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23.05.2018

Wer Krumbachs Webereitradition begründet hat

Das Geburtshaus von Moses Samuel Landauer in der Hürbener Straße. Im Keller des linken Gebäudes standen seine beiden ersten Webstühle.
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Das Geburtshaus von Moses Samuel Landauer in der Hürbener Straße. Im Keller des linken Gebäudes standen seine beiden ersten Webstühle.
Bild: Sammlung Auer

Moses Samuel Landauer war nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, er setzte sich auch für arme Kinder ein.

Im Rahmen unserer Serie „Wirtschaft schreibt Geschichte“ stellen wir Persönlichkeiten vor, die das heimische Wirtschaftsleben auf eine bahnbrechende Weise prägten. Heute ist es Moses Samuel Landauer aus Krumbach. Er begründete Krumbachs Webereitradition.

Er schrieb ein Stück Wirtschaftsgeschichte, zuerst für Hürben und nach der Vereinigung im Jahre 1902 für ganz Krumbach: Moses Samuel Landauer, ein am 12. April 1808 geborener Jude, der sich 1833 in seinem Elternhaus in der heutigen Hürbener Straße 9a selbstständig machte und dort im Keller zwei Webstühle aufstellte. Dabei sollte es nicht bleiben: 25 Jahre später baute er nördlich des Markts an der Kammel eine Fabrik, die es noch immer gibt, wenngleich heute unter anderen Besitzern und Namen, nämlich UTT Technische Textilien GmbH. Landauer begründete also die lange Krumbacher Webereitradition.

Dabei wollte er nie ein „großer Geschäftsmann“ oder gar „Wirtschaftstitan“ sein. Moses Samuel Landauer war kein Mann großer Worte, vielmehr ein Mann der Tat im sozialen Bereich, der den Begriff Bescheidenheit im wahrsten Sinne des Wortes lebte. Hinzu kamen Schlichtheit, Energie und Frömmigkeit, wie sein Enkel Otto in der Familienchronik schreibt, von der sich ein Exemplar im Besitz des Krumbacher Heimathistorikers Herbert Auer befindet. Danach hatte M. S. Landauer eine Fülle von Ehrenämtern inne, war 30 Jahre Gemeindebevollmächtigter und sogar vier Jahrzehnte lang Vorbeter in der Hürbener Synagoge.

Seine soziale Einstellung zeigte sich in einer Vielzahl privater Stipendien für verarmte Kinder. Bemerkenswert ist ebenso die Gründung eines Industrievereins, der die Kosten für Buben übernahm, die an ihre Ausbildungsmeister noch Lehrgeld zahlen mussten. Wie lange und hoch die Schenkungen und Darlehen an den gleichfalls von ihm gegründeten „Brautausstattungsverein für minderbemittelte Mädchen“ flossen, wird in der Chronik leider nicht erwähnt. Dass er in seinem Testament festlegt, 50000 Mark müssen ausschließlich für soziale Zwecke bestimmt sein, soll nur am Rande vermerkt sein. Gerechtfertigt sind also die Worte am Ende des Vorworts dieses geschichtlichen Familienrückblicks: „Ein guter, zielbewusster und gerader Mensch hat unter zum Teil nicht leichten Verhältnissen ein Werk geschaffen, das sein Leben weit überdauert.“

Landauer Stammbaum reicht weit zurück

Wie aus der Chronik weiter hervorgeht, reichen die Vorfahren von M. S. Landauer in Hürben bis ins Jahr 1733 zurück. Sein Vater Samuel ist 1763 in Hürben geboren und wird in historischen Akten als Krämer, Huckler, Hausierer und Handelsmann bezeichnet. 1791 heiratete er Rebeka Levi aus Augsburg. Als sechstes Kind 1808 geboren, besuchte M.S. Landauer die Werktags- und Elementarschule, absolvierte drei Lehrjahre als Weber und ging anschließend sechs Jahre auf Wanderschaft, legte 1833 die Meisterprüfung ab und machte sich noch im gleichen Jahr in seinem Elternhaus selbstständig, wo er zwei Webstühle aufstellte. Schon bald vergab er Lohnaufträge an andere Hürbener Weber, heiratete 1835 die in Hürben geborene Klara Guggenheimer und baute sich in der damaligen Badstraße (heute Augsburger Straße) ein neues Haus, in dessen Keller zwölf Webstühle arbeiteten. Seine ersten Planungen, eine mechanische Weberei zu bauen, gehen bis auf das Jahr 1854 zurück. Nach langen und zähen Verhandlungen fanden seine Pläne im Mai 1857 mit dem Baubeginn an der Kammel und der Inbetriebnahme von 32 mechanischen Webstühlen ein Jahr später ihr glückliches Ende.

