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Landkreis Günzburg

22.05.2019

Wie Firmen aus der Region von der EU profitieren

BWF Werk Offingen
2 Bilder
Firmensitz der BWF Group in Offingen.
Bild: Bwf Offingen

Die Unternehmen Kögel aus Burtenbach und BWF aus Offingen schätzen die Verflechtungen in den europäischen Wirtschaftsraum. Was der drohende Brexit bedeutet.

Für Thomas Heckel, Geschäftsführer der Kögel Trailer GmbH, ist die Europawahl am 26. Mai wichtig. Früher sei das ein politisches Ereignis „zweiter oder sogar dritter Klasse“ gewesen. Und „heute so bedeutsam wie noch nie“. Das hat auch mit seiner Tätigkeit an führender Stelle für ein Unternehmen zu tun, das den europäischen Markt braucht, um weiter wachsen zu können. Seit rund 80 Jahren entwickelt Kögel Trailer für die Speditions- und Baubranche – vom Kühlanhänger bis zum Mulden-Kipper. Heckel sieht vor der Wahl „Chancen und Risiken nicht nur für jeden einzelnen Europäer, sondern auch für die Unternehmen. Die große Frage ist: Wie wird sich der Wandel des Parteiensystems in den EU-Staaten im Europaparlament niederschlagen und in welchem Maße verlieren europafreundliche Parteien die Unterstützung der Wählerinnen und Wähler, während europakritische und -feindliche Gruppierung dazugewinnen?“

Thomas Heckel, Geschäftsführer Kögel Trailer GmbH.
Der Brexit erschwert die Exporte

Eine kleine Vorahnung, was das für Unternehmen bedeuten könne, zeichne sich beim Brexit ab. „Denn wir müssen damit rechnen, dass Großbritannien ab Ende Oktober wie ein Drittstaat mit allen entsprechenden Zollformalitäten behandelt werden muss. Das bedeutet nicht nur, dass sich dadurch Exporte erschweren und dass deutsche Lkw-Fahrer künftig ein Visum benötigen, sondern auch lange Staus und Standzeiten und ein damit verbundener Zeitverlust.“

Das Burtenbacher Stammwerk ist nach eigenen Angaben für diesen Fall ebenso gewappnet wie „unsere Kunden. Der Handel sowie der Verkehr mit Großbritannien wird weiterhin zuverlässig aufrechterhalten, denn eine hohe Zollexpertise ist grundsätzlich in unserer Branche vorhanden und Drittländer gehören zum Alltagsgeschäft“, sagt Heckel.

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Das sei zunächst einmal mit Mehraufwand verbunden. Der Geschäftsführer sieht jedoch auch eine Chance. Denn der „Bedarf an Aufliegern für den grenzüberschreitenden Verkehr wird steigen, da unsere Kunden den Zu-, Vor- und Nachlauf komplett neu organisieren müssen“.

Mit der Europawahl Weichen für besseres und sozialeres Europa stellen

Kögel stehe aber als Unternehmen mit einer hohen Exportquote für ein vereintes und starkes Europa „mit beispiellosen Kunden- und Lieferantenpartnerschaften im In- und Ausland, um im interkontinentalen Wettbewerb auch weiter performen zu können“. Heckels zusammenfassender Appell lautet: „Unbedingt zur Wahl am 26. Mai gehen und somit Weichen und die Chancen für ein besseres und sozialeres Europa stellen.“

Stark exportorientiert ist auch die Offinger BWF-Group. Zwei Drittel der Produkte gehen in den europäischen Wirtschaftsraum: Neben inzwischen vier Produktionsstandorten in Deutschland wird in Polen, Österreich (jeweils ein Werk) und Italien (zwei Werke) produziert – und zwar je nach Sparte: Filtermedien zur Entstaubung, Produktfiltration und Fest-/Flüssigtrennung. Die Produkte werden unter anderem in Kraftwerken, Müllverbrennungsanlagen sowie in der Zement- und Stahlindustrie eingesetzt. Dazu kommen technische Nadelfilze in Form von Bahnenware und Endlosbändern, die im Brand-, Hitze- oder Arbeitsschutz zur Anwendung kommen. BWF fertigt Kunststoffprofile. Sie finden unter anderem Verwendung in den Bereichen Beleuchtung, Lichtwerbung, Bahnbeleuchtung und Displays. Und schließlich ist das Unternehmen seit über 120 Jahren Hersteller von klassischem Wollfilz.

Mitgliedsländer zu schnell aufgenommen

„Die EU kennt keine Handelsbarriere. Wir können frei Waren und Dienstleistungen liefern“, zählt der geschäftsführende Gesellschafter Stefan Offermann einen der aus seiner Sicht größten Vorteile auf. Auch Wechselkursschwankungen gehören der Vergangenheit an. „Die Einführung der Euro-Währung war positiv. Aber man hat zu viel und zu schnell Mitgliedsländer aufgenommen, die wirtschaftlich zu schwach waren.“

Die EU müsse so attraktiv gestaltet werden, „dass keiner raus will, sondern alle rein wollen“. Das sei bisher nicht in ausreichendem Maß gelungen.

Stefan Offermann, Geschäftsführer BWF Group Offingen.
Offermann

Den Krümmungsgrad von Gurken zu bestimmen, betrachtet der Manager ebenso wenig als Aufgabe der EU wie eine Förderung von Wirtschaftsbranchen in ärmeren Ländern, die dadurch gegenüber Deutschland erst konkurrenzfähig gemacht würden. Das ist für ihn nicht anderes als „Subventionsverzerrung“. Die EU müsse zu ihren Wurzeln zurück. Der europäische einheitlicher Wirtschaftsraum sei absolut wichtig, um Frieden zu wahren. „Die ganz Alten haben den Krieg noch erlebt. Friedenszeiten sind keine Selbstverständlichkeit. Und Frieden geht mit der EU sehr gut.“

Geschäftspartner in England sind alle unglücklich

Beim Brexit „wissen wir nicht wirklich, was passiert. Wir fahren auf Sicht. Zollpapiere wird es bei uns schnell geben. Das ist dann genauso, wie wenn wir zum Beispiel nach Marokko exportieren.“ Komisch und ungewohnt sei dies dennoch. „Die Geschäftspartner in England sind alle unglücklich.“

Seit etwa 15 Jahren produziert BWF nicht mehr in Großbritannien. Ehemalige Standorte lagen in Nordirland und England. Damals war die Idee der Briten, aus der EU auszusteigen, noch nicht aktuell. Unterschiedliche „Geschäftsphilosophien“ hätten die Offinger zu diesem Schritt seinerzeit veranlasst, sagt Offermann.

Der Kopf des Familienunternehmens schaut in die nähere Zukunft: „Wahnsinnig wichtig“ in Zeiten eines aufblühenden Nationalismus sei es, am Sonntag wählen zu gehen. Während der Mitarbeiterversammlung am Dienstagnachmittag hat Stefan Offermann darauf hingewiesen. Den Hinweis verstand er dabei nicht nur als Bitte. „Es ist eine Aufforderung.“

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