment hofft man im Bezirkskrankenhaus Günzburg ab dem kommenden Jahr auf eine geregelte Finanzierung, wenn die gesetzliche Grundlage neu gelegt wird. Doch auch wenn Fips nicht unter die Gesetzesvorlage fällt, will man in Günzburg daran fest halten. Düll: „Wir wollen das in jedem Fall beides weiter führen.“

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