Zur gleichen Zeit wurde Landauer jedoch von einem schweren Schicksalsschlag getroffen. Am 2. September 1858 starb seine Frau Klara im Alter von 41 Jahren an den Folgen einer Erkältung. Sie hatte ihm sechs Söhne und neun Töchter geschenkt, wenngleich sieben von ihnen den damals häufigen Kinderkrankheiten zum Opfer fielen. Ein weiterer harter Schlag folgte: Am 23. Februar 1862 wurde die Weberei ein Raub der Flammen, was eine einjährige Betriebsunterbrechung verursachte. Über die „feierliche Einweihung“ des Neubaus im Mai 1863 gibt es einen Rechnungsposten, der drei Flaschen Champagner beinhaltet. Typisch Landauer also, der weitaus mehr Wert auf eine moderne Fabrikanlage legte, die inzwischen 200 Webstühle umfasste.

Man schrieb das Jahr 1864, als Landauer die kaufmännische Verwaltung nach Augsburg verlegte. Der Grund: Die wirtschaftlichen Erschwernisse durch die kriegerische Auseinandersetzung zwischen Österreich und Preußen machte deutlich, dass Hürben zwar als Produktionsstätte, nicht aber als Verkaufsmittelpunkt beibehalten werden sollte. 1874 zog sich der Firmengründer nach 41 Jahren rastloser, jedoch erfolgreicher Arbeit ins Privatleben zurück und übergab die Betriebsleitung seinen vier Söhnen. Er starb im Juni 1893 und wurde neben seiner Frau auf dem israelitischen Friedhof in Hürben begraben.

Im Jahre 1906 fiel die Hürbener Weberei einer Brandstiftung zum Opfer. Die Entschädigung aus der Brandversicherung wurden für das Augsburger Werk verwendet und die Firma an der Kammel samt Grundbesitz an die Ulmer Firma Ulrich Steiger & Söhne verkauft.

Damit endeten die Beziehungen der Landauers zu ihrer Ahnenheimat Hürben. In Augsburg entwickelte sich das Unternehmen unter den vier Brüdern Heinrich, Samuel, Siegmund und Joseph äußerst positiv und gehörte schon zu Kriegsbeginn 1914 zu den großen Augsburger Textilfirmen.

Der Krieg (1914 bis 1918) selbst und die folgenden Inflationsjahre bereiteten dem Unternehmen wie auch der gesamten deutschen Wirtschaft große Sorgen. Noch schlimmer wurde die Situation im 100. Jahr des Firmenbestehens, also 1933. Zitat aus der Landauer‘schen Chronik: „Es ist das Jahr großer innenpolitischer Umwälzungen und ein schweres, sorgenvolles Jahr für jüdische Deutsche, die ihre vaterländische und deutsche Pflicht zeitlebens getan und in vielen Generationen der Wirtschaft gute und ehrliche Dienste geleistet haben.“

Das Ende der vier Generationen Landauer und damit der Weberei in Kürze: Vom 28. Januar 1938 gibt es eine notarielle Urkunde, die ihren Verkauf an ein Heidenheimer Unternehmen bescheinigt, allerdings „unter dem schweren Druck der Verhältnisse und weit unter Wert“. Die nach dem Krieg von der amerikanischen Militärregierung festgesetzte Entschädigung für die den „Inhabern als Juden zugefügten schweren materiellen Unrechte“ war wohl nur ein bescheidener Ersatz. Die Weberei in Augsburg-Oberhausen wurde kurz vor Kriegsende durch englische Bombenangriffe zerstört.

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