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Günzburg

08.07.2020

Wie Patienten wieder in die Gesellschaft integriert werden

Das Flachdach-Gebäude wurde in einer Holzständer-Stahlbeton-Kombination errichtet. Noch gibt es Restarbeiten im Außenbereich.
Bild: Georg Schalk

Die neue Forensische Nachsorgeambulanz in Günzburg hat ihren Betrieb in neuen Räumen aufgenommen. Was dort alles geleistet wird.

Wegen Corona keine Einweihung der Fona: Die neue Forensische Nachsorgeambulanz am Standort Günzburg ist fertig und hat – wegen der außergewöhnlichen Umstände – relativ still und unbemerkt von der Öffentlichkeit ihren Betrieb aufgenommen. Eigentlich sollte der Neubau, der 1,4 Millionen Euro gekostet hat, schon im Sommer 2019 bezogen werden. Doch wegen der boomenden Konjunktur und des Mangels an Baufirmen kam es zu einer zeitlichen Verzögerung.

In der ersten März-Woche erfolgte der Umzug, berichtet der zuständige Oberarzt Dr. Dieter Hagmayer, der die Forensische Nachsorgeambulanz in Günzburg seit 2015 leitet. Dann kam das Coronavirus mit voller Wucht, der Katastrophenfall wurde ausgerufen, es folgte der Lockdown. An eine Einweihungsfeier mit vielen geladenen Gästen war nicht mehr zu denken. Für die Inbetriebnahme spielte das keine Rolle.

Forensische Nachsorgeambulanz unterstützt Patienten bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft

Seit mehreren Monaten unterstützt die Forensische Nachsorgeambulanz nun in neuer Umgebung Forensik-Patienten beim Übergang von ihrer Entlassung aus dem Maßregelvollzug zur möglichst vollständigen Wiedereingliederung in die Gesellschaft. „Dieser Übergang ist gesetzlich verankert. Für jeden aus dem Maßregelvollzug Entlassenen tritt automatisch eine Führungsaufsicht ein“, erläutert Prof. Dr. Manuela Dudeck, Lehrstuhlinhaberin an der Universität Ulm und Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Günzburg.

Wie Patienten wieder in die Gesellschaft integriert werden

Dazu erlässt die zuständige Strafvollstreckungskammer entsprechende Weisungen. So bietet die Fona einerseits Hilfe bei Bewerbungen, der Wohnungssuche oder bei allen anderen sozialen Problemen an. Andererseits hat sie aber auch Kontrollfunktion: Die psychisch kranken oder suchtkranken Patienten – insgesamt sind es um die 70 – müssen sich regelmäßig Alkohol- und Drogenkontrollen unterziehen. Blutuntersuchungen finden statt, um zum Beispiel die Medikamentenspiegel zu bestimmen. „Im Schnitt bleiben die Patienten zwei bis fünf Jahre in der Fona“, sagt Dudeck.

Im Neubau in Günzburg gibt es unter anderem sieben Therapiezimmer

Die Ärztliche Direktorin ist sehr froh, dass die Zeiten, in denen die Ambulanz „in sehr unzulänglichen, baufälligen Räumen“ im Haus 56 untergebracht war, vorbei sind. „Wir brauchen mehr Leben. Jetzt ist endlich mehr Platz da“, sagt sie. Geschaffen wurden im Neubau sieben Therapie- und zwei Behandlungszimmer, zwei Konferenzräume, eine große Behindertentoilette, ein Archiv für Patientenakten, ein Technikraum mit Heizungsanlage für die Fußbodenheizung im Gebäude, Elektrik, IT und zentraler Brandmeldeanlage. Herzstück ist das Atrium, ein heller Innenhof, um den herum alle Gänge und Zimmer angeordnet sind.

Durchschnittlich bleiben Patienten, die nach Paragraf 64 des Strafgesetzbuches in die Günzburger Maßregelvollzugsklinik eingewiesen wurden, zwei Jahre dort. Sie wurden in eine Entziehungsanstalt eingewiesen, weil sie wegen einer Suchtkrankheit straffällig geworden sind oder während der Tat unter Alkohol- oder Drogeneinfluss standen. Der Paragraf 63 bestimmt, dass psychisch kranke und/oder intelligenzgeminderte Straftäter in die Klinik eingewiesen werden. Ihre Unterbringung ist zunächst auf sechs Jahre befristet und richtet sich nach den Behandlungserfolgen. „Im Schnitt sind diese Menschen vier bis sechs Jahre bei uns“, berichtet Dudeck. So ist zu verstehen, warum es notwendig ist, jemanden „an die Hand zu nehmen“, der zurück in die Gesellschaft kommen soll. Diese Hilfe beginnt bei der Suche nach einer Wohnung, reicht über Beratung bei einer Antragsstellung, Begleitung bei Behördengängen und erstreckt sich bis zur Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

In der Fona Günzburg arbeiten Ärzte, (Fach-) Pflegekräfte, Sozialpädagogen, Psychologen sowie eine medizinische Fachangestellte. „Etwa 60 Prozent unserer Arbeit findet bislang aufsuchend statt“, sagt Dr. Hagmayer. Die Mitarbeiter sind in Schwaben in einem Gebiet unterwegs, das sich in etwa von Nördlingen bis Memmingen und von Neu-Ulm bis Dasing erstreckt. Sie schauen sich vor Ort bei den Betroffenen um.

Die neue Einrichtung in Günzburg möchte - sobald dies möglich ist - beispielsweise Angehörigengruppen, Sozialsprechstunden, Sport- und Ergotherapie sowie Ohrakupunktur anbieten. All dies soll eine möglichst gute Re-Integration der Patienten in die Gesellschaft befördern. Haus 56 wird kommenden Winter abgerissen und weicht dem Neubau eines Pflegeheimes für den Geschäftsbereich „Wohnen und Fördern“.

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